Tennis

Höchststrafe für den Kannibalen

Superstar Nadal geht in Wimbledon gegen Nobody Rosol unter: "Als hätte ein tschechischer Zweitligist bei Real Madrid gewonnen"

- Es ging auf Mitternacht zu, als Lukas Rosol den letzten Volltreffer dieses denkwürdigen Wimbledon-Tages landete, mit seinem Spruch zum "Schocker auf dem Centre Court" (The Mirror): "Das ist, als ob ein tschechischer Zweitligist bei Real Madrid gewonnen hätte, im Bernabeau", strahlte der 1,96-m-Riese. Der zuvor unbekannte Tscheche hatte in den späten Abendstunden des 28. Juni eine echte Grand-Slam-Überraschung auf den Centre Court des All England Club gezaubert. Nicht nur das Resultat gegen Rafael Nadal war eine Hingucker: 6:7 (7:9), 6:4, 6:4, 2:6, 6:4 hieß es am Ende des Zweitrunden-Spiels für den Nobody.

Doch nicht die Tatsache, dass einer der drei "Unberührbaren" an der Spitze der Tennis-Welt schon in der zweiten Turnierrunde ausgezählt am Boden lag, war der eigentliche "Hammer von Wimbledon" (Tennis.com). Sondern der Mann, der diesen Knock-out mit steinharten Punchs, 22 Assen und einer irritierenden Furchtlosigkeit besorgt hatte: Lukas Rosol, 26 Jahre alt wie Nadal, aus Brünn stammend - bisher in der Klassengesellschaft des Wanderzirkusses Profitennis ein unbekannter Mitläufer, ohne Turniersieg, ohne jegliches Highlight in seiner Biografie.

Es schien, als habe sich Rosol alle Kraft, alle Klasse, allen Mut für diese eine magische Vorstellung in Wimbledon aufgespart - für ein Match, das unter geschlossenem Hallendach und im Licht der Flutlichtstrahler endete. Wie ein Ufo lag der hell erleuchtete Centre Court im Dunkel des Rasenreichs da. Und wie von einem anderen Planeten spielte drinnen der krasse Außenseiter aus Tschechien. Jener Rosol, der über drei Stunden und 20 Minuten einen wahren Trommelwirbel von Assen und Siegschlägen entfachte und erst recht im dramatischen Zielspurt, bei den Big Points, ungerührt ins Schwarze traf. "Im fünften Satz konnte ich nichts mehr machen. Da gab es einfach keine Chance für mich", sprach der niedergeschlagene Nadal hinterher. So entnervt hatte ihn der böhmische Riese, dass der Welt-Star seinen Gegner einmal sogar beim Seitenwechsel unsanft anrempelte - ein Blackout, für den sich Nadal noch auf dem Centre Court entschuldigte.

Dass ihm da einer auf der Nase herumtanzte, der vor der Turnierauflage 2012 fünfmal vergeblich versucht hatte, sich durch die Qualifikation ins Hauptfeld von Wimbledon durchzuschlagen, überforderte die Nervenkraft des sonst so eisernen spanischen Wettkämpfers. Als ihm der Tscheche in den beiden letzten Aufschlagspielen in Satz fünf noch einmal fünf Asse und serienweise Siegpunkte von der Grundlinie ins Feld knallte, blickte Nadal ebenso frustriert wie entgeistert hoch zu seiner Entourage in der Ehrenloge.

Doch so sehr er sich in einem Albtraum oder falschem Film wähnte - das Drama auf dem Centre Court war real. Schmerzlich und bitter. "Das tut schon sehr weh", sagte der elfmalige Grand-Slam-Champion, der sich unfreiwillig zur sommerlichen Siesta in der mallorquinischen Heimat verabschieden musste.

Kritik von John McEnroe

Erstmals seit 2005, als er nach dem Pariser Titelgewinn Nummer eins in Wimbledon früh ausgerutscht war - ebenfalls in Runde zwei - scheitete Nadal auch an jener heiklen Umstellung vom Sandplatz- zum Rasentennis. Einer Transformation, die stets in aller Hektik ablaufen muss, in nur zwei Wochen vom French-Open-Finale bis zu den ersten Ballwechseln in Wimbledon. "Rafael machte einen insgesamt nervösen, angespannten Eindruck - nicht nur im Spiel gegen Rosol", befand TV-Experte John McEnroe. Beim einzigen Vorbereitungsturnier auf Wimbledon hatte Nadal im Viertelfinale der Gerry Weber Open gegen Philipp Kohlschreiber verloren. Kurios: Nach seinem Hand-Streich gegen den "Tennis-Kannibalen" (LEquipe) trifft Rosol in der dritten Runde heute auf Kohlschreiber.

Rosols berauschendes Gastspiel auf dem Centre Court, der Auftritt eines Mannes, der in Melbourne zu Jahresbeginn in der ersten Runde beim 0:6, 0:6, 2:6 gegen Philipp Petzschner gerade um die peinliche Höchststrafe einer dreifachen Null herumgekommen war, kann durchaus als Inspiration für das große Heer der Profitruppe hinter Djokovic, Nadal und Federer dienen - für die Frustrierten, die nun schon eine kleine Ewigkeit unter der erdrückenden Dominanz des Spitzentrios leiden und die Übermacht gelegentlich wie ein Naturgesetz hinnahmen. "Harte, saubere Schläge. Unbedingtes Risiko. Und keine Angst vor großen Namen. So kann man auch gegen einen Topmann gewinnen", sagte Schwedens ehemaliger Weltklassespieler Mats Wilander.

Man dürfe nie vergessen, befand Englands pensionierter Tennisstar Tim Henman, "dass auch die Jungs um Platz 100 ganz klar die Substanz haben, einen dieser Topstars zu schlagen. Nur haben sie oft Angst vor der eigenen Courage." Die Erkenntnis des einstigen Lokalmatadors ("Tiger Tim"): "Man kann Spiele hier mit richtig Power gewinnen, mit Tennis, wie es früher in Wimbledon gespielt wurde. Mit echtem Rasentennis."