Olympisches Dorf

Enger als Delhi und eleganter als Marbella

Der Betrieb im olympischen Dorf läuft auf Hochtouren

- Olympia-Novizin Miriam Welte staunt. Bahnrad-Kollege Stefan Nimke findet es "ganz okay", die Gastgeber feiern sich für großartige Leistungen - nur die Inder beklagen arg beengte Verhältnisse. Am olympischen Dorf scheiden sich die Geister. Doch optische Sünden hin, Pathos unter den fünf Ringen her - das Herz der Spiele pulsiert mittlerweile.

In Stratford, wo einst Brachland und Fabrikhallen dominierten, tummelt sich auf 73 Hektar die "Jugend der Welt". Rund 10.000 der 17.320 Betten in 3300 Apartments sind belegt, die Szenerie in Sichtweite des Olympiastadions gleicht einer riesigen Klassenfahrt. Zweckmäßigkeit ist angebracht, Luxus erwartet niemand.

Niemand bis auf Paresh Nath Mukherjee. Mit seinen 66 Jahren gehört der Generalsekretär des indischen Bogenschützen-Verbandes nur noch mit viel gutem Willen zur Weltjugend, dies hindert ihn aber nicht daran, ein vernichtendes Urteil zu sprechen: "Bei den Commonwealth Games 2010 in Delhi hatten die Unterkünfte fünf Sterne - das hier sind vielleicht zwei."

13 Quadratmeter Wohnfläche stehen jedem Sportler zur Verfügung. Mukherjee, Funktionär aus Kalkutta, der Stadt der Enge, ledert dennoch los. "Blitzblank ist es ja, aber man kann sich überhaupt nicht in den Zimmern bewegen. In Delhi war es vor zwei Jahren um Klassen besser, und wir sind damals kritisiert worden."

"Die Mensa ist der Wahnsinn"

Londons Bürgermeister Boris Johnson will dies nicht auf sich sitzen lassen, die Replik folgt auf dem Fuß: "Das Dorf ist doch eleganter als die meisten Timesharing-Wohnungen auf Marbella", sagt Johnson, während er auf der Village Plaza die offizielle Begrüßung der britischen Mannschaft genießt. Die Haare vom Wind zersaust, die Krawatte fast bis ans Knie fallend, die Olympiasiegerinnen Tessa Senderson und Kelly Holmes im Arm. Johnson gefällt es sichtlich: "Großartig, das Dorf ist großartig." Die "Plaza" ist Herzstück des Geländes, auf dem sich bis zu 20.000 Menschen tummeln. Viele Leute, wenig Platz - das klassische Großstadtproblem bewirkt, dass auch das olympische Dorf auf das Konzept mächtiger Betontürme - getrennt durch kleinere Grünzonen - setzt.

"Mensch, ist das riesig hier", sagt Bahnsprint-Weltrekordlerin Welte bei ihrer Besichtigungstour, "alleine die Mensa ist schon der Wahnsinn." 5500 Sportlermägen können dort gleichzeitig gefüllt werden, 24 Stunden am Tag. Pizza um drei Uhr morgens, in Knoblauch gebratene Garnelenspieße zum Frühstück - alles kein Problem. Nur Alkohol muss von außerhalb ins Dorf geschafft werden.

Abgesehen davon fehlt es den Bewohnern an nichts: Geistliche aller Konfessionen, Bank, Post, Supermarkt, Ärzte. "Ich kenne das ja schon, man findet im Dorf alles", sagt Stefan Nimke. Für den Teamsprint-Olympiasieger von 2004 sind es die vierten Spiele, dementsprechend unaufgeregt bewegt sich der 34-Jährige an der Seite der beeindruckten Welte. Im Vergnügungszentrum des Dorfes dürfen Stars zu Kindern werden. Nimke und Welte nehmen einen Kickertisch in Beschlag.

So viel Ruhe hat ihren Preis: Von außen wirkt das Dorf wie ein Gefängnis. Vier Meter hohe, 5000 Volt starke Elektrozäune, an den Eingängen penible Kontrolleure. Niemand, der nicht soll, kommt hinein.

Die Sportler sind schon drin. Und richtig negativ fällt Nimke im Vergleich zu seinen bisherigen Olympia-Trips nur eines auf: "Der Kraftraum ist wirklich klein. Aber wer jetzt noch trainieren muss, hat eh nichts drauf."