Leichtathletik

Gestatten, der Spieleverderber für Usain Bolt

Mit Yohan Blake hat der Sprintstar erstmals einen ernsthaften Gegner - aus der eigenen Trainingsgruppe

- Große Jubelposen gab es nicht. Nur ein kurzes Lächeln huschte über Yohan Blakes Gesicht, als er auf der Anzeigetafel seine Zeit sah. In 9,85 Sekunden hatte der Sprinter aus Jamaika am Dienstagabend beim Leichtathletik-Meeting in Luzern locker den 100-Meter-Lauf gewonnen. Meetingrekord, eine starke Zeit, aber für den 22-Jährigen schon so etwas wie Alltagsgeschäft. Er habe doch nur den Auftrag seines Trainers Glen Mills ausgeführt: "Ich sollte ein technisch sauberes Rennen durchziehen." Die Konkurrenz sei ja nicht so toll gewesen. Aber: "Die Bahn war sehr gut, und die Leute hier waren sehr nett." Sprach's und verabschiedete sich nach seinem ersten Start in Europa in diesem Jahr ins Trainingsquartier - die Jamaikaner bereiten sich in Birmingham auf die Olympischen Spiele (ab 27. Juli) vor.

Und doch waren die 9,85 Sekunden auch wieder ein Zeichen in Richtung seines Landsmannes Usain Bolt (25). Spätestens nämlich, seit Blake bei den jamaikanischen Olympiaausscheidungen vor gut zwei Wochen in Kingston den unbesiegbar scheinenden Bolt über 100 Meter (9,75 Sekunden gegenüber 9,86) und 200 Meter (19,80 Sekunden gegenüber 19,83) bezwungen hat, ist er zum großen Herausforderers des dreimaligen Olympiasiegers der Spiele 2008 in Peking (100 m, 200 m, 4x100 m) und Weltrekordinhabers über die beiden Sprintstrecken (9,58/19,19) geworden. "Die Leute schauen zu recht auf Usain und seine großen Erfolge", sagt Yohan Blake. Doch er fühle sich in der Rolle "des Spielverderbers" sehr wohl.

Showdown in London am 5. August

"Ich mache mir keine Sorgen", erklärt Bolt, der sich vor kurzem fit zurückgemeldet hat, nachdem er sich von seinem Leibarzt, dem Münchner Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, wegen Oberschenkel-Problemen hatte behandeln lassen. "Ich bin Olympiasieger und muss der Welt beweisen, dass ich immer noch der Beste bin." König Bolt kassiert bisher die höchsten Startgagen, hat die besten Werbeverträge - Ausrüster Puma setzt voll auf ihn, da sollte kein anderer schneller sein. Blake hingegen sagt: "Ich fühle mich bei den Olympischen Spielen nicht unter Druck."

Finale über 100 Meter, 5. August, 21.50 Uhr Ortszeit: Es soll der Showdown der Spiele in London (27. Juli bis 12. August) werden. Bolt gegen Blake. Beide werden vom 62 Jahre alten Mills trainiert, sie sind Kumpels - und Rivalen. Der väterliche Mills sieht dies gelassen, vergleicht sie mit Kindern: "Ich weiß, dass beide dieselben Murmeln wollen, aber das bedeutet nicht, dass sie Feinde sein müssen." Mills erzählt, dass die beiden zwar immer zur gleichen Zeit auf dem Trainingsplatz stünden, "aber sie haben nicht dasselbe Programm, machen nur manchmal ähnliche Übungen". Mit Blick auf das schnelle Duo sieht er Blake "am Anfang seiner Karriere", Bolt hingegen "irgendwo in der Mitte".

Blake ist wirklich ein Spätstarter, erst mit 16 Jahren kam er zur Leichtathletik, Einstieg waren die 400 Meter. Zuvor war er mit Leib und Seele Cricket-Spieler. Er träumte davon, als Profi sein Geld zu verdienen. Auch heute steht für ihn fest: "Wenn ich nicht mehr laufe, spiele ich wieder Cricket."

Schnell stellten sich auf der Bahn erste Erfolge ein. Bei der Junioren-WM 2006 holte er Gold mit der Sprintstaffel und Bronze über 100 Meter. Bei der WM 2009 in Berlin war er für die Staffel um Bolt und Asafa Powell gesetzt, die Gold gewann. Doch im Vorfeld wurde bei Blake und drei weiteren Jamaikanern bei einer Dopingkontrolle eine verdächtige Substanz festgestellt. Diese stand zwar nicht auf der Dopingliste, ähnelte in der Struktur jedoch einem verbotenen Mittel. Der Verband verzichtete sicherheitshalber auf das Quartett, das später noch für drei Monate gesperrt wurde. Blake: "Das ist kein Thema mehr."

Er und Bolt sind sich in diesem Jahr aus dem Weg gegangen. Bolt sprintete in Europa, Blake in Nordamerika und der Karibik. Nur in Kingston trafen sie aufeinander. Und da ist Blake aus Bolts Schatten getreten. Mit seinem WM-Sieg 2011 in Daegu/Südkorea über 100 Meter hingegen war dem Herausforderer dies noch nicht gelungen, denn es war ein Erfolg von Bolts Gnaden oder besser von Bolts Schusseligkeit, der nach einem Fehlstart disqualifiziert worden war.

Danach war nicht Blake die große Story, der neue Weltmeister war so gut wie uninteressant. Das große Thema war: Wie konnte das passieren? Es wurden die unglaublichsten Geschichten konstruiert und Legenden gebildet. War es ein absichtlicher Fehlstart von Bolt, der sich seines Sieges nicht sicher war und lieber auf diese Art und Weise ausschied anstatt sich einem anderen geschlagen geben zu müssen? Hatte Mills alles so angeordnet, um künftig ein Duo zu haben, das sich optimal vermarkten lässt? Tatsache ist, dass Blake bisher nicht annähernd die Popularität von Bolt erreicht hat. Auch wenn er gern erzählt, wie sich sein Leben nach dem WM-Titel verändert habe, weil ihn jetzt "die Leute auf der Straße erkennen und Autogramme haben wollen". Sollte er Bolt tatsächlich schlagen können in London, werden ihn wirklich alle kennen.