Interview

"Unser Ziel muss der Aufstieg sein"

Hertha-Torhüter Thomas Kraft über seine Sperre und den Anspruch, ein Führungsspieler in Berlin zu sein

- Er ist die unumstrittene Nummer eins, obwohl er die Nummer an sich gar nicht tragen möchte. Thomas Kraft erlebte eine aufwühlende Saison in der Fußball-Bundesliga mit Hertha BSC, nun geht der frühere Torwart des FC Bayern München mit den Berlinern in die Zweite Liga. Morgenpost-Mitarbeiter Marcel Stein sprach mit dem 23-Jährigen über die vergangenen Monate, seinen Führungsanspruch und Herthas Chancen.

Berliner Morgenpost:

Bei Hertha BSC ist in den vergangenen Monaten viel Unschönes passiert. Hatten Sie trotzdem einen erholsamen Urlaub, Herr Kraft?

Thomas Kraft:

So wie sonst war mein Sommer sicher nicht, allein weil sich die Sportgerichtsverhandlungen sehr lange hingezogen haben. Natürlich beschäftigt einen das, auch ich habe öfter darüber nachgedacht, über den Abstieg, die Umstände. Aber trotzdem hatte ich einen schönen Urlaub, ich konnte mich gut erholen und die Energie tanken, um wieder voll anzugreifen.

Obwohl so viel aufzuarbeiten war? Zum einen die Leistung auf dem Platz, zum anderen die skandalösen Umstände in Düsseldorf mit dem Platzsturm.

Ich bin immer ehrlich, und wenn du das vorige halbe Jahr betrachtest, dann sind wir vollkommen zu Recht abgestiegen. Was wir teilweise gespielt haben, war einfach nicht bundesligawürdig. Auch sonst war einiges nicht okay. Am Ende ist es in diesem einen Spiel auf die Spitze getrieben worden. Das hat mir nicht gefallen.

Aber genauso gut könnte jeder hadern mit dem Urteil gegen Hertha, denn die Umstände in Düsseldorf waren nicht regulär.

Korrekt finde ich das auch nicht, es ist nicht akzeptabel. Aber jetzt sind wir in der Zweiten Liga und müssen uns keine Gedanken mehr darüber machen, sondern uns auf die neue Situation einstellen, darauf, den Weg zurück in die Bundesliga zu gehen, in die Hertha gehört.

Wie wichtig ist es, mit der Vergangenheit abzuschließen und mit freiem Kopf nach vorn zu blicken?

Wenn du das Negative zu lange mitnimmst, macht sich das irgendwann bemerkbar, es würde sich in der Leistung widerspiegeln. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass sich noch irgendeiner damit beschäftigt, was passiert ist, sondern nur im Blick hat, was wir vorhaben.

In Ihrer Karriere wirkt das Saisonresultat wie ein Bruch. Sie kommen vom FC Bayern München, sind Erfolg gewöhnt. Nun müssen Sie nach dem ersten Jahr mit Hertha den ersten Abstieg verkraften.

Zu Hertha bin ich gekommen in dem Bewusstsein, dass es ein Aufsteiger ist und dass es schwer wird, die Klasse zu halten. Nach dem ersten halben Jahr hätte ich aber niemals für möglich gehalten, dass wir mit dieser Mannschaft absteigen können. Aber dann ist es doch passiert, schön ist das nicht.

Sie haben sich sicher oft die Frage gestellt, warum sich alles so gefügt hat bei Hertha. Welche Antworten haben Sie gefunden?

Hätte ich welche gefunden, hätte uns das bestimmt weitergeholfen. Damit setze ich mich jetzt aber auch nicht mehr auseinander, weil es nicht mehr zu ändern ist.

Sie waren einer der ersten, die gesagt haben, sie erfüllen ihren Vertrag. Empfinden Sie das inzwischen als etwas voreilig?

Nein, der Abstieg war ja nicht unwahrscheinlich, als ich das gesagt habe.

Herr Kraft, Sie gehören bei Hertha zu denjenigen, die den Ton angeben, das Team führen. War das eine Rolle, die Sie angestrebt haben? Bei den Bayern hatten Sie die nicht, in Berlin gingen Sie sofort darin auf.

Sicherlich sehe ich mich als jemanden, der versucht zu führen, der Dinge anspricht, die unangenehm sind. Womit ich nicht gerechnet habe, ist, dass ich gleich im ersten Jahr diesen Schritt in diese Rolle so schnell vollziehen würde. Aber ich mache das gern, und ich brauche das auch. Das gehört zu meinem Naturell.

Wie kommt das?

In meinem Leben muss ich auch Verantwortung übernehmen. Warum also nicht in der Mannschaft? Ich möchte das weiter vorantreiben, weil die Entwicklung der Persönlichkeit, die auf dem Platz steht, damit auch zusammenhängt. Ich helfe und unterstütze gern, auf dem Platz und in der Kabine. In der vergangenen Saison bin ich aber auch schnell in diese Position hineingewachsen, weil nicht so viele da waren, die vornweg marschieren.

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, dass viele im Team zuletzt vor allem irgendwo Halt gesucht haben, schließlich musste sich jeder mit den Erwartungen und Ansprüchen zu vieler Trainer auseinandersetzen. Wie schwer ist es, sich da zurechtzufinden?

Es war sicher sehr turbulent, jeder musste sich mehrmals neu orientieren, alles formierte sich neu, es gab immer neue Abläufe. Jeder sucht da nach einer gewissen Stabilität, auch untereinander. Wobei ich trotzdem sagen muss, dass das nie eine Entschuldigung sein darf, wenn es sportlich nicht läuft. Jeder einzelne ist dafür verantwortlich, dass die Mannschaft als Ganzes funktioniert. Aber die Verunsicherung durch die Wechsel war bei uns spürbar. Das hat zum Abstieg beigetragen.

In Jos Luhukay steht nun wieder ein neuer Trainer auf dem Platz. Wie sehen Sie ihn?

Sehr, sehr positiv. Als es hieß, er würde nach Berlin kommen, habe ich mich gefreut, weil jeder sieht, dass er überall sehr gute Arbeit abgeliefert hat. Das bestätigt sich jetzt, wie er und seine Trainer sich geben, wie er mit den einzelnen Spielern umgeht, das ist hervorragend.

Hatten Sie schon einen intensiveren Austausch mit ihm?

Er hat viele Gespräche geführt, auch mit mir. Er sucht diese Gespräche oft, er ist ein kommunikativer Trainer, der eine starke Autorität hat, aber auch eine gewisse Lockerheit. Jos Luhukay besitzt eine klare Linie und folgt seinem Weg.

Der soll in die Bundesliga führen, doch die Mitbewerber sind zahlreich.

Direkt wieder aufzusteigen, wird sicher schwierig. Das war es bestimmt auch vor zwei Jahren. Ich denke, es werden vier, fünf Mannschaften um die ersten drei Plätze spielen. Doch wenn ich sehe, wer jetzt bei uns hinzugekommen ist, dann denke ich, dass wir ein Team haben, dessen Ziel der Aufstieg sein muss. Wir müssen das auch zeigen und wieder Spiele dominieren.

Vergangene Saison gab es das nicht, jetzt steht es bald bevor: das Derby gegen Union. Aus München wissen Sie sehr gut, wie die Konkurrenz zwischen Stadtrivalen gelebt werden kann. Haben Sie in Berlin davon schon etwas mitbekommen?

In München ist es extrem, da wirst du als Spieler auch schon mal darauf angesprochen. Und das nicht immer nett von der anderen Seite. Das gehört dazu und macht ja auch Spaß. Hier habe ich das noch nicht so gesehen.

Das Hinspiel ist am 4. Spieltag, somit könnte das Derby ihr erster Pflichtspieleinsatz in der Zweiten Liga werden nach der abgesessenen Sperre von vier Partien (mit erster Pokalrunde). Haben Sie die Erlebnisse von Düsseldorf, nach denen sie wegen Schiedsrichterbeleidung eine Zwangspause erhielten, insofern geprägt, dass Sie daraus etwas lernen konnten?

Ich sehe keinen Grund, warum eine Sperre, die ich als nicht gerechtfertig betrachte, dazu führen sollte, dass ich mich in irgendeiner Weise ändere oder mir Gedanken machen muss, wie ich mit bestimmten Situationen umgehe. Ich muss diese Sperre akzeptieren. Was ich darüber denke, behalte ich lieber für mich. Ich weiß, wie ich mich verhalte und zu verhalten habe.