Cesare Prandelli

Italiens Klinsmann verweigert Treueschwur

Prandellis Wirken erinnert an Arbeit des Schwaben

- Als die Italiener kurz vor dem EM-Start 0:3 gegen Russland verloren, wurde es auf einmal eng für ihren Trainer Cesare Prandelli. In der Heimat schrien die ersten Kolumnisten nach einer Ablösung des 54-Jährigen, der zuvor nur Vereine wie Florenz, Parma und Venedig trainiert hatte. Doch der Lombarde blieb ruhig und hielt an seinem Konzept fest. Exakt 28 Tage später steht er im EM-Finale.

Es ist die auffälligste Parallele zur Arbeit Jürgen Klinsmanns als Bundestrainer - auch der Schwabe geriet nach einer derben Testspielniederlage (1:4 in Italien 2006) kurz vor dem Turnier ins Kreuzfeuer. Doch auch im Detail erinnert das Wirken Prandellis stark an die Arbeit des früheren Bundestrainers.

Als er nach dem Vorrundenaus in Südafrika das Amt vom im ganzen Land bewunderten Weltmeistertrainer Marcello Lippi übernahm, kündigte er eine radikale Verjüngung des Kaders an. Was für die Deutschen, bei denen Klinsmann ebenfalls die großen Fußstapfen von Sympathieträger Rudi Völler ausfüllen hatte müssen, Christoph Metzelder und Lukas Podolski waren, sind in Italien Stürmer Mario Balotelli und Verteidiger Leonardo Bonucci. Der eine von ihnen führt nun mit drei Treffern die Torjägerliste an, der andere hält als zentrale Figur die italienische Abwehr zusammen. "Überraschend ist nicht, dass wir im Endspiel stehen", sagte Prandelli nach dem Sieg über Deutschland: "Überraschend ist, mit welchem Tempo sich die einzelnen Spieler zu einer sehr starken Mannschaft entwickelt haben." Vor dem Start der Qualifikation für das Turnier in Polen und der Ukraine hatte er als Ziel seiner ersten Legislatur ausgegeben, überhaupt zur EM zu kommen.

Dennoch sieht er sein Team mit dem Finaleinzug noch nicht am Ziel. Zwar wird Prandelli nicht müde zu betonen, dass "Spanien schon vor dem ersten Spiel der haushohe Favorit auf den Titel war. Daran hat sich bis heute nichts geändert, wir sind nur Außenseiter". Gleichzeitig deutete er schon im Vorrundenduell der beiden Teams (1:1) an, ein Konzept gegen die iberischen Passstafetten zu kennen.

Exzellenter Stratege

Auch im Duell mit Joachim Löw, dessen taktische Maßnahmen weitgehend verpufften, rechtfertigte Prandelli seinen Ruf als exzellenter Stratege auf der Bank. Um seinen Spielgestalter Andrea Pirlo, der von seinen Kollegen geschützt wird wie der König beim Schach, lässt er einen flexiblen Angriffsfußball spielen. Zum ersten Mal in der Geschichte des Fußballs wird Italien nicht mehr für seine Effizienz gefürchtet, sondern muss stattdessen seine fahrlässige Chancenverwertung erklären. Der attraktive Stil der "Squadra Azzurra" ist der größte Verdienst Prandellis.

In den Stolz darüber mischt sich in der Heimat jedoch die Sorge, Prandelli könnte Klinsmann noch in einer weiteren Hinsicht nacheifern. Während des Turniers betonte Italiens Trainer immer wieder, wie sehr ihm als Nationaltrainer die tägliche Arbeit für einen Klub fehle. Zwar gilt sein Vertrag bis 2014, doch Prandelli verweigerte bisher jeden Treueschwur. Er habe keinen Kopf für derlei Dinge, mehr wolle er dazu derzeit nicht sagen. In Italien wissen sie genau, dass auch Klinsmann allen Überredungsversuchen zum Trotz nach seinem ersten Turnier Schluss gemacht hat.