Zweite Liga

Hertha kennt nur einen Weg - nach oben

Im Vergleich mit der Zweitliga-Konkurrenz wirken Berlins Probleme derzeit winzig

- Es war der größte Tross, den Hertha BSC jemals in ein Trainingslager entsandte, der gestern Nachmittag in Graz dem Flugzeug entstieg und sich mit dem Bus zum Zielort Stegersbach aufmachte. 31 Spieler und 18 Offizielle sind nach Österreich gereist. Mit an Bord: die drei erst am Tag zuvor erworbenen Angreifer Sami Allagui, Ben Sahar und Sandro Wagner, die zum Verkauf stehenden Raffael und Adrian Ramos und Präsident Werner Gegenbauer. Daheim bleiben musste kurzfristig nur der an der Wade verletzte und eine Woche ausfallende Nikita Rukavytsya. Im Burgenland soll der Grundstein für das Projekt Wiederaufstieg gelegt werden.

Der Erfolg soll über die Arbeit auf dem Trainingsplatz zurückkehren, nicht über einen totalen Umbau der Mannschaft. Im Gegensatz zum Umbruch nach dem Abstieg vor zwei Jahren, sind die Hertha-Transferaktivitäten in diesem Sommer zurückhaltend - trotz der drei neuen Stürmer. 2010 standen 14 Zugängen 24 Abgänge gegenüber. Diesmal haben Manager Michael Preetz und Trainer Jos Luhukay lediglich elf Spieler geholt, sieben gingen.

Wobei unter den Neuen viele den Weg von der Kabine zum Schenckendorffplatz bereits seit langer Zeit kennen: Fünf junge Spieler waren ausgeliehen und sind zurückkehrt zu Hertha. Bleiben unter dem Strich also nur sechs echte Novizen.

Die wichtigste Veränderung fand auf der Berliner Bank statt: Statt vieler Spieler holte Michael Preetz in Luhukay nicht nur einen neuen Trainer, sondern auch eine frische Spielphilosophie - und blieb selbst trotz massiver Kritik im Amt. Das sieht bei den Mitabsteigern und den Konkurrenten um den Aufstieg ganz anders aus: Beim 1. FC Kaiserslautern bangen sie um den Verbleib von Stefan Kuntz. Der Vorstandsvorsitzende soll als Nachfolger von Matthias Sammer als Sportdirektor beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) im Gespräch sein.

St. Paulis Probleme beim Einkauf

Beim FC St. Pauli wurde der Sportchef bereits ausgetauscht: Im Mai musste Helmut Schulte seinen Stuhl räumen. Dessen Büro bezog Rachid Azzouzi aus Fürth - und der gab alsbald offen zu, dass er sich mit Verpflichtungen schwer tue. Seit seinem Amtsantritt Ende Mai heißen die Geholten Lennart Thy (von Werder Bremen), Daniel Ginczek (vom VfL Bochum), Robin Himmelmann (von Schalke II) und Akaki Gogia (aus Augsburg). "Bei Ingolstadt und 1860 München sitzt das Portemonnaie deutlich lockerer", sagte Azzouzi zu seinen Problemen.

Zu 1860 München hat St. Pauli seinen Abwehrspieler Moritz Volz ziehen lassen müssen. Außerdem krallten sich die Löwen unter anderem Moritz Stoppelkamp von Europa-League-Teilnehmer Hannover 96. Damit lassen sich Abgänge, wie die von Stefan Aigner (zu Eintracht Frankfurt) und Kevin Volland (nach Hoffenheim), qualitativ ordentlich kompensieren. Trotzdem liegen die Sechziger bei den Wettanbietern nur auf Platz drei. Topfavorit auf den Aufstieg in die Bundesliga ist: Hertha BSC.

Zwischen den beiden Klubs rangiert der 1. FC Köln. Und das trotz 13 Abgängen (unter ihnen Lukas Podolski und Sascha Riether) und 19 Zugängen, einem neuen Trainerteam um Holger Stanislawski, einer Geschäftsführung, die im kommenden Jahr ziemlich geschlossen das Geißbockheim verlassen wird, und genauso prominenten wie teuren Namen auf der Abschussliste: darunter die Innenverteidiger Pedro Geromel und Ex-Herthaner Christopher Schorch, Torwart Michael Rensing und Stürmer Milivoje Novakovic. Bleiben die Betroffenen in Köln unter Vertrag, droht dem Klub in der anstehenden Saison eine Deckungslücke im Etat, die mehr als sechs Millionen Euro groß sein soll.

Dagegen muten die Baustellen von Herthas Manager Preetz an wie Spielereien mit Plastikbaggern. Zusammen mit Luhukay muss zwar der Kader noch ausgedünnt werden, doch geht es dabei in erster Linie darum, welche der vielen jungen Spieler in der ersten Mannschaft bleiben dürfen, wer im U23-Team mitspielen soll und wer ausgeliehen oder verkauft wird.

Raffael-Transfer muss Geld bringen

Hertha hat sich mit den am Tag vor dem Abflug ins Trainingslager verpflichteten Angreifern sowie den Mittelfeldspielern Peer Kluge und Marcel Ndjeng sogar recht prominent verstärken können.

All dies ist nur möglich, weil Offensivstratege Raffael demnächst verkauft werden soll. Seine Ablöse muss nicht nur genug Geld in die leere Kasse spülen, um die Überweisungen an Mainz 05 (für Allagui, 1,6 Millionen Euro) und Werder Bremen (für Wagner, geschätzte 250.000 Euro) auszugleichen, sondern auch einen möglichen Verbleib von Stürmer Adrian Ramos zu kompensieren. Denn anders als bei Raffael sind Interessenten für den Kolumbianer derzeit nicht in Sicht. Dabei belastet sein Millionengehalt den auf 13 Millionen Euro halbierten Spieleretat gewaltig.

Doch ein Weggang wäre nicht nur finanziell ein Gewinn für Hertha. Auch personell muss in der Offensive möglichst bald aussortiert werden. Zählt man die drei Neuen zu den von Hertha als Stürmer geführten Spielern, kommen neun Angreifer zusammen. Wie soll Luhukay die alle beschäftigen und bei Laune halten? Immerhin eine Woche lang wird es für alle genug zu tun geben. "Wir werden im Trainingslager arbeiten", hatte der Trainer gelassen angekündigt. Natürlich für den Wiederaufstieg.