Olympia

Im Auftrag Ihrer Majestät

Gastgeber Großbritannien hat so viel Geld wie noch nie in die Olympia-Mannschaft gesteckt. Das weckt hohe Erwartungen

- Wenn alles gut läuft für Mark Cavendish (27), geht am Sonntag die Post ab mit ihm. Oder zumindest mit seinem Konterfei. Denn jedem britischen Olympiasieger hat die staatliche Post versprochen, ihn auf einer Briefmarke zu verewigen. Cavendish muss nur noch das Straßenradrennen am Sonnabend gewinnen. Ob seine Landsleute sich wohl schon mit extra Briefumschlägen eingedeckt haben?

Optimistisch bis euphorisch geht die Gastgebermannschaft in die Heim-Spiele, die am Freitagabend im Olympiastadion im Londoner Stadtteil Stratford eröffnet werden (21.30 Uhr, ZDF live). Favoriten hat sie einige in ihren Reihen, wie Sir Chris Hoy, Bahnrad-Idol und Fahnenträger, Cavendish oder Jessica Ennis. Die 26 Jahre alte Siebenkämpferin ist ein Darling im Lande und nicht böse um ihre Rolle als Gesicht der britischen Leichtathleten. Sagt sie jedenfalls.

"Vor vier Jahren war ich verletzt und echt enttäuscht. Insofern kann ich mich nicht beschweren über die Position, in der ich mich jetzt befinde", so Ennis dieser Tage im Trainingslager in Portugal. Und auf noch etwas freut Ennis sich, wenn am 4. August der finale 800-Meter-Lauf des Siebenkampfs gestartet wird: das Heimpublikum. "Das klingt vielleicht ein bisschen kitschig jetzt. Aber es gibt einem Auftrieb und hilft einem, besser über die Runden zu kommen."

40 Medaillen sind ein Misserfolg

Längst sind die Zeiten vorbei, in denen das britische Publikum sich grämen musste ob der nationalen Olympiabilanz. Wie 1996, als das Land mit nur einer Goldmedaille von den Sommerspielen in Atlanta heimkehrte − und damit mit zweien weniger als Kasachstan. Seitdem hat sich die Erwartungshaltung völlig (und völlig zu Recht) verändert. 48 Medaillen in wenigstens zwölf Sportarten sind das Ziel der Gastgebermannschaft in London. Vor vier Jahren schon sind es 47 in elf Sportarten gewesen, darunter 19 goldene. Wobei man etwa 55 durchaus für wahrscheinlich hält - und 40 für einen Misserfolg.

Den Leistungssport im Lande steuert maßgeblich eine regierungseigene Agentur namens UK Sport. Sie verteilt die Gelder aus Lotterieeinnahmen an die britischen Sportverbände. Mit mehr als 300 Millionen britischen Pfund (385 Millionen Euro) hat sie ihre Schäfchen in den vergangenen vier Jahren üppigst alimentiert. Wohl auch deshalb sagt UK-Sport-Chefin Liz Nicholl forsch: "Für Underperformance gibt es keine Entschuldigung!"

Ohnehin sind sich alle einig: "Team Großbritannien geht in die Spiele als die am besten vorbereitete Mannschaft in der britischen Geschichte", wie der Sport- und Olympiaminister Hugh Robertson stellvertretend sagt. Er versichert: "Die Medaillenerwartungen sind hoch, doch ich bin sicher, dass unsere Athleten die Herausforderung meistern werden." Ganz gemäß dem Slogan: "Our Greatest Team" − was nicht nur auf die Zahl von 542 Olympia-Teilnehmerinnen und -Teilnehmern gemünzt ist, womit Team GB das größte ist in London. Colin Moynihan schlägt in die gleiche Kerbe: "In London startet die am besten vorbereitete und am besten unterstützte Mannschaft, die wir jemals hatten", glaubt der Präsident des Britischen Nationalen Olympischen Komitees (BOA). Dabei, findet er, "haben wir kein Team von Stars, sondern ein Star-Team".

Die Begeisterung so kurz vor der Eröffnungsfeier am Freitagabend vermag indes nicht zu kaschieren, dass es zuletzt auch atmosphärische Störungen gegeben hat im Vereinigten Königreich. Derart erpicht darauf, ihren "No Compromises Approach" ("Keine-Kompromisse-Ansatz") zu erfüllen, war UK Sport, dass die Agentur am liebsten auf die Strategie verzichtet hätte, bei den Heim-Spielen - übrigens als einzige Nation − in allen Sportarten vertreten zu sein. UK Sport wäre vielmehr eine Konzentration der Fördermittel auf erfolgversprechende Sportarten und Disziplinen lieber gewesen zu Ungunsten anderer. Die BOA sieht das anders.

Sportminister Robertson sprach davon, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) vor den Spielen in London "nicht unerheblich Druck" auf die Gastgebernation ausgeübt habe mit dem Ziel, "den Ticketverkauf anzukurbeln". Für den nächsten Olympiazyklus allerdings gilt das nicht mehr. Dann heißt es tatsächlich: "No Compromises". Erfolglose Sportverbände müssen dann mit empfindlichen Mittelkürzungen rechnen. Das Fördervolumen unterdessen soll bis Rio de Janeiro 2016 gleich bleiben. Es geht um Erfolge im Spitzensport möglichst auf lange Sicht.

Als Blaupause könnte dabei der Erfolg einer besonders preisgekrönten Disziplin dienen: Bahnradfahren. Seit Chris "The Flying Scotsman" Boardman 1992 in Barcelona das erste olympische Gold für Großbritannien nach 72 Jahren gewann, hat sich drastisch viel verändert im Verband. UK-Sport-Leistungssportdirektor Peter Keen legte das Projekt Weltklasse auf, mit dem er, so schildert es Richard Moore in seinem Buch "Heroes, Villains & Velodromes", die Verantwortlichen der Regierungsagentur wie Sportler gleichermaßen beeindruckte. Chris Hoy soll damals gesagt haben: "Es schien beinahe, ich weiß nicht... zu ambitioniert", und er dachte: "Ich würde es ja gern glauben, aber es schien zu schön, um wahr zu sein."

Heute ist der Wunschtraum längst Realität. Großbritannien ist mit Abstand die beste Bahnradnation der Welt. In Peking 2008 steuerte die Disziplin gleich acht Goldmedaillen zur Bilanz bei. Weniger sollen es nun auch nicht werden.

Rückkehr des Empire

Als Faustformel galt: Je erfolgreicher die Briten ihre Runden auf dem Holzoval drehten, desto mehr Fördergeld erhielten sie, desto mehr Akribie entwickelten sie, desto mehr Siege kamen hinzu, desto üppiger wurde die Förderung, zuletzt geschätzte fünf Millionen Pfund jährlich. "Am Ende sorgte ein sich selbst erfüllender Kreislauf für das gefürchtetste Programm in dem Sport", stellt bewundert die "New York Times" fest. Erfolg im Leistungssport, so lautet die Erfahrung auf der Insel, ist planbar. So sehr, dass dem "Wall Street Journal" schon schwant, die "Rückkehr des British Empire" stehe bevor.