Interview

"Ich will Weltmeister werden"

Formel 1: Mercedes-Pilot Nico Rosberg über wundervolle Erfahrungen, die Ängste seiner Mama und Michael Schumachers Zukunft

- Nico Rosberg hat in den vergangenen sechs Rennen nur einen Punkt weniger geholt als WM-Spitzenreiter Fernando Alonso. Mit Platz fünf in der WM-Fahrerwertung liegt der 27-Jährige vor dem Großen Preis von Silverstone (Sonntag, 14 Uhr, RTL und Sky) so aussichtsreich wie noch nie im Titelrennen. Simon Pausch sprach mit dem Mercedes-Teamkollegen von Michael Schumacher, der gestern verkündete, erst im Oktober entscheiden zu wollen, ob er seinen Vertrag verlängert.

Berliner Morgenpost:

Herr Rosberg, aus Angst um Sie schaut sich Ihre Mutter die Rennen nie an.

Nico Rosberg:

Als ich beim Großen Preis von China so weit in Führung lag, hat sie sich die letzten beiden Runden angeschaut, weil ein paar Freundinnen sie zu sich gerufen haben. Da war mein Vorsprung so groß, dass nichts mehr passieren konnte. Seither macht sie wieder einen Bogen um den Fernseher.

Wie viele Rennen wird Ihre Mama demnach 2012 noch sehen?

(lacht) Ich hoffe viele.

Was hat sich für Sie seit dem Sieg in Shanghai geändert?

Das war eine wundervolle Erfahrung, die mir niemand mehr nehmen kann. Ich habe so lange darauf gewartet, deswegen war meine Freude auch besonders groß. Ich hoffe, dass dieses Gefühl in diesem Jahr noch einige Male wiederkommt.

Hat sich Ihr Standing verändert?

Nein, ich glaube nicht. Ich bin ja jetzt kein besserer Fahrer als vorher. An diesem Tag, besser gesagt an diesem Wochenende in China, haben einfach alle Bedingungen perfekt gepasst. Niki Lauda hat danach gesagt, dass das Siegen umso einfacher fällt, nachdem du das erste Rennen gewonnen hast. Das ist jetzt sechs Grands Prix her. Ich hoffe, dass er recht behält. (lacht)

Die Chancen dafür scheinen gut zu stehen 2012, die Formel 1 ist so ausgeglichen wie seit Jahren nicht. Sie sagten, dass es zehn Favoriten auf den Sieg gibt. Heißt das nicht umgekehrt, dass es keinen Favoriten gibt?

Das können Sie so übersetzen, ja.

Finden Sie das gut?

Absolut. Dass viele Fahrer gewinnen konnten, bedeutet, dass die WM lange ausgeglichen sein wird. 2011 hat immer der Gleiche gewonnen. Jetzt machen die Leute den Fernseher an und wissen nicht, wer am Ende oben steht.

Benötigt eine Sportart nicht prägende Figuren, um reizvoll zu sein?

Eine Sportart lebt von ihren Protagonisten, ganz klar. Roger Federer hat das Tennis jahrelang dominiert und Michael Jordan oder jetzt Dirk Nowitzki den Basketball. Aber auch bei uns gibt es solche Athleten. Michael Schumacher etwa hat der Formel 1 einen Riesenschub gegeben.

Meinen Sie seine früheren Erfolge oder sein Comeback?

Ich denke dabei vor allem an seine sieben WM-Titel damals.

Kann er der Formel 1 heute immer noch einen Schub geben?

Natürlich.

Hat sich in der Beziehung zu Ihrem Teamkollegen etwas verändert, seit Sie Ihren ersten Grand Prix gewonnen haben?

Nein, auch das sehe ich nicht. Der Sieg war wichtig für mich und wichtig für das Team. Aber Michael und ich haben ein sehr gutes, professionelles Verhältnis. Gleichzeitig ist es eine große Herausforderung, mit ihm zusammen zu fahren.

Wünschen Sie sich, dass Schumacher im nächsten Jahr noch Ihr Teamkollege ist?

Ja, das wäre mir sehr recht. Er fährt auf einem extrem hohen Niveau. Er ist so stark wie nie seit seinem Comeback.

Können Sie Weltmeister werden?

Nach zwei Rennen hatte ich keine Punkte - seither habe ich 75 Punkte geholt, Tabellenführer Fernando Alonso 76. Die Saison ist noch lang. Natürlich ist das mein großes Ziel, ich möchte Weltmeister werden.

Der Weg zum Weltmeistertitel, darin sind sich alle einig, führt nur über das Verstehen der Reifen. Was ist so schwierig daran?

Das Fenster, in dem sie optimal funktionieren, ist sehr klein und von vielen Faktoren abhängig. Es gewinnt derjenige, dessen Reifenmanagement am besten ist.

Ist das eine neue Anforderung an Sie?

Nicht komplett, aber die Wichtigkeit hat sich verändert. So entscheidend war es in meiner Karriere noch nie.

Ist es nicht das Versagen der Fahrer, dass das Reifenrätsel noch nicht geknackt ist?

Die Ingenieure müssen das Zusammenspiel zwischen Auto und Reifen optimieren. Das geschieht in Zusammenarbeit mit uns Fahrern. Wenn Sie so wollen, liegt die Schuld daran bei uns allen. Auch bei mir.

Glauben Sie, dass es einem Team bis zum Saisonende gelingen wird, die Reifen komplett zu verstehen?

Nein, das halte ich für unwahrscheinlich.

Am Sonntag macht die Formel 1 in Silverstone halt. Wie stehen die Chancen?

Das ist ganz schwer vorherzusagen. Ich hoffe, dass es ein positives Wochenende wird.