Athleten

Vier Heimatlose starten unter der olympischen Flagge

Was staatenlose Athleten in London erwartet

- Vorne werden wieder die Griechen laufen dürfen, immerhin haben sie die Olympischen Spiele erfunden. Ganz hinten kommen die Briten, weil sie Gastgeber sind. Dazwischen ordnet sich alles nach dem Alphabet, in der Sprache des Gastgeberlandes, englisch. So dürfte es bei der Eröffnungsfeier laufen, wenn Großbritannien sich als Gastgeber an die bei bisherigen Spielen gängige Reihenfolge beim Einlauf der Nationen hält. Am Ende des ersten Drittels, zwischen "Iceland" und "India", dürfte der Sportler Guor Marial zu finden sein. Er kommt aus dem Südsudan, und weil das Land mit "s" beginnt, müsste er sich eigentlich sehr viel weiter hinten einordnen. Weil das Land aber gar nicht dabei sein wird, darf sich Marial bei "i" wie "Independent" einreihen. Das ist doch ein netter Vorteil für einen unabhängigen, staatenlosen Teilnehmer. Vielleicht wird Marial Fahnenträger sein, das ist noch offen. Auch Reginald de Windt und Liemarvin Bonevacia stünden bereit. Möglicherweise lassen die drei Herren aber auch der einzigen Dame unter den unabhängigen Athleten den Vortritt, Philipine van Aanholt. Wer es auch sein wird: Weil es keine Landesflagge gibt, die er oder sie hochhalten könnte, müssen sie mit den olympischen Ringen auf ihrer Fahne vorlieb nehmen.

Zum dritten Mal dürfen Athleten unter olympischer Flagge bei Sommerspielen starten. Sechs Tage vor dem Auftakt in London erhielt der Bürgerkriegsflüchtling Guor Marial aus dem Südsudan die Erlaubnis vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Die anderen Drei, für die diese Ausnahmeregelung angewendet wird, stammen von den Niederländischen Antillen, einem im Jahr 2010 aufgelösten Inselverbund. Einige Inseln wurden den Niederlanden angegliedert, andere bestanden auf ihre Autonomie und sind nun weitgehend unabhängige Staaten. Aber, und das ist für das IOC als Olympia-Organisator ausschlaggebend, seit der Auflösung des Staatenverbunds haben die Antillen-Überbleibsel auch kein Nationales Olympisches Komitee mehr. Und ein Staat ohne NOK wird kein Staat bei Olympia. Der Südsudan besitzt auch keines, er hatte noch nie eins, weil er erst 2011 unabhängig vom Sudan wurde.

Die vier Sportler aus diesen Ländern haben also Glück gehabt. Reginald de Windt wird beim Judo starten, Liemarvin Bonevacia über 400 Meter. Philipine van Aanholt wird segeln. Und Guor Marial den Marathon laufen. Die Norm hat er doppelt erfüllt, im Juni lief er mit 2:12:55 Stunden persönliche Bestzeit.

1992 in Barcelona starteten erstmals Sportler aus dem früheren Jugoslawien unter der IOC-Flagge, 2000 in Sydney Athleten aus Osttimor. Diesmal also von den Niederländischen Antillen und aus dem Südsudan. "Er läuft aktuell Zeiten, mit denen er wahrscheinlich keine Medaille gewinnen wird", sagt IOC-Sprecher Mark Adams über Guor Marial. Sollte Adams sich irren, sollte Guor Marial oder einer der anderen unabhängigen Athleten Gold gewinnen, gäbe es ja noch so eine organisatorische Frage: Welche Hymne würde bei der Siegerehrung gespielt werden? Die olympische. Spyros Samaras hat sie 1896 komponiert, der Text kommt von Kostis Palamas, beide Griechen. Sie waren schon immer die ersten bei Olympia.