Tennis

Kerber kämpft sich ins Halbfinale

Nach zweieinhalb Stunden muss sich die Berlinerin Lisicki in Wimbledon geschlagen geben. Zwei deutsche Männer stehen unter den besten Acht

- Als verbitterte Erstrunden-Verliererin fuhr sie 2011 aus dem All England Club nach Hause, dachte in ihrem Tennis-Weltschmerz sogar über einen Abschied aus dem Tourbetrieb der Profis nach. Doch nun, nur ein Jahr später, krönte Angelique Kerber ausgerechnet auf dem einst so ungeliebten Rasenteppich die bemerkenswerteste Aufstiegsstory, die es in der Tennis-Weltspitze der Frauen in dieser und der letzten Saison überhaupt gab: Aus der grauen Mitläuferin mit Weltranglisten-Platz 100 ist eine ebenso verblüffende wie souveräne Halbfinalistin der Offenen Englischen Meisterschaften geworden. Eine zähe und spielstarke Wettkämpferin, die auch im spannungsgeladenen deutsch-deutschen Duell mit der Berlinerin Sabine Lisicki letztlich verdient die Hackordnung durchsetzte, mit einem 6:3, 6:7 (7:9), 7:5-Sieg auf dem ehrwürdigen Centre Court.

Fünften Matchball verwandelt

"Unglaublich, dass ich im Halbfinale stehe. Hier hatte ich auch schon ganz schwere Momente als Tennisspielerin", sagte Kerber nach diesem Sieg der Nummer 1 gegen die Nummer 2 im deutschen Frauentennis. Lisicki war natürlich geknickt. "Es ist sehr enttäuschend, besonders, weil ich im dritten Satz zum Matchgewinn aufgeschlagen habe", sagte sie. "Ich habe eineinhalb Sätze lang schlecht gespielt, daraus werde ich lernen. Ich komme immer stärker heraus aus solchen Matches."

Kerber, die nach 2:30 Stunden erst ihren fünften Matchball verwerten konnte, trifft nun in der Vorschlussrunde am Donnerstag auf ihre Freundin Agnieszka Radwanska (Polen), die die Russin Maria Kirilenko in einem wegen Regens unterbrochenen Spiel 7:5, 4:6, 7:5 besiegte. Auch Serena Williams (USA) ist nach ihrem 6:3, 7:5-Sieg gegen Titelverteidigerin Petra Kvitova aus Tschechien weiter, trifft nun auf Victoria Asarenko (Weißrussland).

Schon bei den US Open des vergangenen Jahres hatte Kerber einen sensationellen Siegeszug bis ins Halbfinale inszeniert. "Diese Grand-Slam-Ergebnisse zu bestätigen, unter großem Druck, das ist eine ganz andere Genugtuung." Dabei schrammte sie in dem Prestigekampf gegen Lisicki nur knapp an einem Albtraum der vergebenen Chancen vorbei. Genau die Hälfte der Partie war verstrichen, als Kerber, bis dahin die unumschränkte Spiel-Beherrscherin, bereits ihren ersten Matchball hatte. Doch den ließ sie mit zu zögerlicher Attitüde und zu vorsichtigen Schlägen genau so aus wie zwei weitere Siegchancen im zweiten Satz bei 5:4 und später im Tiebreak.

"Ich war ein wenig geschockt, dass ich das nicht zu Ende bringen konnte." Aber sie habe dann einfach weitergefightet und sich gesagt: "Vergiss' die vergebenen Matchbälle", erzählte Kerber, "das war schon ein unheimlich hartes Ding." Erst recht, weil die Spielerin mit den meisten Saisonsiegen (45) im dritten Satz sogar 3:5 zurücklag und fast vor dem ernüchternden Wimbledon-Aus stand. Doch so wie sie in den letzten zwölf Monaten irgendwie die Kurve kriegte in ihrer ganzen Tennis-Laufbahn, drehte und wendete sie auch diesen Centre-Court-Krimi - machte schnell das Break zum 4:5 und erhöhte dann noch einmal das Tempo gegen die nervlich auf einmal schwächelnde Berlinerin. Noch einmal nahm Kerber ihrer am Ende entnervten Gegnerin den Aufschlag ab und servierte das Match sicher zum 7:5 aus - ins Halbfinale.

Triumphiert hatte so doch das stärkere Allroundspiel Kerbers über die Wucht und Dynamik von Lisicki, die besonders in der Anfangsphase unkonzentriert wirkte - als leide sie unter einem Spannungsabfall nach der Galavorstellung gegen Maria Scharapowa am Montag.

Historische Rekordmarke

Der gemeinsame Auftritt der beiden deutschen Fräuleins im Herzen von Wimbledon war allerdings nicht der einzige strahlende Moment für das deutsche Tennis an diesem 3. Juli 2012: Denn nach den erfolgreichen Überstunden von Florian Mayer und Philipp Kohlschreiber in ihren Achtelfinalpartien stand bereits am frühen Nachmittag eine historische Rekordmarke fest - nie zuvor nämlich waren vier deutsche Profis bei einem Grand-Slam-Turnier in die Runde der letzten Acht vorgestoßen, nicht einmal in den goldenen Tenniszeiten von Becker, Graf, Stich und Co. "Das ist eine großartige Bilanz", befand Becker höchstselbst, im All England Club für diverse internationale TV-Stationen im Einsatz, "die deutschen Frauen haben offenbar die Männer nach vorne gepusht."

Mayer hatte sich eine Viertelfinal-Verabredung heute mit Branchenführer Novak Djokovic durch seinen begeisternden 6:3, 6:1, 3:6 und 6:2-Sieg über den Franzosen Richard Gasquet gesichert, Kohlschreiber beendete die Comeback-Story des Amerikaners Brian Baker mit einem 6:1, 7:6 (7:4), 6:3-Erfolg und zog erstmals überhaupt in ein Viertelfinale bei einem der vier Majors ein; er spielt heute gegen Jo-Wilfried Tsonga (Frankreich).

Mayer hatte bei seinem Wimbledon-Debüt als "Gras-Hüpfer" 2004 bereits einmal den Vorstoß in den sogenannten "Last Eight Club" geschafft. "Das ist ein Topergebnis - und gibt allen im deutschen Herrentennis einen wichtigen Schub für den Rest der Saison", sagte Davis-Cup-Kapitän Patrik Kühnen.