Formel 1

Mercedes streitet mit Ecclestone: Es geht um 70 Millionen Euro

Keine Einigung über Beteiligung an Einnahmen der Formel 1

- Am Wochenende war Norbert Haug in München bei der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft (DTM). Dort bejubelte er im legeren Freizeit-Outfit den Sieg von Ralf Schumacher und Jamie Green im Team-Wettbewerb. Eine entspannte Atmosphäre lag über dem Show-Event, in der Boxengasse waren nur lächelnde Gesichter zu sehen. Es muss dem 59-Jährigen vorgekommen sein wie ein Ausflug in die heile Welt. Denn während Mercedes in der DTM mit der Führung in Fahrer- und Konstrukteurswertung Erfolgsmeldungen am Fließband produziert, müssen sie in der Königsklasse Formel 1 einen Rückschlag nach dem anderen wegstecken.

Seit dem aus Sicht der Schwaben enttäuschend verlaufenen Grand Prix von Großbritannien in Silverstone ist man nur noch fünftstärkste Kraft im Fahrerfeld. Neben dem Spitzentrio Red Bull, Ferrari und McLaren, die seit dem Wiedereinstieg vor zweieinhalb Jahren ohnehin vor Mercedes lagen, ist seit Silverstone auch der Lotus-Rennstall endgültig vorbeigezogen. "Wir müssen Schritt für Schritt denken. Einen Sprung von Platz vier an die Spitze gibt es nicht. Aber wir wollen einen Countdown starten", hatte Haug vor der Saison gesagt und damit bereits seiner ursprünglichen Ankündigung widersprochen, binnen drei Jahren um den WM-Titel fahren zu können. Stattdessen setzte man sich eine neue Frist von weiteren drei Jahren. Doch außer dem Premierensieg von Nico Rosberg in Shanghai bringt auch die aktuelle Saison, deren Scheitelpunkt das Rennen auf dem Hockenheimring am Sonntag markiert, bisher nur sehr geringen Fortschritt - wenn überhaupt. Die Vertragsverlängerung von Michael Schumacher hat sich zudem zur Hängepartie entwickelt.

Pünktlich zur Saison-Halbzeit tut sich nun ein weiteres Problemfeld auf, das die Zukunft des Rennstalls zu gefährden droht. Als einziges Team hat Mercedes bisher keine Einigung mit Formel-1-Boss Bernie Ecclestone über das neue Concorde Agreement erzielen können, eine Art Grundlagenvertrag der Rennserie, in dem Erfolge und die Zahl der absolvierten Rennjahre finanziell honoriert werden. Streitpunkt ist dabei die Gewichtung der Tradition. Während Mercedes darauf beharrt, bereits seit mehr als einem halben Jahrhundert nicht nur als Motorenlieferant Grand-Prix-Teilnehmer zu sein und somit vergleichbare Ansprüche wie die Traditionsrennställe McLaren, Williams oder Ferrari zu stellen können, verweist Ecclestone auf die überschaubare Ausbeute des neuen Mercedes Grand-Prix-Teams: "Außer einem einzigen Sieg hat Mercedes in der jüngsten Vergangenheit nur erfolgreich Motoren geliefert. Ich kann somit keine großen Resultate und auch keine nennenswerte eigene Tradition erkennen."

Unterzeichnet Mercedes das vorliegende Concorde Agreement nicht, gibt es keine Zahlungen aus Ecclestones Geldtopf. Gemessen an den Resultaten der vergangenen Saison würde das für Mercedes einen Verlust von rund 70 Millionen Dollar bedeuten. Gelingt in den nächsten Wochen keine Einigung, besteht sogar die Gefahr, dass die Formel 1 ab 2013 ohne Mercedes fährt. Motorsportchef Haug sagte auf Anfrage lediglich, man befinde sich "in konstruktiven Gesprächen".

Wie vertrackt die Situation ist, zeigt der Einsatz eines firmenfremden Moderators, der die Kohlen für den milliardenschweren Konzern aus dem Feuer holen soll. Nach "Morgenpost"-Informationen verhandelte der dreifache Formel-1-Weltmeister Niki Lauda (Österreich) für die Schwaben mit dem Briten. Doch viel mehr als den Ratschlag, Ecclestones Angebot anzunehmen, konnte auch Lauda nicht herausholen. Dass Ecclestone von seinem Standpunkt abrückt, ist nicht zu erwarten. Mit den Zusagen aller Rennställe hat der 81-Jährige den Fortbestand seines Lebenswerks bis 2020 gesichert - diese Laufzeit sieht das Concorde Agreement vor. Die Schwaben zögern jedoch, sich so lange zu verpflichten. "Ohne Bernie", sagt Williams-Gründer Sir Frank Williams "würde die Formel 1 nicht existieren und ohne Bernie geht nichts. Deswegen hat er am Ende auch die volle Unterstützung aller Teams."

Die 780 Millionen Dollar, die Ecclestone pro Saison an Preis- und Startgeldern an alle Formel-1-Rennställe ausschüttet, sorgen für ihr Überleben. "Ohne Bernie", behauptet sein langjähriger Freund, der frühere Fia-Präsident Max Mosley, "würde das Gebäude der Formel 1 zusammenbrechen. Es gibt im Moment niemanden, der ihn ersetzen kann. Jeder hofft, dass er noch lange lebt, um ein Management-Team zusammenstellen zu können, das seine Nachfolge regelt und somit die Zukunft der Formel 1 sichert."