Boxen

Klitschko plant Duell mit Haye

Der Box-Weltmeister möchte sich im Ring für die Beleidigungen rächen: "Ich will ihn k.o. schlagen"

- Provozieren, wie es normalerweise seine unrühmliche Art ist, wollte David Haye (31) mit seiner extravaganten Fußbekleidung nicht. Gehöriges Aufsehen erregte er mit den von roten Senkeln geschnürten Turnschuhen aber allemal. In der Regel trägt ein Faustkämpfer bei der Verrichtung seinen Handwerks wadenhohe Boxstiefel. Die Sprunggelenke werden dadurch besser stabilisiert, ein folgeschweres Umknicken lässt sich eher vermeiden. Haye jedoch schlüpfte in seine Laufschuhe, weil sie ihm bei dem typisch nasskalten englischen Wetter eine höhere Standsicherheit bieten würden. Mit seiner Wahl lag der clevere Brite goldrichtig.

Der einstige Weltmeister im Schwergewicht verlor an diesem verregneten Sonnabend im Ring des Londoner Upton Parks nie den Boden unter den Füßen. Eindeutiger hätte er das Prestigeduell gegen seinen Landsmann Dereck Chisora (28) nicht für sich entscheiden können. Prophezeit hatte Haye ein vorzeitiges Ende - und er hielt Wort. In Runde sechs, so seine Vorhersage, wollte er Chisora "das Leben ausblasen". Er tat es bereits eine Runde früher - zwar nicht wörtlich, dafür aber nach den Regeln der Boxkunst. Und wie. Nach zahlreichen schweren Schlägen an Chisoras Kopf, die den Getroffenen zweimal in den Ringstaub beförderten, stoppte Ringrichter Louis Pabon (Puerto Rico) fünf Sekunden vor Rundenende den ungleichen Kampf, der im Vorfeld für extremen Diskussionsstoff gesorgt hatte.

Von der ursprünglichen Brisanz ihres Aufeinandertreffens war in der Fußballarena des englischen Erstligisten West Ham United nichts mehr zu spüren. Weder beim Einmarsch, noch beim obligatorischen Händeschütteln vor Beginn des Kampfes oder während des Gefechts. Und auch nicht danach im Ring und auf der Pressekonferenz. Bei ihrer letzten Begegnung weit nach Mitternacht in Front der Journalisten wurden beide auch nicht durch ein Eisengitter getrennt platziert. Bei allen vorherigen Zusammentreffen hatte zwischen den Streithähne immer ein Bauzaun gestanden, um zu vermeiden, damit sich nicht Gleiches wiederholt wie am 18. Februar dieses Jahres.

Aus Feinden werden Freunde

Damals, nach seiner Niederlage gegen Vitali Klitschko, hatte sich Chisora mit dem zufällig anwesenden Haye auf der Pressekonferenz eine wüste Prügelei geliefert. Mit Flaschen und einem Kamerastativ waren sie aufeinander losgegangen. Chisora, der zuvor schon Vitali Klitschko beim Wiegen geohrfeigt und dessen Bruder Wladimir im Ring bespuckt hatte, wurde anschließend kurzeitig festgenommen. Seitdem ließen beide keine Gelegenheit ungenutzt, um ihre gegenseitige Feindseeligkeit aufs Übelste zu formulieren.

Wer die Erzfeinde jedoch nach dem Kampf erlebte, musste zwei Mal hinschauen, um zu glauben, was er sah. Es fiel kein böses Wort, keiner beleidigte oder beschimpfte den anderen. Stattdessen umarmten sie sich wie gute Freunde, flüsterten sich ein paar Worte ins Ohr und lächelten. Haye vor Freude über seinen 26. Sieg im 28. Profikampf, Chisora aus Respekt vor der Leistung seines Gegners, wie er später erzählen sollte.

Der emotionale Höhepunkt war erreicht, als beide Ihre Dauerfehde schließlich für beendet erklärten. "Wir haben unseren Krieg im Ring wie zwei Männer ausgetragen. Jetzt herrscht Frieden zwischen uns", sagte Haye, der seinen Widersacher nunmehr "sehr schätzen gelernt" habe. Auch Chisora fand nur noch salbungsvolle Worte: "Was zwischen uns war, ist vorbei. Jetzt können wir zusammen in ein Restaurant essen und uns in Klubs amüsieren gehen." Schon vor dem Kampf hatten sie einen Deal vereinbart. Derjenige, der K.o. geht, muss 31.000 seiner rund drei Millionen Dollar-Börse für eine karikative Einrichtung spenden. Chisora wird das Geld dem in London ansässigen "African Caribbean Leukaemia Trust" überweisen.

Am Ende des Tages wurde das gescholtene Profiboxen so doch noch zum Gewinner - trotz aller moralischen Bedenken, die gegen die Ausrichtung des Veranstaltung sprachen und die erst nach Erteilung der Kampflizenzen durch den luxemburgischen Boxverband ermöglicht wurde. "Wir sahen einen packenden Boxkampf, der hielt, was er versprach", befand Axel Schulz zu Recht. Als Experte des Bezahlsenders Sky staunte der einst glücklose Schwergewichtler vor allem über Haye. "Es war ein völlig anderer David, als gegen Wladimir". Vor 13 Monaten in Hamburg hatte der damalige Weltmeister der World Boxing Association (WBA) im Titelvereinigungskampf gegen Wladimir Klitschko sein Heil im Wegrennen gesucht. Diesmal jedoch war er es, der von Anbeginn aggressiv nach vorn marschierte. "In dieser Verfassung hätte er Wladimir ein echter Herausforderer sein können", vermutete Schulz.

Keine Neuauflage gegen Wladimir

Höchstwahrscheinlich kommt es noch einmal zum Kampf gegen einen Klitschko. Haye hat bereits sein Einverständnis signalisiert. Eine Revanche gegen Wladimir, der außer dem WBA-Titel auch den der World Boxing Organization (WBO) und der International Boxing Federation (IBF) hält, ist aber ausgeschlossen.

"Das ist kein Thema. Wladimir hat den ersten Kampf überlegen gewonnen", sagte Klitschko-Manager Bernd Bönte. Vitali Klitschko (40) hingegen, Weltmeister des World Boxing Councils (WBC), wünscht sich nichts sehnlicher, als Haye vor die Fäuste zu kommen. "Ich will ihn k.o. schlagen." Das bleibt abzuwarten. Erst einmal muss er am 8. September in Moskau seinen Titel gegen den Deutsch-Libanesen Manuel Charr verteidigen. Am 28. Oktober tritt er dann mit seiner Partei Ukrainische Demokratische Allianz (Udar) bei den Parlamentswahlen an. "Sollte Vitali in ein politisches Amt gewählt werden, tritt er zurück. Es könnte aber sein, dass er für Haye noch einmal die Boxhandschuhe überziehen würde", so Bönte.