Serie: Mein Olympia

Per Castingshow zum Olympia-Glück

Die deutsche Handballerin Lyn Byl ist dabei, obwohl ihr Team scheiterte. Teil 1 der Morgenpost-Serie "Mein Olympia"

- Das große Ziel kann Lyn Byl gar nicht aus den Augen verlieren. Von ihrem Haus im Londoner Stadtteil Crystal Palace sind es nur rund 100 Meter bis zur Trainingshalle. Fast jeden Tag hat die Handballspielerin diesen Weg in den vergangenen Monaten zurückgelegt, zwischen Wohnort und Übungsstätte ist so ein olympischer Traumpfad für sie entstanden.

Lyn Byl, 32 Jahre alt, geboren in Wuppertal und 14 Saisons lang Spielerin in der Bundesliga, kann das immer noch nicht so recht fassen. Wenn am Freitag die Sommerspiele in ihrer neuen Wahlheimat beginnen, ist sie dabei, obwohl die alten Kolleginnen aus der deutschen Handball-Nationalmannschaft zum Zuschauen verdammt sind. Byl hat die größte Castingshow überstanden, die die Sportart je erlebt hat, und nun, vier Tage vor der Eröffnungsfeier, wird ihr zunehmend bewusst, dass sich die ganze Plackerei ausgezahlt hat. "Das ist das Beste, was mir überhaupt passieren konnte", sagt sie. "Ich habe lange nicht damit gerechnet, dass ich die Chance bekomme. Für mich ist das einfach nur fantastisch."

Als London vor sieben Jahren den Zuschlag für die Ausrichtung der Sommerspiele 2012 erhielt, wusste Byl, dass ihr möglicherweise Großes bevorsteht. Ihr Vater ist Deutscher, ihre Mutter Engländerin, sie selbst besitzt zwei Pässe. Das machte sie interessant für den britischen Verband. Um als Gastgeber auch eine schlagkräftige Olympiamannschaft im Handball auf die Beine zu stellen, suchte man per Internetanzeige europaweit nach Verstärkungen. Byl brachte sich über den damaligen Trainer Morten Arvidsson ins Gespräch, den sie aus gemeinsamen Tagen in der Bundesliga kannte - und wurde rasch genommen.

Ihre Meriten als langjährige Kreisläuferin in Leverkusen und Buxtehude genügten, denn zum Casting erschienen auch Spielerinnen, die noch nie einen Handball aufs Tor geworfen hatten. "Zu Anfang", sagt Byl, "war mir gar nicht klar, worauf ich mich da eingelassen habe."

Inzwischen ist sie sehr viel schlauer. Vor elf Monaten ist sie aus ihrer WG in Köln nach London gezogen, um sich voll und ganz auf das große Ziel konzentrieren zu können. Sie lebt jetzt wie ein Profi, der Job als Physiotherapeutin ruht, in London wohnt sie weitgehend von ihrem Ersparten. Sie macht das gern. Die Chance auf die Olympia-Teilnahme hat alles in den Hintergrund gedrängt.

Byls Mitspielerinnen kommen aus Dänemark, Norwegen, Schweden, der Schweiz und Frankreich. Es ist eine europäische Truppe, vereint in dem Umstand, dass ein Elternteil jeweils britisch ist. Sie sind nun Avantgardisten einer Sportart, die in England weitgehend fremd ist. Zwar gab es schon vor dem Casting eine drittklassige Nationalmannschaft, Ligabetrieb oder professionelle Strukturen aber sind immer noch nicht eingeführt worden. Hören die Engländer Handball, denken sie vor allem an ein Handspiel im Fußball.

An die Unbedarftheit hat sich Byl rasch gewöhnt, sie wusste, dass sie als Grenzgängerin auch Aufklärungsarbeit würde leisten müssen. Auch dass der Weg lang werden würde, war ihr bewusst. "Zu Anfang waren die Ergebnisse nicht gerade vielversprechend", sagt sie. Byl hat zwar auch fünf Länderspiele für Deutschland bestritten, doch damals war sie erst 19. Und wer im Handball drei Jahre nicht für seinen Verband antritt, kann problemlos für eine andere Nation auflaufen. Byl ist jetzt ein bisschen deutsche Handballvergangenheit und britische Handballgegenwart.

Neulich ist sie das erste Mal durch den Olympiapark im Londoner Stadtteil East End gefahren. Vorbei an der riesigen Halle, in der das Basketball-Dreamteam der USA spielen wird und wo auch die Finalspiele im Handball stattfinden werden. Es war die letzte Bestätigung dafür, dass sie zum Ende ihrer Karriere alles richtig gemacht hat. "Bei Olympia hast du mehr Presse und Medienaufkommen. Das ist eine große Gelegenheit, die Sportart voranzubringen", sagt sie.

Botschafterin in eigener Sache ist Byl schon früher gewesen. Als ihr damaliger Klub Bayer Leverkusen 2001 in finanzielle Schieflage geraten und der Fortbestand der Handball-Frauen-Mannschaft unklar war, stellte sich Byl kurzerhand gemeinsam mit Kollegin Yvonne Karrasch für ein aufsehenerregendes Bodypainting zur Verfügung. Mit der Maßnahme wollten sie auf die Probleme des Klubs aufmerksam machen und neue Sponsoren gewinnen. Das mit den Sponsoren klappte zwar nicht so richtig, aber die vollgepinselte Byl war kurzzeitig die Attraktion der ganzen Liga.

Elf Jahre später will sie nun wieder für Aufsehen sorgen, wenn auch auf rein sportlicher Basis. "Unser großes Ziel ist das Viertelfinale. Aber wir wissen, dass das fast unmöglich ist, weil wir dann zwei Spiele in der Vorrunde gewinnen müssten", sagt die Kreisläuferin. "Ich hoffe, dass wir unseren besten Handball bei dem Turnier zeigen können und die Zuschauer als Mannschaft beeindrucken - auch wenn wir am Ende vielleicht keine Punkte holen."

Zum Auftakt geht es am Sonnabend gegen Montenegro. Byl hat Karten für Freunde und Familie besorgt. Sie erhält auch Unterstützung von der deutschen Nationaltorhüterin Clara Woltering und ihrer früheren Mitbewohnerin Anna Loerper, ebenfalls Nationalspielerin. Beide waren 2008 in Peking dabei, die neuerliche Qualifikation haben sie im vergangenen Jahr bei der Weltmeisterschaft in Brasilien verpasst. Nun drücken beide Großbritannien die Daumen, weil dort eben Freundin Lyn spielt. "Ich hätte mich gefreut, wenn Deutschland dabei gewesen wäre. Ein Spiel gegen mein altes Team wäre für mich ein weiteres Highlight bei Olympia geworden", sagt Byl.

Nach den Olympischen Spielen wird sie nach Köln zurückkehren, sie will dann nicht mehr Handball spielen, aber wieder als Physiotherapeutin arbeiten.

Vielleicht wird sie ohne ihren Freund zurückkehren, der vor kurzem ebenfalls nach London gezogen ist und als Hotelfachmann im noblen Ritz Carlton arbeitet. Das Timing sei etwas unglücklich gewesen, sagt Byl, aber sie hat natürlich schon eine Lösung parat. Köln und London sind auch nur eine Flugstunde voneinander entfernt, "und durch die Zeitverschiebung verliere ich nichts."

Ein weiteres Leben als Grenzgängerin, sagt sie, sei durchaus vorstellbar.

Lesen Sie morgen im zweiten Teil: Jo Frith ist während der Sommerspiele eine von 70.000 Volunteers. Ihr Einsatzbereich: Sie soll Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt, betreuen.