Hertha BSC

Raffael zum Medizin-Check nach Kiew

Herthas brasilianischer Spielmacher wechselt ins ukrainische Champions-League-Team

- Am Ende wurde Raffael von den Ereignissen überrascht. Am Mittag im Mannschaftshotel im Trainingslager antwortete der Spielmacher von Hertha BSC dem Morgenpost-Reporter auf die Frage, ob er am Donnerstag mit der Mannschaft trainieren werde mit "Ich glaube ja." Doch am Abend war der Brasilianer bereits unterwegs. Hertha BSC hatte Raffael genehmigt, seinen Wechsel zu Dynamo Kiew zu vollziehen. Der Spielgestalter der Berliner wurde am Mittwochabend von einem hochrangigen Hertha-Mitarbeiter nach Wien gebracht. Von dort aus wird er heute Vormittag zur sportmedizinischen Untersuchung in die Hauptstadt der Ukraine fliegen. Dynamo Kiew will Raffael unbedingt bis heute um Mitternacht für die Uefa-Champions-League melden. Raffael soll bereits am 31. August für Dynamo spielen, das in der Qualifikation zur Champions League auf Feyenoord Rotterdam trifft.

Hertha BSC war sich bereits länger mit Kiew über eine Ablöse von acht Millionen Euro einig. Das ist die zweithöchste Summe, die der Hauptstadt-Klub je erzielt hat. Nur Sebastian Deisler war 2002 für mehr Geld an den FC Bayern verkauft worden (8,2 Mio.). Über beinahe zwei Wochen hing der Deal zwischen Dino Lamberti, dem Berater von Raffael, und Dynamo. Doch gestern wurde der Durchbruch erreicht. Der Offensivspieler erhält in der Ukraine einen Vier-Jahres-Vertrag, der Raffael eine Traumgage von insgesamt 20 Millionen Euro netto bescheren soll.

Somit hatte Raffael am Vormittag auf dem pitschnassen Rasen des SV Stegerbach seine letzte Trainingseinheit für Hertha BSC bestritten. Der stille Techniker war im Januar 2008, damals für 4,3 Millionen Euro Ablöse vom FC Zürich, gekommen. Raffael hat für die Berliner in insgesamt 140 Ligaspielen 30 Tore erzielt und 33 vorbereitet.

Vier Landsleute bei Dynamo

Um die Dienste von Raffael, dessen Vertrag bei Hertha bis 2014 datiert war, hatte sich auch der SSC Neapel bemüht. Dem Hamburger SV, der Ende vergangener Woche beim Raffael-Agenten angefragt hatte, war dann mitgeteilt worden, die Hanseaten hätten lediglich noch Außenseiter-Chancen.

Raffael hat sich nun für das mit Abstand beste finanzielle Angebot entschieden. Seine Ehefrau Jamilly war zunächst gegen einen Umzug in die Ukraine, sie wäre lieber in Deutschland geblieben. Neben den wirtschaftlichen Aspekten dürften auch die künftigen Teamkollegen Raffael den Wechsel erleichtert haben: Bei Dynamo Kiew spielen bereits vier Brasilianer.

Es ist davon auszugehen, dass Raffael den Medizintest besteht, er war in den Jahren in Berlin nie länger wegen irgendeiner Verletzung ausgefallen. Im Anschluss sollen dann die Verträge unterschrieben werden.

Manager Michael Preetz hatte Trainer Jos Luhukay bereits vor dessen Verpflichtung Ende Mai darüber informiert, dass damit zu rechnen sei, dass mit Raffael der beste Spieler den Verein verlassen werde. Deshalb hatte Luhukay seine Aufstiegshoffnungen bei seinen Statements auch nie mit dem Namen Raffael verbunden. Vielmehr hatte der Trainer schon zu Anfang des Trainingslagers die Verpflichtung von geballter Offensivkraft begründet eben mit dem sich anbahnenden Abgang des Stars. "Wir dürfen nicht blauäugig sein, wir müssen vorbereitet sein, falls Raffael oder Adrian Ramos uns verlassen", hatte Luhukay anlässlich der Vorstellung von gleich drei Stürmern gesagt. Die, die Hertha im rekordverdächtigen 30-Minuten-Takt in der Vorwoche unter Vertrag genommen hatte: Sami Allagui, Sandro Wagner und Ben Sahar.

Nimmt man Elias Kachunga hinzu, die Leihgabe von Bundesligist Borussia Mönchengladbach, hat Hertha vier Stürmer geholt. Die notorische Schwäche vor dem gegnerischen Tor hatte den Berlinern in der vergangenen Saison den Bundesliga-Abstieg eingebrockt, wer in 34 Spielen gerade 39 Treffer erzielt, braucht sich darüber nicht zu wundern. Für eine erfolgreiche Mission Wiederaufstieg rechnet Trainer Luhukay hoch, "brauchen wir 60 Tore, mindestens."

Hertha wird den größten Teil der Raffael-Millionen dazu verwenden, um die Verbindlichkeiten zu senken. Mit Allagui ist bereits der "Königstransfer" getätigt worden, der helfen soll, den Raffael-Abgang zu verkraften.

Das Zeug zum Führungsspieler

"Mit Sami haben wir eine Qualität bekommen, die wir so bisher nicht hatten", erzählt Manager Michael Preetz, "er ist Torjäger und Vorbereiter in einem." Trainer Luhukay beschreibt seinen neuen Angreifer als "Schlitzohr, er ist ein richtiger Vollstrecker. Das hat er bei seinen bisherigen Vereinen gezeigt. Er ist im Umschalten sehr schnell und im 16er brandgefährlich." Hertha hat für den Stürmer so viel Geld in die Hand genommen, wie lange nicht mehr: 1,5 Millionen Euro Ablöse überweist der Zweitligist in zwei Tranchen an den FSV Mainz 05. Im Gegensatz zu Wagner und Sahar, die beide noch Fitness-Rückstände aufholen müssen, hat sich Allagui trotz der Kürze der Zeit bereits eingefunden.

Ein direkter Vergleich mit Raffael macht keinen Sinn, dafür sind die Spieler zu verschieden. Es fällt aber auf, dass Allagui das Potenzial hat, eine führende Rolle im Team einzunehmen. Raffael hat sich auf Deutsch meist zurückgehalten. Allagui, ein in Düsseldorf geborener Deutsch-Tunesier, formuliert klar: "Ich bin jemand, der sich gut einfügen Mein Eindruck ist, dass hier etwas aufgebaut werden soll. Hertha hat einen Super-Trainer geholt. kann", sagt er. Zudem hilft es ihm, dass er das gesamte Konditionsprogramm bereits in Mainz mitgemacht. Er kennt nicht nur die Bundesliga, er kennt auch die Zweite Liga. Für Carl Zeiss Jena und Greuther Fürth hat Allagui in 81 Spielen 30 Tore erzielt und 18 vorbereitet.

Allagui hat klare Vorstellungen, wie Herthas Saisonstart in Liga zwei aussehen soll: "Ich hoffe, dass wir überzeugenden, offensiven Fußball spielen. Wir werden uns nicht verstecken. Wir wissen, dass wir einer der Topfavoriten auf den Aufstieg sind." Ein wichtiges Anliegen ist, dass "wir die Fans auf unsere Seite bekommen, um die Euphorie hochzujagen."

Hertha-Blog Mehr aus dem Trainingslager unter www.immerhertha.de