Englands Ex-Kapitän Terry vor Gericht: Ich bin kein Rassist

Fäkalsprache und ihre Interpretation dominieren den Prozess gegen den Chelsea-Star in London

- John Terry (31) war Kapitän von England und ist seit vielen Jahren bewunderter und für seinen Einsatz gefeierter Verteidiger. Ein englischer Kerl, wie er im Buche steht, einer mit Ecken, Kanten und gewiss nicht ohne Fehler, aber einer, der immer vorangeht und für die anderen grätscht. Beim FC Chelsea ist er daher schon seit seinem 23. Lebensjahr Kapitän. Er erbte die Binde von dem Mann, neben dem er sein Abwehrhandwerk perfektionierte, dem dunkelhäutigen Franzosen Marcel Desailly. Seither führte er bei Chelsea eine Reihe schwarzer Superstars aufs Feld, Didier Drogba, Ashley Cole, Michael Essien, die oft mit großem Respekt von ihm gesprochen haben. Kann so ein Mann, kann Terry ein Rassist sein?

Diese Frage wird seit Montag vor Gericht verhandelt. Seither führt der Westminster Magistrates' Court an der Marlyebone Road im Zentrum Londons die Beweisaufnahme im Fall "1103985595, John George Terry 07/12/80". Am ersten Tag war die Staatsanwaltschaft am Zug. Am Dienstag sprach Terry. Beides mit altbekanntem Ergebnis: Es steht Aussage gegen Aussagen, Nuance gegen Nuance.

Dennoch ist es schon wegen der seltenen Dichte von Fäkalsprache ein spektakulärer Prozess. Selbst eifrige Mitzähler können beispielsweise nicht genau beziffern, wie oft bereits das Wort "cunt", "Fotze", gefallen ist. Öfter jedenfalls, als Terry durchschnittlich in einem Fußballspiel den Ball berührt. Aber wo viele dieser Kontakte während eines Spiels folgenlos bleiben, sind es die Worte nicht, die er an jenem 23. Oktober 2011 dem schwarzen Verteidiger der Queens' Park Rangers, Anton Ferdinand, an den Kopf schleuderte. "Fucking black cunt" - um diese Kraftausdrücke und die dahinter stehende Gesinnung geht es in dem Verfahren.

Nach zwei Verhandlungstagen steht nicht mehr grundsätzlich in Zweifel, dass sie gefallen sind. Allerdings behauptet Terry, sie nur fragend erwidert zu haben, nachdem ihn Ferdinand ähnlich lautend beleidigt habe. Gänzlich unstrittig ist der Umstand, dass beide Spieler heftig aneinander gerieten nach einem Zweikampf in der 84. Minute. Unter anderem machte Terry eine Handbewegung vor seinem Mund, die ausdrücken sollte, dass Ferdinand aus selbigem muffle. Umgekehrt gab Ferdinand zu, nach Kräften provoziert zu haben mit der ebenfalls gestenreich bekräftigten Erinnerung an eine Affäre Terrys mit der ehemaligen Gefährtin des Teamkollegen Wayne Bridge.

Aus diesem Grund hatte Terry im Jahr 2010 zum ersten Mal die Kapitänsbinde in der Nationalmannschaft abgeben müssen. Später begnadigt, verlor er sie wegen des Rassismusvorwurfs erneut, was den damaligen England-Trainer Fabio Capello zurücktreten ließ; der Italiener war bei dieser Amtsenthebung übergangen worden. Als weiterer Kollateralschaden der drei Worte ließe sich anfügen, dass Antons Bruder Rio Ferdinand womöglich aus Angst vor persönlicher Inkompatibilität mit Terry von Capellos Nachfolger Roy Hodgson nicht für die EM 2012 nominiert wurde. Schließlich gilt es daran zu erinnern, dass Terry in seinen jungen Jahren schon einmal wegen einer Prügelei angeklagt war (er wurde freigesprochen) und außerdem gemeinsam mit Teamkollegen am Abend des 11. September 2001 in London-Heathrow volltrunken einige amerikanische Touristen bepöbelte (von seinem Klub gab es eine Geldstrafe). Wie gesagt, ein echter Kerl, der eben mal über die Stränge schlägt.

Aber Rassismus? "Sie haben mich in meiner Fußballkarriere und außerhalb des Spielfelds vieles genannt, aber ich lasse mich nicht Rassist nennen", sagt John Terry. "Wenn jemand deine Hautfarbe mit ins Spiel bringt, ist das eine andere Sache", sagt Ferdinand, der mit Terry nach dem Spiel erst Frieden geschlossen hatte und erst durch Videomaterial auf die fragliche Beleidigung aufmerksam wurde. Formal geht es um einen Streitwert von 2500 Pfund. Bis zu fünf Verhandlungstage sind anberaumt.