Amateurfußball

Das Wunder von Wuppertal

Vor 50 Jahren holte der SC Tegel sensationell den deutschen Amateurtitel

- "Ich hätte nicht geglaubt, dass wir das schaffen." Als Horst Gräbe dies sagt, kann er sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen. Seinen beiden Tischnachbarn geht es ähnlich. Wie auf Bestellung nehmen alle drei einen Schluck aus ihren Gläsern, so wie es sich für eine Mannschaft gehört. Gräbe, Volker Behnke und Ingo Stütze sitzen am Kamin des Schollenkrugs. Hier, in der gemütlichen Ecke des Restaurants in Tegel, beginnen die Augen des Trios zu leuchten, als die Sprache auf dieses Ereignis kommt. An das sie selbst nicht geglaubt haben. Weil "wir vorher schon aufgeregt und nervös waren", erinnert sich Behnke. Und einfach "stolz, dort zu sein", so der 72-Jährige weiter. Dort, in Wuppertal, wo das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft der Amateurfußballer stattfand. Und Behnke, Gräbe und Stütze waren mit ihrem SC Tegel nicht nur dabei, sie waren mittendrin.

Warm war es an jenem 30. Juni 1962, richtig warm. Genau richtig, um einen Ausflug zu machen, in den Zoo vielleicht. Doch die rund 200 Berliner, die sich an diesem Sonnabend auf die Reise gemacht hatten, wollten ins Stadion am Zoo. Ihre Helden, die Mannschaft des SC Tegel, waren bereits einen Tag zuvor mit dem Flugzeug und dem Bus angereist. Den Platz begutachten, schon ein wenig Endspielatmosphäre schnuppern. "Am meisten fasziniert hat mich, dass doch so viele mitgereist waren", sagt Stütze. Der heute 69-Jährige war damals Mittelstürmer des Berliner Amateurmeisters. Und wie seine Klubkameraden stand er nun auf dem Rasen, der ein Fußballwunder bereithalten sollte. Keine Gedanken mehr an den Berliner Titel, den man vor dem großen Favoriten Minerva errungen hatte. Die Siege im deutschen Viertelfinale gegen die SpVgg Büchenbach (4:2) und im Halbfinale gegen Phoenix Bellheim (1:0) - verdrängt. Es war nur eines wichtig: die kommenden 90 Minuten gegen Tura Bonn.

Bonn - damals nicht nur Bundeshauptstadt, sondern auch haushoher Favorit. Die Schärpen, auf denen Tura Bonn zur Meisterschaft gratuliert wurde, waren schon an den Siegerkränzen befestigt. Es gab auch keine anderen. Wer war schon der SC Tegel, der sogar auf dem offiziellen Ankündigungsplakat des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) als "FC Tegel" präsentiert wurde? Auch für die 12.000 Zuschauer in Wuppertal war klar: Die Berliner sind nur schmückendes Beiwerk. Wie sehr man sich doch irren kann.

Es lief die 67. Minute. Nach einem Foul an Stütze legt sich SC-Kapitän Karl Bölk den Ball zum Freistoß zurecht. Eine Mauer stellten die Bonner nicht, was sollte schon groß passieren, wenn der 35-jährige Kraftfahrer aus Berlin antritt? Sekunden später zappelte der Ball im Netz - ein Schock, von dem sich Bonn nicht mehr erholte. "An Tegels Abwehr blieb Bonns Meisterschaftskranz hängen", titelte die Presse. Und Helmut Schön, damals noch Assistent von Bundestrainer Sepp Herberger, attestierte "das stärkste Amateurendspiel der letzten Jahre. Die Berliner haben taktisch klug gespielt."

Das Geheimnis der Meisterelf ist schnell enthüllt. "Wir haben Fußball gespielt, weil wir Spaß hatten. Und anschließend haben wir den Stiefel kreisen lassen", erzählt Behnke. "Vielleicht waren es auch zwei", ergänzt Stütze. Es wurde in jedem Fall etwas getrunken. Als Prämie gab es für die Elf, die den SC Tegel auf einen Schlag schuldenfrei gemacht hat, einen Kasten Bier und 200 Mark pro Person. Die folgende Saison in der Vertragsliga (mit Hertha BSC und Tasmania 1900) bekam den Tegelern jedoch schlecht. Das Team wurde nicht verstärkt, es fiel auseinander.

Die Erinnerung an das Wunder von Wuppertal ist jedoch geblieben. Und sie wird aufgefrischt werden, wenn sich die letzten Acht der Meisterelf zusammen mit rund 30 Gästen heute im Schollenkrug jenen Tag im Juni wieder ins Gedächtnis rufen. Weil sie etwas geschafft haben, an das sie vorher kaum zu glauben gewagt hatten.