Roger Federer und Serena Williams

Mit 30 fängt das Tennis-Leben erst an

Roger Federer und Serena Williams beweisen in Wimbledon, dass das Alter nicht vor großen Siegen schützt

- Selbst an den Weihnachts-Feiertagen zog es ihn einst mit seinem Fitness-Guru Gil Reyes in die Wüste hinaus - zu jenem gefürchteten Sand-Hügel nahe Las Vegas, der die schwersten Prüfungen in seinem mörderischen Konditionsprogramm bereit hielt. Keiner schuftete so hart wie der reife, in die Jahre gekommene Andre Agassi für eine neue Tennis-Saison, und keiner war dann auch so fit für das strapaziöse Programm im Wanderzirkus der Profis. Jenseits der Dreißig, niemand lebte es so eindringlich wie Agassi vor, muss eine Karriere im Tourgeschäft noch lange nicht in Erfolg- und Bedeutungslosigkeit enden.

Wer in diesen bewegten Grand-Slam-Tagen auf den Tennisbetrieb und seine Hauptdarsteller schaut, der kann nur staunen, welche Zeitenwende der unermüdliche Amerikaner einst eingeleitet hat, welches Vermächtnis er hinterließ. In Wimbledon holte sich Roger Federer den ersten und wahrscheinlich nicht letzten Grand-Slam-Titel in seinen Dreißiger-Jahren gegen den tapferen Schotten Andy Murray, ganz gewollt und gezielt: "Ich wollte immer, dass meine Zwillingstöchter ihren Vater noch einmal auf dem Centre Court sehen, wenn er so einen großen Tag hat", sagte er und sprach dann noch vom "Glück der späten Jahre" und dem tollen Erlebnis, "dies alles hier mit meiner Familie teilen zu können."

Diät und Disziplin

Spieler über 30 wie der nunmehr siebenmalige Wimbledon-Champion Federer und auch die in der Frauen-Konkurrenz triumphierende Serena Williams sind inzwischen keinesfalls mehr die exotische Ausnahme im Welttennis, sondern immer mehr auf dem Vormarsch. Das neue Motto im Tennis, es lautet: Trau jedem über Dreißig - alles zu. Bei den French Open in Paris und im All England Club starteten jeweils mehr als 30 Spieler im Hauptfeld, die mindestens 30 Jahre alt waren. Mit Maestro Roger Federer und dem spanischen Dauerläufer David Ferrer rückten zwei der "Golden Oldies" sogar ins Halbfinale von Roland Garros vor, Federer gewann jetzt in Wimbledon. Bei den Rasenmeisterschaften posierte schließlich ein zupackendes Pärchen beim Champions Diner für die Fotografenmeute: Federer und Serena Williams, beide 30. Den Doppelwettbewerb hatte sie übrigens mit ihrer 32-jährigen Schwester Venus gewonnen und gesagt, "30, das ist das neue 20".

Einige der interessantesten Geschichten, die das Herrentennis in den letzten zwei, drei Jahren bereithielt für die Fans, schrieben sowieso die lebensweisen Gentleman: Einer wie der Amerikaner Mardy Fish, der sich auf seine alten Tage noch einmal mit einer strengen Diät und enormer Arbeitsdisziplin unter die Top 10 katapultierte. Einer wie der zupackende Österreicher Jürgen Melzer, der sowohl im Einzel wie im Doppel in die Weltklasse aufstieg. Oder auch einer wie Tommy Haas, quasi der ungekrönte deutsche Meister der Comebacks, der nach fünf Operationen an der Schulter, im Rücken und an der Hüfte immer noch zu den Besten seines Fachs zählt.

Beim Endspiel der Gerry Weber Open in Halle standen sich unlängst der 34-jährige Haas und der 30-jährige Federer gegenüber, zwei Freunde, die sich über die Zeit ihrer Karriere schätzen gelernt haben. Und die beide Inspiration durch Agassi, den einstigen Elder Statesmen des Tennis, gefunden haben für ihre Langzeit-Karriere: "Er hat uns vorgemacht, dass man auch mit 31 oder gar 34, 35 noch erfolgreich sein kann in diesem Sport", sagt Federer. Tatsächlich scheint es derzeit eher möglich, dass ein Profi auf dem Weg zum 40. Lebensjahr einen der großen Tennistitel holt als einer, der 17 oder 18 Jahre alt ist, wie einst sensationell Boris Becker 1985 in Wimbledon oder Rafael Nadal 2005 in Paris.

Die Ursache? Das moderne Tennis verlangt von seinen Stars so viel wie nie zuvor, mental ist dabei die Herausforderung oft noch größer als körperlich. Und hier kommt der Faktor Erfahrung ins Spiel: Keiner weiß besser als die alten Wilden, wie man am schlauesten durch eine Saison kommt, wie die Höhepunkte zu setzen sind, wie man sich den Grand Slams annähert, wann man besser mal eine Pause macht. Vorbei ist die Ära, in der das Tennis einem regelrechten Jugendwahn verfallen war und Wunderkinder kritiklos bejubelte.

Heute haben Karrieren in diesem Geschäft einen anderen und sinnvolleren Zeithorizont: Nach Schulausbildung und Lehrjahren im Nachwuchstennis geht es erst mit 20 bis 22 in die Profiszene - dann allerdings ist es auch nicht ungewöhnlich, wenn man erst mit 35 aufhört. Als alter Meister, wie Andre Agassi.

Chancen für Rio 2016

Der Ex-Profi hat sich übrigens gerade herzlich gefreut, eine Menge erfahrener, gereifter Spieler zu sehen im Spitzentennis: "Das tut unserem Sport richtig gut", meinte er. Federer seinerseits gab zu Protokoll, er sehe selbst noch in Rio, 2016 bei den Olympischen Spielen, gute Chancen: "Warum sollte ich da nicht noch eine Medaille holen?"

Vorher aber hat er noch ein anderes großes Ziel. Bei den Olympischen Spielen in London möchte er auf dem heiligen Rasen von Wimbledon auf jeden fall die Goldmedaille holen - wie Serena Williams übrigens auch. Das Alter für den großen Coup hätten beide jedenfalls.