Golfprofi Marcel Siem

Erleuchtung nach acht langen, dunklen Jahren

Golfprofi Marcel Siem gewinnt in Paris

- Am Sonntag ging in Paris eine Ära zu Ende: Nicht etwa die von Golfprofi Martin Kaymer, der bei den Open de France als 70. nur den letzten Platz belegte. Sondern die von Marcel Siem, der es in all den zwölf Jahren, die er auf der European Tour spielt, immer wieder fertig gebracht hatte, im entscheidenden Moment seine Siegeschancen zu verspielen. Diesen Makel ist der 31-Jährige mit dem Pferdeschwanz jetzt los. Er gewann auf dem Le Golf National eines der renommiertesten Turniere Europas und mit 525.000 Euro das höchste Preisgeld seiner Karriere.

"Ich bin wirklich glücklich, dieser Sieg bedeutet mir sehr viel", strahlte Siem mit dem Pokal in der Hand, der zuvor auch schon an Bernhard Langer (1984) und Martin Kaymer (2009) überreicht worden war. Hinter Siem lag eine schier endlos lange Durststrecke. Es war sein zweiter Sieg auf der Tour. Genau acht Jahre und 165 Tage zuvor hatte er 2004 im südafrikanischen Johannesburg gewonnen. Danach hatte er bei 226 Turnieren den Ball aufgeteet, bei denen andere Siegerscheck und Pokal mit nach Hause genommen hatten.

"Der erste Sieg nach acht Jahren, da ist es fast schon egal, wo du gewinnst. Es ist einfach gigantisch, weil es dir Selbstvertrauen zurückgibt", erzählte Siem, dessen Sieg vielleicht doch nicht so sehr überraschte. Zuvor hatte er in dieser Saison bei 14 Turnieren nur einmal den Cut verpasst und vier Top-Ten-Ergebnisse erzielt. "Ich habe das ganze Jahr schon konstant gespielt und war oft vorn dabei. Aber irgendwie habe ich es nie hinbekommen, weil irgendwelche dummen Sachen passiert waren", erklärte er. "Der Druck wird immer größer mit jedem Mal, wo du es nicht packst. Die Leute fangen an zu erzählen, dass du nie wieder gewinnen wirst. Auch deswegen ist dieser Sieg so wichtig für mich." Nervös sei er gewesen auf den letzten Bahnen, dann aber doch "ruhig geblieben" und das habe sich sehr gut angefühlt.

Victoria hat sein Leben verändert

Dass aus dem einst so unberechenbaren Lebemann, der auch am Billardtisch oder beim Tischfußball eine gute Figur macht und gern angelt, einer geworden ist, der konstant oben mitspielt, kommt nicht von ungefähr. Die Geburt von Töchterchen Victoria vor anderthalb Jahren hat ihn verändert. "Durch sie bin ich wesentlich ruhiger geworden. Meine Perspektiven im Leben haben sich verändert, ich bin ernsthafter geworden", erzählt Siem. Außerdem scheinen sich zwei Jahre harten Trainings mit Günter Kessler, der auch Martin Kaymer betreut, auszuzahlen. Und der Umstand, dass sich Vater Heinz Siem bei seinem nunmehr reiferen Sohn Gehör verschaffen konnte. "Fitness heißt Kondition, und das heißt Konzentration", lautete schon immer das Credo von Siem senior, einstmals ein gestandener Handballer. "Das habe ich ihm immer schon gesagt, aber jetzt hat er es begriffen." Mittlerweile, gesteht Siem junior, mache ihm "Fitnesstraining richtig Spaß".

Spaß dürfte auch der Tag danach gemacht haben. Siem kletterte in der Weltrangliste vom 120. auf den 58. Platz und in Europa auf Rang 11. Die Summe der Preisgelder in dieser Saison ist jetzt mit 1.089.420 Euro bereits siebenstellig. Auch das hatten vor ihm nur Langer und Kaymer geschafft. Und: Siem hat in gut einer Woche einen neuen Termin: er ist für die British Open im Royal St. Lytham and Annes qualifiziert. Das sei "mehr als verdient und die Belohnung für eine sehr gute Saison", gratulierte einer, der es wissen muss: Martin Kaymer.