Radsport

Staatsanwaltschaft ermittelt nach Reißnagel-Attacke

Angst vor Übergriffen der Tour-Fans fährt immer mit

- Auch am Tag nach dem Skandal hatten sich die Athleten noch nicht beruhigt. Als "unverantwortlich", "dumm" und "kriminell" bezeichneten die Fahrer der Tour de France die Reißnagel-Attacke auf der 14. Etappe nach Foix. Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen. Von einer Sicherheitsdebatte will bei der Frankreich-Rundfahrt dennoch niemand so recht etwas wissen. Der dichte Kontakt mit den Fans ist eine lieb gewonnene Tradition, eine noch umfangreichere Absperrung der Strecke nicht gewollt und schlicht nicht umsetzbar. Zudem ist es nicht das erste Mal, dass Zuschauer Einfluss auf das Rennen genommen haben.

"Ich weiß nicht, ob es gegen jemand bestimmtes gerichtet war. Es ist traurig, aber mit solchen Dingen müssen wir als Radsportler eben leben", sagte der Gesamtführende Bradley Wiggins. Der Brite gehörte zu jenen Radprofis, die in Folge der Attacke auf der Abfahrt von der Mur de Peguere ihr Rad wechseln mussten. An der steilen Anhöhe hatten Unbekannte Reißnägel und anderen spitze Metallgegenstände auf die Straße geworfen.

Bei über 30 Fahrern führte dies zu Defekten an den Reifen, einzig positiv ist wohl die Tatsache, dass der Angriff nicht auf der Abfahrt passierte. "Das hätte tragische Folgen haben können", sagte Tour-Direktor Christian Prudhomme. Die Wut im Peloton war dennoch riesig. "Was für ein mieser Dreckskerl tut so etwas", twitterte etwa Weltmeister Mark Cavendish. Sky-Kapitän Wiggins, der bereits auf der 12. Etappe von einer Leuchtfackel eines Zuschauers am Arm verbrannt worden war, wurde nachdenklich. "Die Leute betrachten es als selbstverständlich, dass sie uns so nahe kommen können. In einem Fußballstadion würde man dafür verhaftet werden, aber wir sind da draußen manchmal ziemlich angreifbar", sagte er.

Ausschließen lässt es sich dennoch nicht. Bewusste, aber auch unabsichtliche Angriffe haben bei der Tour fast schon Tradition. Auf der 10. Etappe 1999 etwa stürmte Telekom-Profi Giuseppe Guerini in Führung liegend dem Ziel im legendären L'Alpe d'Huez entgegen, als plötzlich ein Hobby-Fotograf auf dem Mittelstreifen stand und Guerini vom Rad rammte.

Auf der schweren Pyrenäen-Etappe 2003 hinauf nach Luz-Ardiden belauerten sich die Favoriten Lance Armstrong, Jan Ullrich und Iban Mayo. Als Armstrong gerade das Tempo verschärfte, blieb er mit dem Lenker in der Schnur eines gelben Stoffsackes hängen, den ein Fan zu weit in die Straße hielt. Armstrong stürzte, Mayo fiel über ihn, Ullrich konnte ausweichen. Der Amerikaner musste das Rad tauschen, Ullrich und Mayo warteten.

Auch Titelverteidiger Cadel Evans (BMC Racing), der prominenteste der betroffenen Fahrer am Sonntag, hat bereits negative Erfahrung mit Zuschauern gemacht. Bei der Spanien-Rundfahrt 2009 kostete ihn ein Platten am Hinterreifen nach einer Attacke vermutlich den Titel. "Das Gleiche ist mir schon zwei Mal in Spanien passiert. Deshalb fahre ich dort nur selten Rennen", sagte der Australier.

Derweil dürfte die hinterhältige Attacke am Sonntag für die Täter ein Nachspiel haben. Die Tour-Organisatoren der ASO erstatteten Anzeige gegen Unbekannt, die Staatsanwaltschaft ermittelt mit einer Sonderkommission der Polizei in der Angelegenheit. "Wir verurteilen dieses unverantwortliche und gefährliche Verhalten aufs Schärfste. Es war ein Versuch, den reibungslosen Ablauf des Rennens und die Unversehrtheit der Fahrer zu gefährden", hieß es in einem Statement des Veranstalters ASO.

Der Franzose Pierrick Fedrigo hat die 15. Etappe der 99. Tour de France gewonnen. Der 33-Jährige vom Team FDJ holte sich nach 158,5 Kilometern von Samatan nach Pau den Sieg im Sprint vor Mitausreißer Christian Vande Velde (USA). Dritter wurde Fedrigos Landsmann Thomas Voeckler. Nach dem Ruhetag am Dienstag steht die Königsetappe der Tour in den Pyrenäen auf dem Programm. Zehntausende Fans, darunter die für ihre Leidenschaft berühmten Basken, werden die Strecke säumen. Nicht nur Cadel Evans wird da genauer auf die Straße schauen.