Hertha BSC

"Ab Oktober sind wir unschlagbar"

Trainer Luhukay glaubt fest daran, dass Hertha durchstartet, sobald seine Philosophie vollständig umgesetzt wird. Heute Härtetest gegen Hannover

- "Ich will das Coachen hören", brüllt Jos Luhukay über den Trainingsplatz. Dann unterbricht er und nimmt sich Alfredo Morales zur Brust. "Du kannst nicht stehen bleiben und nichts sagen", raunzt der Coach seinen Rechtsverteidiger an. Auf dessen Abwehrseite war der Gegner in den gelben Leibchen durchgebrochen. Morales hätte reden sollen, seinen Nebenmann verschieben und ihn dadurch "coachen" sollen. Das fordert Luhukay: "Ich erwarte, dass die Spieler etwas sagen. Denn wenn man nicht spricht, kommt man in Probleme."

Alle sollen sich gegenseitig Hilfestellungen geben, um das zu erreichen, was Luhukay mit seiner Mannschaft anstrebt: "Perfektion."

Heute im Testspiel gegen Hannover 96 in Hildesheim (18.30 Uhr) wird Luhukay zum ersten Mal sehen, wie nah sein Team an dieser Perfektion ist. Gegen den Europa-League-Teilnehmer wird nicht wie in den bisherigen vier Tests die Mannschaft komplett durchgetauscht. Der Cheftrainer will situativ wechseln. Von Einstellung und Laufintensität wird er es abhängig machen, ob einer durchspielt.

Einstellung und Laufintensität sind tragende Säulen in Luhukays Spielphilosophie. Der neue Trainer lässt immer wieder das Passen, Annehmen und schnelle Weiterleiten des Balles in die Spitze üben. Läuft bei den Jungs im Training etwas schief, korrigieren Luhukay und sein Assistenten Markus Gellhaus und Rob Reekers sofort. "Die Spieler dürfen Fehler machen", sagt Luhukay gütig, "aber so wenige wie möglich." Verliert seine Mannschaft das Spielgerät, verlangt er konsequentes Pressing. "Der Gegner soll schon bei der Ballannahme verzweifeln", erklärt er, und so zu Fehlern gezwungen werden.

Luhukay muss Basisarbeit leisten

Es bringe aber nichts, wenn das nur ein oder zwei Spieler machten. Von allen fordert er maximale Konzentration und maximale Bereitschaft. Die Spieler müssten Situationen antizipieren und nach der Balleroberung zügig umschalten. Gleichwohl weiß der Trainer: "Wenn man die Spielphilosophie ändert, braucht das Zeit und Geduld." Noch sieht er technische und taktische Defizite beim Bundesliga-Absteiger. Er müsse viel Basisarbeit bei seinen Spielern leisten.

Doch spätestens wenn die Philosophie in allen Köpfen verankert ist, wird Hertha durchstarten, verspricht Luhukay: "Ab Oktober sind wir unschlagbar", sagt er und verweist auf die Statistiken bei seinen vorherigen Trainerstationen in Mönchengladbach und Augsburg.

Die belegen diese These allerdings nur bedingt: Mit Gladbach begann in der Zweitligasaison 2007/2008 das Klettern in der Tabelle bereits nach dem dritten Spieltag Ende August. Dann aber richtig: Vom vierten bis zum 19. Spieltag Mitte Februar (2:4 in Hoffenheim) setzte es keine einzige Niederlage. Ab Oktober war die Borussia unter Luhukay auf Platz eins - und verteidigte den Rang bis zum Saisonende. Auch 2009/2010, in seiner ersten Augsburger Saison, ging es stetig bergauf, ohne deutlichen Trend ab Oktober. Am ersten Spieltag noch 13., am dritten Spieltag Neunter, nach dem siebten Spiel Siebter, am 15. Spieltag Vierter, am Ende wurde Augsburg Dritter und scheiterte in der Relegation am 1. FC Nürnberg. Immerhin eine Spielzeit passt zu Luhukays vollmundiger Ankündigung: Mit Augsburg folgte 2010/2011 ab dem neunten Spieltag am 3. Oktober mit einem 2:1 über den 1. FC Union ein rasanter Aufschwung: Elf Spiele in Folge war Luhukays Team ohne Niederlage. Am Ende stiegen Luhukays Augsburger als Zweitplatzierte auf - hinter Hertha BSC.

In der vergangenen Bundesliga-Saison 2011/2012 waren ab Oktober zwar spielerische Verbesserungen erkennbar, aber auch zur Winterpause war Augsburg noch Vorletzter. Die Sonne ging erst in der Rückrunde auf.

Doch der Niederländer weiß, dass er in Berlin nicht so viel Zeit bekommen wird. "Keine Mannschaft, kein Trainer kriegt Zeit und Geduld. Wir wollen schon am ersten Spieltag gut sein." Das Team brauche gleich am Anfang Ergebnisse, um Vertrauen in die eigene Spielphilosophie zu fassen. "Der Glaube ist unheimlich wichtig", sagt der Coach.

Franz wird gegen Paderborn fehlen

Doch selbst, wenn der Erfolg sich nicht sofort einstellen sollte, will Luhukay seine Strategie aus Pressing und schnellem Umschalten nicht verlassen.

Das Spiel gegen Hannover wird ein erstes Indiz dafür sein, welches Personal diese Strategie zum Auftakt der Saison gegen Paderborn am 3. August umsetzen soll. Fest steht: Für Maik Franz wird es nicht reichen. Der gerade erst voll ins Mannschaftstraining eingestiegene Innenverteidiger soll nach sieben Monaten Pause langsam herangeführt werden. Auch für den noch dosiert trainierenden Christoph Janker kommt das erste Saisonspiel zu früh. Darüber hinaus fehlen die drei Gesperrten Änis Ben-Hatira, Thomas Kraft und Levan Kobiashvili sowie die Langzeitverletzten Pierre-Michel Lasogga und Shervin Radjabali-Fardi.

Alle anderen müssen gegen 96 zeigen, dass sie an Luhukays Taktik glauben, indem sie ihre Zone "mit Leib und Seele verteidigen", wie es der Trainer ausdrückt, früh den Gegner stören und schnell nach vorne spielen. Dann ist das Team ganz nah dran an der Perfektion.