Serie

Fünf Disziplinen sind ihr noch lange nicht genug

Berliner Olympia-Hoffnungen, Teil 4: Keine trainiert so viel wie Lena Schöneborn, und nebenher meistert sie noch ein Studium

In der Reitanlage Pichelsberg herrscht schon reger Betrieb, als Lena Schöneborn eintrifft. Die 26-Jährige hat gute Laune, obwohl es erst 8 Uhr ist. Und obwohl Romina bockt. So heißt die Stute, mit der sie heute trainiert. Eine halbe Stunde später ist Romina gestriegelt, gezäumt, gesattelt und gar nicht mehr bockig. Die zierliche Sportlerin braucht einen Steighocker, um auf den Rücken des großen Tieres zu klettern. Egal, ihr Sport heißt Moderner Fünfkampf und sie will in London zum zweiten Mal Gold holen. Dafür investiert sie viel. Sehr viel. Sechs Trainingstage hat ihre Woche. Vier- bis fünf Mal Fechten, fünf Mal Schwimmen, drei Mal Reiten, drei- bis vier Mal Schießen, sechs Mal Laufen.

Es sind die fünf Disziplinen ihrer Sportart. Häufig joggt sie sonntags zusätzlich, und vor London hat sie noch eine Reiteinheit draufgepackt. Ein solches Pensum fordert eiserne Disziplin und Organisationsfähigkeit. Zusätzlich studiert Lena Schöneborn an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin. Den Bachelor hat sie schon, im Sommer folgt der Master im International Marketing Management. Eine Stelle bei der Bundeswehr wäre die Alternative gewesen. Nicht ihr Ding: "Bei dem ganzen Training wollte ich lieber noch etwas für den Kopf haben."

Jetzt reitet sie. Zuerst Dressur, danach wird gesprungen. Ihre Reitlehrerin Maja Schurig sagt: "Lena hat eine gute Technik. Und sie hat Gefühl für Pferde." Reiten ist die komplizierteste Disziplin einer ohnehin komplizierten Sportart. Beim Wettkampf werden die Pferde den Startern zugelost, nur wenige Minuten gibt es zum Kennenlernen. Wenn Fünfkämpfer aus ihrem Sportlerleben erzählen, fehlen die Pferdegeschichten nie. Wie jene von Schöneborn bei der EM 2009 in Leipzig, als ein Biest namens Paula sie vor Hindernis sieben scharf bremsend in den Parcoursstaub schickte. In London, sagt sie, "haben sie gute Pferde". Die Generalprobe letztes Jahr hat die Olympiasiegerin gewonnen.

Zwei Stunden später kommt Schöneborn im Leistungszentrum Schießen im Olympiapark an. Die paar hundert Meter hat sie mit dem Kleinwagen eines Sponsors zurückgelegt. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil sie in dem kleinen Franzosen alles verstaut, was sie für ihre Übungen braucht. Reitstiefel, Laufklamotten, Badeanzug, Degen, Handtücher. Und ihre Pistole, die LP 300 XT von Walther. "LENA" steht in bunten Buchstaben auf der einen, "GER" auf der anderen Seite. Geschossen wird nicht mehr mit Patronen, sondern mit Laserstrahlen. Sie trainiert mit Janine Kohlmann, Delf Borrmann und Alexander Nobis, Kollegen aus der Nationalmannschaft. Bundestrainerin Kim Raisner gibt die Kommandos.

Zunächst wird trocken geübt. Waffe anlegen, abdrücken, auf dem Tisch aufsetzen, spannen, wieder anlegen. Es geht noch trockener. Hinsetzen, Augen zu, Bewegungsablauf durchspielen. Die Bundestrainerin sagt: "Stellt euch vor, ihr kommt aus dem Laufen an den Schießstand." Raisner hat für einen internen Wettkampf Schokoriegel mitgebracht. Nobis darf naschen, weil er alle drei direkten Duelle gewonnen hat. Schöneborn verliert dreimal. "Eindeutiges Ranking", brummt sie.

Eigentlich schießt sie mit rechts, aber geübt wird auch mit links. So werden beide Hirnhälften trainiert, und es entsteht keine einseitige Armbelastung. Dazu kommt der psychische Effekt: Man merkt, wie gut es mit der besseren Seite läuft. "Lena schießt eher langsam, aber sie ist dabei sehr fokussiert. Eine Perfektionistin", sagt Raisner.

In der Regel kommt Schöneborn gut in den Wettkampf, denn die erste Disziplin ist Fechten. 2008 in Peking gewann sie 28 ihrer 35 Duelle: olympischer Rekord. Jede ficht gegen jede, ein Treffer entscheidet über Sieg und Niederlage. Wird innerhalb einer Minute kein Treffer gesetzt, haben beide verloren. Und weiter geht es zum Schwimmen.

Vom Schießstand zum Forumbad der Wasserfreunde Spandau sind es nur wenige Schritte. Kurze Wege sind das Ziel. Der Olympiapark ist das Zentrum allen Übens. Trainer Peter Deutsch wartet schon. Die Distanz beträgt heute in Intervallen und mit Pausen vier Kilometer. Die härtesten Minuten der rund eineinhalb Stunden im Wasser sind die 4x400 Meter Kraul in Steigerungstempo. Im Wettkampf muss Schöneborn nur die halbe Distanz zurücklegen. "Lena hat ein gutes Gefühl fürs Schwimmen, eine gute Wasserlage", lobt der Trainer. Zwar fehle ihr etwas Kraft im Schulterbereich, das Schwimmerkreuz sozusagen. "Aber seit 2005, seit ich sie kenne, war sie noch nie in so guter Form." Schöneborn freut sich, als sie das hört. Bei der WM in Rom im Mai hat sich die Prognose von Deutsch nicht bestätigt - da vergab die Weltranglistenzweite im Becken ein noch besseres Abschneiden als Rang fünf.

Jetzt ist Mittagszeit, und es wird eine Kleinigkeit gegessen. Bisweilen trifft sie auf dem Gelände die Hertha-Profis. Gibt es Neid auf deren Leben, deren Gehälter? "Ach nee, ich finde, so gut haben die es gar nicht. Denen wird ja alles abgenommen - das macht doch total unselbstständig." Außerdem geht es ihr gut, findet sie. Der Olympiasieg hat sehr geholfen. Namhafte Sponsoren haben längst festgestellt, dass Lena Schöneborn nicht nur eine gute Sportlerin ist, sondern sehr sympathisch rüberkommt. Und die Mitgliederzahlen im Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf sind auch gestiegen.

Der Tag endet mit Lauftraining mit Deutsch und Nobis sowie zum Abschluss Laufschule, eine Art Techniktraining. Leicht, das bedeutet rund zehn Kilometer in einer Dreiviertelstunde. Die letzte Disziplin war das Laufen schon immer im Fünfkampf, aber seit 2009 wurde es angelehnt an die Wintersportart Biathlon mit dem Schießen kombiniert und heißt jetzt folgerichtig "Combined": Laufen zum Schießstand, fünf Treffer ins Schwarze aus zehn Meter Entfernung, 1000 Meter laufen, wieder fünf Treffer, wieder 1000 Meter, noch mal schießen und die letzten 1000. Wer zuerst ins Ziel kommt, hat Gold.

"Lena ist eine der stärksten Läuferinnen der Welt", sagt Deutsch. Zäh sei sie, könne einen sehr langen Spurt anziehen. Das hügelige Gelände im Greenwich-Parc kommt ihr außerdem entgegen. "Vor allem bergauf", behauptet ihr Trainer, "hält sie keiner". Mal abwarten, dämpft Lena Schöneborn die Erwartungen. Doch die Saison ist ganz gut verlaufen. Den ersten Weltcup in den USA hat sie gewonnen, bei der WM im Juni in Rom holte sie Staffelgold und wurde Fünfte im Einzel. Noch läuft alles in ruhigen Bahnen. Aber Kim Raisner, die vor Schöneborn die beste deutsche Fünfkämpferin war, weiß, was kurz vor dem Wettkampf am letzten Tag der Spiele passiert. "Lena ist der Typ, der dann nervös wird", sagt sie. "Am Wettkampftag", so Schöneborn, "bin ich sehr in mich gekehrt." Nun entscheidet sich innerhalb weniger Stunden, was drei Jahre Vorbereitung gebracht haben. Am Abend vorher wird sie sich auf ihre ganz eigene Art beruhigen. Da malt sie sich ihre Fingernägel an; jeder Finger bekommt eine eigene Flagge. Am liebsten mag sie Deutschland und - Jamaika: "Die ist so schön bunt." So bunt wie ihre Sportart. Wie ihr Tag. Wie ihr Leben.

* Lesen Sie in Teil 5 am kommenden Dienstag: Wie ein Fisch im Wasser