Mario Balotelli

Eine Statue zum Verlieben

Italien berauscht sich am Spiel der Nationalmannschaft und feiert seinen neuen Helden

- Der Papst ist zwar Deutscher, aber Patriotismus liegt ihm eher fern. Vor dem Halbfinale zwischen Deutschland und Italien hatte er ausrichten lassen, dass er neutral sei und wünsche, dass die bessere Mannschaft dieses Spiel gewinnen möge. Als Bischof von Rom habe er an der Freude seiner Gläubigen teil, auch wenn die Italiener sind. So beglückwünschte Benedikt der XVI. den italienischen Staatschef Giorgio Napolitano am Freitag nicht nur zu dessen 87. Geburtstag, sondern auch zum Sieg und dem Einzug der Nationalmannschaft in das EM-Finale.

Grande Italia! "Dieser Sieg ist eine einmalige Leistung. Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie toll diese Mannschaft ist", sagte der Präsident den Azzurri in einem Telefonat mit Trainer Cesare Prandelli und Kapitän Gianluigi Buffon. Zwei Jahre nach dem peinlichen Vorrunden-Aus des Titelverteidigers bei der Weltmeisterschaft in Südafrika ist die Squadra Azzurra wieder eine Fußballmacht. Nach dem beeindruckenden 2:1 (2:0) im Halbfinale gegen einen der EM-Favorit haben die Italiener auch vor Welt- und Europameister Spanien keine Angst mehr. Berauscht von ihrer Lehrstunde für die DFB-Elf und dem Elfmeter-Triumph gegen England prognostizierte der Deutsch-Italiener Riccardo Montolivo für das Finale am Sonntag in Kiew: "Die Chancen stehen 51:49 - für uns!"

Fast perfekt gespielt

Nach dem verdienten Sieg durch den Doppelschlag des überragenden "Super Mario" Balotelli über eine konsternierte DFB-Elf schwelgten die Azzurri in Superlativen. "Das war das schönste Spiel meiner Trainerkarriere. Es war fast perfekt", meinte Cesare Prandelli, der auch gegen die Deutschen mutig auf Angriff spielen ließ. Trotz des Wettskandals, den Gerüchten um Gianluigi Buffons angeblich wieder aufgeflammte Wettleidenschaft und der Affäre um Antonio Cassanos schwulenfeindliche Äußerungen setzen die Italiener zu einem nicht für möglich gehaltenen Höhenflug an. "Vor 20 Tagen war das nur ein Traum, jetzt ist es ein Traum, den Millionen Italiener mit uns erleben", meinte der staunende Abwehrspieler Giorgio Chiellini.

Während Bundeskanzlerin Angela Merkel beim EU-Gipfel in Brüssel mit Italiens Regierungschef Mario Monti politisch rang, sorgten die Azzurri für die sportliche Erlösung. Minuten nach dem Erfolg strömten tausende Tifosi auf die Piazza del Popolo in Rom, sprangen in Brunnen und kletterten die Tricolore schwenkend auf Monumente. "Das ist nur die Generalprobe für das Endspiel am Sonntag", sagte Paolo Di Nicola, ein 23-jähriger Fan. Es war der Startschuss zu einer langen Partynacht von Mailand bis Palermo. "Das ist ein Sieg für die Millionen von Fans in der von Krisen gebeutelten Heimat", kommentierte Mittelfeldmann Claudio Marchisio voller Stolz.

"Italienische Giganten. Die Azzurri haben dem Land die Freude zurückgegeben", stimmte der "Corriere dello Sport" am Freitag in den nationalen Freudentaumel ein. "Ganz Italien feiert. Wir haben es geschafft!!!", titelte die "Gazzetta dello Sport". Aus dem Außenseiter ist plötzlich ein Titelanwärter geworden, der die vierjährige Dominanz der Spanier beenden könnte. "Wir haben bewiesen, dass wir mit Spanien mithalten können", erklärte Marchisio, auch wenn der in offiziellen Spielen ungeschlagene Prandelli einräumte: "Spanien ist Favorit."

Schon beim 1:1 im ersten Gruppenspiel brachten die Europameister von 1968 das Star-Ensemble um Andrés Iniesta an den Rand einer Niederlage. Seit dieser Partie am 10. Juni in Danzig ist das Team immer mehr zusammengewachsen, das Selbstvertrauen immens gestiegen. "Beim 2:0 habe ich in den Gesichtern der Deutschen gesehen: Wir haben gewonnen!", meinte Daniele De Rossi. Prandelli sagte: "Das war bislang unser größter Sieg, gemessen an der Bedeutung des Spiels."

Selbst der lange Zeit kritisch beäugte Exzentriker Balotelli entpuppt sich mehr und mehr als Teamspieler. "Das war der schönste Abend meines Lebens", jubelte der wegen Krämpfen ausgewechselte Stürmer, um sich dann bei Vorbereiter Antonio Cassano zu bedanken: "So etwas kann nur er." Dann blickte er nach vorn. "Immerhin sind wir die einzige Mannschaft, die gegen Spanien getroffen hat. Alles ist möglich", sagte Balotelli. Die "Repubblica" schrieb: "Mit zwei wunderbaren Toren vernichtet der umstrittenste Spieler der Nationalmannschaft die deutsche Truppe, die unbesiegbar schien." Nachdem er seine Adoptivmutter Silvia auf der Tribüne umarmt hatte, erklärte Balotelli: "Ich habe ihr gesagt: Diese Tore waren nur für dich. Zum Finale wird auch mein Vater da sein - da mache ich vier!"

Torwart Gianluigi Buffon bittet sehr darum. In Warschau stürmte der Kapitän wutentbrannt in die Kabine und las seinen völlig entkräfteten Mitspielern wegen der vergebenen Chancen zum 3:0 die Leviten: "Eine EM ist eine ernste Sache. Da spielt man nicht mit dem Feuer", schimpfte der Juve-Star, weil Italiens Sieg am Ende noch in Gefahr geriet. "Wenn sie den Ausgleich geschafft hätten, wäre es 10:2 in der Verlängerung für Deutschland ausgegangen", meinte Buffon.

Viel erinnert an 2006

Vieles erinnert nun an den Triumph bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Damals wie heute überschattete ein Wettskandal die Vorbereitung der Mannschaft. Und wie schon vor sechs Jahren scheinen diese Turbulenzen eher zu beflügeln als zu stören. Mit einer taktischen Meisterleistung zeigte der viermalige Weltmeister der zuvor höher gehandelten DFB-Elf die Grenzen auf. Nur die schwache Chancenauswertung bei Kontern in der zweiten Halbzeit verhinderte einen noch höheren Sieg. Der geniale Regisseur Andrea Pirlo versprach seinen Landsleuten ein "grandioses Finale". Marchisio träumt schon vom sechsten Cup im neunten Turnier-Finale der Italiener: "Jetzt wollen wir den Titel!"