Berliner Olympia-Hoffnungen, Teil 2

Abschied in London: Natascha Keller träumt vom Finale

Berliner Olympia-Hoffnungen, Teil 2: Hockey-Spielerin erlebt ihre fünften Spiele und darf vielleicht die deutsche Fahne tragen

Wer weiß, wie alles gekommen wäre, hätte sie sich damals doch für Tennis entschieden. Darüber denkt sie jetzt, am Ende ihrer Karriere, manchmal nach. Mit 13 Jahren war sie in ihrer Altersklasse die beste Tennisspielerin in Berlin gewesen, zählte in Deutschland zu den Top 3. Schwankte hin und her zwischen Einzel- und Mannschaftssport. Heute wird sie und ihre Berliner Olympia-Kollegen im Axel Springer Verlag mit allen guten Wünschen in Richtung London verabschiedet. Gut 20 Jahre nach der Entscheidung gegen Tennis, sagt Natascha Keller ohne Reue: "Tennis hätte vielleicht mehr Geld gebracht. Aber mehr Freude und Glück als im Hockey hätte ich nicht haben können." So spricht jemand, dem weniger Trainingsqualen oder verpasste Chancen in der Erinnerung geblieben sind, sondern vor allem anderen der Spaß. "Ich hab einfach Freude am Hockey, immer noch", sagt Natascha Keller. 20 Jahre Leistungssport stecken ihr in den Knochen, seit 20 Jahren wird sie den Schorf an ihren Knien und Ellenbogen nicht los von den vielen Stürzen. Mit über 400 Länderspielen ist sie Rekordnationalspielerin, nicht nur in Deutschland - weltweit. Niemand weiß genau, wie viele Tore die Stürmerin insgesamt geschossen und geschlenzt hat, sie hat selbst nicht mitgezählt. Dann passt es doch: unzählige. Mehr als 200 waren es allein für das Nationalteam.

Konkurrenz hat großen Respekt

Trotzdem wird die 35-Jährige einmal weniger wegen solcher Zahlen in Erinnerung bleiben. Anfang des Jahres bei der Champions Trophy in Argentinien unterhielten sich deutsche Nationalspielerinnen mit ihrer südamerikanischen Konkurrenz. Die Deutschen lobten Luciana Aymar, den Weltstar ihres Sports, siebenmal zur Welthockeyspielerin des Jahres gewählt. "Jaja", antworteten die Argentinierinnen ehrfürchtig, "aber ihr habt Natascha Keller - sie ist noch größer." Obwohl die Berlinerin nur einmal 1999 diesen Titel erhielt.

Mag sein, dass es an der Art und Weise liegt, wie sie viele ihrer Treffer erzielt hat. Tore sind das Highlight, und Tore sind ihre Spezialität. Besondere Tore. Manchmal krachend, mit der technisch sehr anspruchsvollen "argentinischen Rückhand", humorlos abgefeuert mit der Rückhandkante des Schlägerschafts. Dann wieder zaubernd, verspielt, ballverliebt. Ihr älterer Bruder Andreas, der sie früher beim Berliner HC eine Weile trainiert hat, erklärt die herausragende sportliche Qualität seiner Schwester so: "Natascha streichelt den Ball, macht Dinge, die niemand nachvollziehen kann. Als Trainer musst du sie nicht mit komplizierter Taktik überfordern. Lass sie einfach machen."

Auch der Bundestrainer hat die Älteste in seinem Kader vor London nie zur Disposition gestellt. "Sie ist als freundliche und zurückhaltende Person bekannt. Am lautesten lässt sie ihre Leistung sprechen", so Michael Behrmann. "Und wenn sie gesund ist, kann sie immer noch Spiele allein entscheiden, auch international."

Doch nicht deshalb wird sie als Anwärterin gehandelt, bei der Eröffnungsfeier in London die deutsche Fahne tragen zu dürfen - eine Ehre, die bisher noch keinem deutschen Hockeyspieler zuteil geworden ist. Eher schon, weil sie 2004 in Athen bereits Olympiasiegerin wurde und es ihre insgesamt fünften Spiele sind - auch dies ein Rekord im deutschen Hockey. Und dann ist da natürlich noch ihre Familiengeschichte. Die ist so abgefahren, so einmalig auf der Welt, dass es etwas Platz braucht, sie zu erzählen.

Erwin Keller, Nataschas Großvater, gewann 1936 in Berlin die Silbermedaille. So fängt die Geschichte an. Ihr Vater Carsten wurde 1972 in München der erste Olympiasieger der Familie. Aus zwei Ehen hat er vier Kinder - Torsten, Andreas, Natascha und Florian -, die insgesamt fünfmal das olympische Finale erreichten. Allein Torsten, der Älteste, schaffte dies nicht, weil er seiner beruflichen Laufbahn den Vorrang gab. Andreas Keller holte Silber 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul, Gold 1992 in Barcelona. Dann folgte Natascha 2004 mit dem Triumph von Athen, vier Jahre später ihr Bruder Florian, der bei seinen ersten und einzigen Olympischen Spielen ebenfalls gleich Gold holte. Man darf also zusammenfassen, dass an jedem der vier deutschen Hockey-Olympiasiege ein oder eine Keller beteiligt war.

Legendär sind die Familienfeste der Hockey-Dynastie, deren Ende nicht absehbar ist, auch wenn Natascha Keller nach London ihre aktive Laufbahn beenden will. Denn dort treffen sich schon die Aspiranten der vierten Generation mit den Altinternationalen. Felix und Luca Wild etwa, Söhne aus einer früheren Beziehung zwischen Andreas Keller und Anke Wild (sie ist Silbermedaillengewinnerin von Barcelona, natürlich im Hockey). Felix ist Kapitän der U21-Nationalmannschaft, Luca trägt das Trikot der deutschen U16. Jetzt ist Andreas verheiratet mit Louisa Keller, ehemals Walter; sie wurde mit Natascha Olympiasiegerin in Athen. Sie haben zwei kleine Töchter; die ältere, Lilli, trainiert schon fleißig. Zu den jüngsten Familienfesten kam Lina Carnap, Tochter von Torsten Keller-Carnap, gern in Begleitung ihres Freundes Jonas Gomoll. Beide spielen in der Bundesliga für den BHC. Gomoll gilt wie sein Teamkollege Felix Wild als kommender Nationalspieler. Beide waren Anfang Juni auch maßgeblich beteiligt am Gewinn der Deutschen Meisterschaft - dem ersten für die BHC-Männer seit 47 Jahren.

Natascha Keller liebt diese Patchwork-Treffen. "Das ist immer lustig. Und es ist doch toll, in so einer Familie groß zu werden", sagt sie, "ich frag mich ja manchmal selbst: Wie kommt das? Da sind so viel Talent und so viel Freude. Irgendwie landen alle beim Hockey." Gezwungen wurden sie und ihre Geschwister nicht, nur gefördert. Carsten Keller hat alle seine Kinder in der BHC-Jugend trainiert. Alle vier wurden anschließend Juniorennationalspieler - mindestens. "Er hat mir den Weg geebnet, aber gleichzeitig alle Freiheiten gelassen", erzählt Natascha Keller, die neben dem Sport ein Studium zur Diplom-Betriebswirtin absolviert hat und in diesem Beruf inzwischen auch arbeitet. Ihr Glück: Von schweren Verletzungen blieb sie weitgehend verschont. "Je älter ich wurde, desto weniger Wehwehchen hatte ich." Da kann man fast neidisch werden.

Freude für den Bruder

Verspürt die 35-Jährige vielleicht die Wehmut, jetzt, wo das Karriereende näher rückt? Nein, noch nicht, weil sie so weit voraus ja gar nicht schaut. Jetzt freut sie sich erst mal auf London. Bei ihren fünften Spielen "weiß man ja, was kommt: das Größte, was man im Sport erleben kann." Im Vergleich zu Peking wird ihr das gemeinsame Familienerlebnis mit Florian fehlen. Dort wurden Deutschlands Damen Vierte, schrammten also knapp an einer Medaille vorbei. Natascha Keller hätte tief enttäuscht sein können. Sie war es nicht, weil ihr Bruder Florian, so oft vom Verletzungspech verfolgt, Gold holte. Endlich. "Das war einer meiner schönsten Momente im Sport", sagt sie. Natürlich: Die eigene Medaille war noch schöner!

So wie der Empfang auf dem Flughafen Tegel nach den Spielen in Athen. "Ich hab nur gestaunt: Wo kommen denn bloß all die Menschen her?" Rund 1000 seien es gewesen, schätzt sie - Massen jedenfalls. Da merkt man wieder: Natascha Keller ist eben kein Fußballprofi, der so viel Aufmerksamkeit gewöhnt ist. Trotzdem war sie sehr berührt, genauso wie vom folgenden Autokorso über den Kudamm zum Klubhaus, das ganz in Gold geschmückt war. "Da hat man gesehen, dass wir eine noch viel größere Hockey-Familie sind."

Ob es das noch einmal gibt? Platz sechs 1996 in Atlanta, Siebte in Sydney, der Olympiasieg in Athen, vierter Rang in Peking - und nun? Keller fühlt sich gut in Form: "Jetzt habe ich noch einmal ein großes Ziel vor Augen", sagt sie, "danach ist Schluss. Ich genieße diese Tage."

Man weiß im Sport ja nie, was kommt. Und so ganz Schluss ist natürlich nicht, ein Leben ohne Sport ist ja nicht wirklich denkbar. Keller freut sich jetzt schon ein bisschen auf die Verbandsspiele, bei denen sie gemeinsam mit ihrer Schwägerin Louisa antreten will. Angemeldet ist sie bereits. In der Ü30. Im Tennis.

Lesen Sie Teil 3 am kommenden Dienstag: Mutige Sprünge ins Wasser