Fußball

Nur noch eine Frage der Zeit

Kiew, Neapel, Schalke oder Gladbach: Hertha-Star Raffael muss entscheiden, wohin er wechselt

- Entspannt wirkt er, der Star von Hertha BSC. "Gut geht es", sagt Raffael, als er vom Trainingsplatz schlendert und sich mit dem Handrücken ein paar Grashalme von der Stirn wischt. "Und selbst?", fragt der Brasilianer den Journalisten. Außerhalb des Spielfeldes ist Raffael stets höflich. Er bleibt dann stehen und wartet lächelnd die Antwort ab. Seit viereinhalb Jahren spielt der kleine Dribbler für Hertha BSC. "Jeder weiß, was Raffa für ein fantastischer Spieler ist", schwärmt Jos Luhukay, sein neuer Vorgesetzter. Nur, wie lange wird der Trainer noch etwas haben von seinem Hochkaräter?

Wer die Zeichen richtig liest, weiß: Die Signale stehen auf Trennung. Auf die Frage, ob ein Wechsel bis zum Ende der Transferperiode am 31. August zustande kommt, antwortet Dino Lamberti, der Berater von Raffael: "Davon kann man ausgehen."

Aus gesundheitlichen Gründen ist Raffael mit einer Woche Verspätung ins Training gestartet. Seit Montag ist er da. Ob Tempoläufe, Kombinationsübungen oder Trainingsspiele - er macht alles mit. Und doch wirkt Raffael, als stehe er neben sich und schaue sich in Berlin alles mit einem Schmunzeln noch mal genau an.

Der neue Trainer Jos Luhukay will eine Mannschaft formen, deren klares Saisonziel in der Zweiten Liga die sofortige Rückkehr in die Bundesliga ist. "Das wird ein sehr hartes Stück Arbeit", sagt Luhukay. Dafür braucht es Druck, internen Konkurrenzkampf. Raffael ist dabei. Auch heute Abend, wenn der Fußball-Zweitligist seinen ersten ernsthaften Test spielt. Ab 18 Uhr geht es im Amateurstadion gegen den FC Midtjylland, den Dritten aus der dänischen Meisterschaft.

Egal, wen man nach Raffaels Zukunft fragt, offiziell zucken alle mit den Schultern. Der Trainer hatte am Montag ein erstes ausführliches Gespräch mit seinem Star. Es sei sehr angenehm gewesen, berichtet Luhukay. Nur, ob Raffael "eine Woche bleibt oder einen Monat oder ganz bei Hertha bleibt - ich weiß es nicht." Raffael selbst hält sich ebenfalls bedeckt. "Ich weiß nicht, was passiert." So wie es aussieht, sagt er, "fahre ich mit Hertha ins Trainingslager".

Seit Januar 2008 spielt er in Berlin. Raffael ist einer der besten Spieler, die je das Hertha-Trikot getragen haben. Und doch ist nicht eingetreten, was sein einstiger "Ziehvater" Lucien Favre argumentiert hatte. Die 4,3 Millionen Euro Ablöse, die Hertha damals an den FC Zürich überwies, seien gut angelegtes Geld. Nach zwei, drei Jahren in der Bundesliga könne der Hauptstadt-Klub Raffael locker für das drei- oder vierfache an einen europäischen Topklub weiterverkaufen.

Zwar wollten nach Herthas Abstieg 2010 Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und Sampdoria Genua den Herthaner verpflichten. Der wollte aber in Berlin bleiben, zumal Hertha ihm mit der Verpflichtung seines Bruders Ronny einen Familien-Traum erfüllte, dessen Charme er nicht widerstehen konnte.

Nun sind erneut zwei Jahre ins Land gegangen, Raffael ist mittlerweile 27 Jahre alt. Die Trainer-Nachfolger von Favre haben sich oft schwergetan, für Raffael eine Position zu finden. Mal wurde er auf der linken Außenbahn geparkt. Mal ins defensive Mittelfeld zurückgezogen. Ex-Coach Babbel wusste anfänglich gar nichts mit ihm anzufangen und ließ ihn draußen. Zuletzt spielte der sensible Brasilianer im 4-2-3-1-System im offensiven Mittelfeld.

Doch bei aller Qualität muss sich Raffael fragen, was er will. In 140 Liga-Spielen für Hertha hat er 30 Tore erzielt und 33 vorbereitet. Das ist eine gute, aber keine überragende Bilanz. Will Raffael sich auf höchstem Level beweisen und hat er ein entsprechendes Angebot: Dann muss der Profi, der manchmal zum Phlegma neigt, raus aus seiner Komfortzone Berlin und das Abenteuer Champions League wagen.

Und so wird es kommen. Berater Lamberti sagt: "Ich komme jetzt nach Berlin und werde Raffa die Angebote vorstellen. Er muss sagen, wo er hin will: in die Serie A, in die Bundesliga oder in die Ukraine."

Es gäbe Vereine, die Raffael "vergolden wollen", sagt er. Gemeint ist Dynamo Kiew, von dort wird Herthas Nr. 10 mit fürstlichem Salär gelockt. Aus Deutschland sind der FC Schalke und Borussia Mönchengladbach interessiert. Aus Italien sind der SSC Neapel und Udinese Calcio im Rennen.

Von Hertha-Manager Michael Preetz ist zu hören: "Raffael trainiert. Und wir sind entspannt." Die demonstrierte Gelassenheit hat Gründe. In der Branche ist bekannt, dass Hertha sehr gut sehr hohe Transfereinnahme brauchen kann. Nun sind es acht lange Wochen, bis das Transferfenster schließt. Die Berliner warten, weil jeder weiß: Die Interessenten warten ebenfalls.

Und Hertha denkt nicht daran, nach dem Bundesliga-Abstieg seinen Spielmacher herzuschenken. Raffael wird nur abgegeben, wenn der Preis stimmt: sieben Millionen Euro, um diese Größenordnung geht es. Aber auch die Interessenten kalkulieren genau. Rechnet man einen Vier-Jahres-Vertrag für Raffael mit einem Jahres-Salär von gut zwei Millionen plus einem stattlichen Handgeld plus der Ablösesumme hoch, wird das Paket rasch 16 bis 18 Millionen Euro teuer. Gladbach und Kiew spielen noch in der Qualifikation zur Champions League. Es kann sein, dass die Entscheidung erst spät im August fällt.

Dann ist es die Herausforderung von Trainer Luhukay, wie er den potenziellen Verlust des Herzstücks von Hertha ausgleicht. Schließlich soll er bereits am ersten August-Wochenende in die Zweite Liga starten - mit einer eingespielten Mannschaft. Bis auf weiteres muss Luhukay sich im Spagat üben. Er behandelt seinen Star wie jeden anderen Spieler, "als ob Raffa bis auf weiteres bei uns bleibt."

Gleichwohl weiß der Trainer um Herthas Sorgen. "Der Präsident und der Manager waren sehr offen. Ich weiß, wie die wirtschaftlichen Gegebenheiten sind."