Radsport

Die Tour bleibt die Tour

Wie schon in den letzten Jahren gibt es auch diesmal wieder Durchsuchungen von Hotelzimmern und Festnahmen

- Bertrand Rousset ist Manager des Hotels Mercure in Bourg-en-Bresse und ein bedauernswerter Mann gewesen. Am Dienstag gegen acht Uhr fuhr ihm der Schreck dem Vernehmen nach tüchtig in die Glieder. Polizeibeamte kündigten einen Zugriff vor Ort an, und der Hotelier bat vor allem um eines: Diskretion.

Es wurde dann eine halbe Stunde später am ersten Ruhetag der Tour de France auch ein recht rascher, vor allem aber ein zielgerichteter Zugriff. Just, als sich der Radprofi Remy di Gregorio auf den vermuteten Fußweg zur Übernahme eines verdächtigen Pakets begab, griffen die Beamten zu. Sie nahmen den 26 Jahre alten Franzosen unter dem Verdacht fest, er handele mit Dopingmitteln. Eine Untersuchung des Paketinhalts war am Mittwoch zunächst noch nicht abgeschlossen.

Die Ermittlungen gegen den talentierten Bergfahrer di Gregorio sowie weitere Männer - zwei wurden Dienstag ebenfalls festgenommen - dauern bereits seit einem Jahr an und begannen, als di Gregorio noch für die einstige kasachische Skandal-Equipe Astana in die Pedale trat. Es heißt, ein abgehörtes Telefonat habe die Polizei letztlich zum Zugriff bewegt. Spätestens am Donnerstag soll di Gregorio in seiner Heimatstadt Marseille, wo die Staatsanwaltschaft ermittelt, dem Haftrichter vorgeführt werden.

Die Strafandrohung ist der französischen Nachrichtenagentur AFP zufolge happig: Sollte ihm tatsächlich organisierter Dopinghandel nachgewiesen werden, drohen dem früheren nationalen Juniorenmeister im Zeitfahren bis zu sieben Jahren Haft sowie 150.000 Euro Geldstrafe. Möglich machen es die in Dopingdelikten ungleich strengeren Gesetze in Frankreich. Wem er möglicherweise leistungssteigernde Substanzen verkauft haben könnte, dafür dürften sich die Ermittler dann im zweiten Schritt sehr interessieren. Es ist ja nicht so, dass die Szene unbefleckt wäre.

Im Team Cofidis, einem französischen, zweitklassigen Rennstall, der schon 2007 durch die Affäre Cristian Moreni (Testosterondoping) in die Schlagzeilen geriet, versuchen sie den Fall herunterzuspielen. Bemüht wird, wie üblich, die Einzelfallthese: "Es gibt in diesem Moment ein Gefühl von Zorn und Verrat dem Team und dem Sponsor gegenüber", jammerte Yvon Sanquer, der erst kürzlich neu installierte Manager. Di Gregorio wurde suspendiert, "aber die Fahrer, die aktuell die Tour bestreiten, sollen nicht bestraft werden. Es handelt sich um einen isolierten Akt, um die Handlung eines Fahrers, der sich fehlleiten ließ". Aufgefallen ist bei Cofidis angeblich niemandem etwas.

Tatsächlich geraten die Unterkünfte der Rennställe während der drei Wochen im Juli immer wieder aufs Neue zu chaotischen Umschlagplätzen. Fahrer, Betreuer, Manager, Sponsoren, Journalisten, Schaulustige und Lieferanten tummeln sich bisweilen auf engstem Raum. Dass für einzelne Mitglieder der auf Durchreise befindlichen Mannschaften dann und wann unter dubiosen Umständen Pakete abgegeben werden, kommt vor. So hat etwa ein Zeuge im (längst abgeschlossenen) Bonner Ermittlungsverfahren gegen Jan Ullrich berichtet, wie während des laufenden Giro d'Italia 2006 ein anonymer spanischer Bote, der sich als "Freund von Rudy" ausgab, einem Pfleger ein Paket für T-Mobile-Teammanager Pevenage übergab. Was sich darin befand, ist nicht bekannt.

In Macon, wo Mittwoch die erste schwere Alpen-Etappe der Tour startete, gaben sich die Verantwortlichen am Tag nach der Razzia bewusst gelassen. "Die Nachricht ist eindeutig: Früher oder später wird jeder Betrüger auffliegen, das muss allen klar werden", argumentierte etwa Christian Prudhomme, der Tourdirektor beim Rennveranstalter ASO.

Was soll der frühere Fernsehmoderator auch sagen? Polizeieinsätze während der Tour gibt es beinahe jedes Jahr wieder, die Hundertschaften akkreditierter Journalisten können sich fast schon darauf einstellen. Das Signal der Franzosen, das von Razzien wie Dienstag ausgehen soll, ist wohl dieses: Wir lassen uns unser Monument Tour nicht so leicht kaputt machen. Cofidis-Teamchef Sanquer mühte sich derweil, die lästige Episode rasch abzuhaken: "Wir wollen nun unsere ganze Energie in die Tour stecken und uns bestmöglich präsentieren."

So, wie es Jens Voigt Mittwoch auf den 194,5 Kilometern nach Bellegarde-les-Valserine formidabel gelungen ist. Nachdem er sich an einer vierköpfige Ausreißergruppe herangekämpft hatte, belegte der attackierfreudige Berliner am Ende Platz drei. Kurzzeitig hatte es sogar so ausgesehen, als ob er der Franzosen Thomas Voeckler vom Team Europcar, der letztlich als Erster durchs Ziel fuhr, im Schlussanstieg hätte abhängen können.