Fifa

Blatter greift Deutschland an

Der Fifa-Präsident spricht von Mauscheleien bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006

- Abgesehen von all den Fotos, die ihn in herzlicher Umarmung mit den Mächtigen der Welt zeigen, sieht sich Joseph Blatter in dieser Pose am liebsten. Er sitzt an seinem Schreibtisch, hinter ihm strahlend blauer Himmel und vor ihm die Insignien eines arbeitsamen, erfolgreichen Mannes: Akten, Füllfederhalter und ein Mobiltelefon, in dem sich die Nummern all jener befinden dürften, die er so gern umarmt. Am Sonnabendnachmittag hat ein Fotograf der Schweizer Boulevardzeitung "Sonntags-Blick" das Bild aufgenommen. Blatter wirkt entspannt, ohne Krawatte und in hellbraunen Wildlederslippern zum dunklen Anzug. Dabei dürfte die Kritik, die derzeit auf ihn einprasselt, selbst für den krisenerprobten Präsidenten des Fußball-Weltverbandes Fifa eine neue Dimension darstellen.

Seit er vor kurzem lapidar kommentiert hat, dass die nun bewiesenen Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe an hohe Fifa-Funktionäre quasi legal und sogar von der Steuer absetzbar gewesen seien, herrscht Entsetzen. "Die Reaktion des Präsidenten hat mich geschockt. Wenn nicht unbedeutende Persönlichkeiten der Fifa Geld kassiert haben und die Reaktion darauf ist, dass das damals nicht verboten war, dann können wir uns als DFB davon nur klar distanzieren", sagte Wolfgang Niersbach, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes.

Noch deutlicher wurde Ligapräsident Reinhard Rauball, der Blatter offen zum Rücktritt aufgefordert hat. "Nach dem derzeitigen Stand sollte Blatter seine Amtsgeschäfte schnellstmöglich in andere Hände geben. Für einen Reformprozess braucht die Fifa jemanden, der gewillt ist, eine Reform zu machen. Es ist immer schwierig, jemanden einzubinden, der selbst Teil der Umstände ist, die einen Reformprozess erst erforderlich gemacht haben", hatte der Jurist der "Berliner Morgenpost" gesagt und Blatter seine Meinung am Freitag in einem Telefonat auch persönlich mitgeteilt.

Nebulöse Andeutungen

Und was macht Blatter? Er schlägt in bewährter Manier zurück - und das auf schmutzige Art und Weise. Statt sich der Kritik zu stellen, ergeht sich der 76-Jährige im "Sonntags-Blick"-Interview lieber in nebulösen Andeutungen. Und die haben es in sich: Blatter deutet an, dass es bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Ursprünglich war er zu den Vorgängen rund um die Zuteilung der Weltmeisterschaften 2018 und 2022 an Russland und Katar gefragt worden. "Gekaufte WM" lautete das Stichwort. "Gekaufte WM?", antwortete Blatter, "da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ. Und man so statt 10 zu 10 bei der Abstimmung ein 10 zu 9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, musste ich keinen Stichentscheid fällen. Aber, na ja, es steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da auch zu gutmütig und zu naiv." Ob er vermute, dass die WM 2006 gekauft gewesen sei, hakt der Fragesteller nach. "Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest", sagte Blatter.

Der Fifa-Präsident scheint auf seine alten Tage ein bisschen vergesslich geworden zu sein. Denn im Jahr 2000, als es zur Abstimmung über die Vergabe der WM 2006 kam, herrschte im Exekutivkomitee eine 12:12- und keine 10:10-Pattsituation. In diesem Fall hätte die Stimme des Präsidenten Blatter den Ausschlag gegeben, der die Bewerbung Südafrikas unterstützte. Der Neuseeländer Charles Dempsey war es, der durch seine Enthaltung schließlich die Waage in Richtung Deutschland kippen ließ - wobei er übrigens nicht den Raum verließ. Dempsey war zwar massiv unter Druck gesetzt worden, für Südafrika zu stimmen, favorisierte aber persönlich die Bewerbung der Deutschen. "Herr Blatter war natürlich sehr böse auf mich" sagte er später.

Das scheint Blatter auch heute zu sein. Nicht mehr auf den armen Dempsey, der 2008 verstorben ist. Aber weiterhin auf all jene, die es wagen, ihm die Stirn zu bieten. "Dass man mich weghaben will, ist nichts Neues. Je nachdem, wie die Stimmung gerade ist. Manchmal fordern das die britischen Medien, dann mal die amerikanischen, dann mal die deutschen", sagte Blatter. Es stimme, dass Rauball ihn am Freitag angerufen und zum Rücktritt aufgefordert habe: "Ich sagte ihm, das sei nicht so einfach, wie er sich das vorstelle. Schließlich bin ich vom Kongress gewählt."

Diese Aussage spiegelt exakt Blatters Selbstverständnis wider: Er ist der legitimierte Vertreter der Fußballfamilie, und wer ihn attackiert, ist ein Antidemokrat. "Man darf nicht vergessen: Der Fifa-Präsident ist gewählt von der Fußballwelt, nicht von den Medien", sagte Blatter. Dabei ist die Fifa nur auf dem Papier eine demokratische Organisation. In Wahrheit ist das Konstrukt, dass alle 209 Mitgliedsländer eine Stimme haben, eine Farce. Der DFB, mit 6,8 Millionen Mitgliedern der größte Sportfachverband der Welt, hat also ebensoviel Stimmrecht wie die Verbände von Aruba, Vanuatu oder Fidschi. Durch diese Regelung ist Blatter nahezu unangreifbar. Selbst wenn sich alle 53 europäischen Vertreter einig wären (was sie nicht sind), gegen Blatter aufzubegehren, stehen dieser Allianz all jene Zwergstaaten entgegen, die sich die Fifa durch großzügige Zuwendungen gefügig hält. Das weiß auch Blatter. Darum muss er sich über die Breitseiten aus Deutschland keine großen Gedanken machen.

Kritik auch an Uli Hoeneß

Stattdessen revanchiert er sich an seinen Kritikern, indem der König des Klüngels der WM 2006 den Geruch von Mauschelei anheftet. Auch Uli Hoeneß, der einst kritisiert hatte, dass die Fifa "das gute Image des Fußballs kaputt macht", bekommt von Blatter sein Fett weg. "Ich habe von Uli Hoeneß und seiner Geburtstagsparty eine tolle Geschichte gehört. Teilnehmer haben mir erzählt, dass er vor versammelter Festgemeinde gewettet hat, dass Blatter Ende des Jahres nicht mehr Präsident ist. Aber an einer Geburtstagsparty sagt man ja alles Mögliche", sagte Blatter.

Im aktuellen Interview spricht Blatter übrigens erstmals von "Schmiergeld". Bislang hatte er diese stets als "Provisionen" bezeichnet. Und den Brasilianer Joao Havelange, seinen Vorgänger auf dem Präsidentenposten, der mit mindestens 1,2 Millionen Euro bestochen wurde, gibt Blatter auch zur Degradierung frei: "Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben nach diesen Vorfällen." Das nennt man wohl Bauernopfer.