Leichtathletik

Gold im Zehnkampf: Behrenbruch zeigt es seinen Kritikern

Erst flog er aus dem deutschen Kader, dann fing er in Estland ganz neu an - und nun holte sich der 27-Jährige in Helsinki den EM-Titel

- Pascal Behrenbruch wankte, schwankte - aber fiel nicht. Eigentlich gehört es zu einem Zehnkampf dazu, dass die völlig ausgepumpten Athleten nach dem abschließenden 1500-Meter-Lauf auf die Tartanbahn sinken, alle Viere von sich gestreckt. Doch Behrenbruch blieb standhaft. Er schaute und schaute, bis er auf der Tribüne des Stadions von Helsinki seine Familie erspähte, die ihm zujubelte. Ihm, dem neuen Zehnkampf-Europameister. Der 27-Jährige winkte kurz zurück, zu mehr reichten seine Kräfte dann doch nicht mehr. Die elfte Disziplin, das Jubeln, eingehüllt in eine deutsche Fahne, fiel ihm sichtlich schwer.

Dabei schien es vorher doch so leicht zu sein. "Eigentlich war ich überall gut, es ist ein richtig geiles Ding rausgekommen", meinte er mit Blick auf die zehn Disziplinen. Besonders gut war der Frankfurter im Kugelstoßen und im Stabhochsprung, wo er jeweils persönliche Bestleistungen aufstellte. Behrenbruch hat sich erstmals zum "König der Athleten" gekrönt und den deutschen Leichtathleten nach 41 Jahren wieder einen Zehnkampf-Europameistertitel beschert. 1971 war Joachim Kirst erfolgreich gewesen. Behrenbruch kam auf 8558 Punkte, seine persönliche Bestleistung übertraf der Hesse damit gleich um 119 Zähler. Beim Mehrkampfmeeting in Götzis vor einem Monat hatte er 8433 Punkte erreicht. "Ich wollte hier 100 Punkte drauflegen im Vergleich zu Götzis. Das habe ich geschafft. Und ich habe gesagt, ich will dann noch mal 100 Punkte drauflegen in London. Das muss ich jetzt noch machen", sagte der Sieger.

Und einen Satz wollte er noch unbedingt loswerden: "Ich wollte es einer Person zeigen. Die Leistung gibt mir Recht. Ich konnte meinen Weg gegen, in Estland war alles perfekt." In diesen Worten stecken so viele Geschichten. Wen er mit "einer Person" meinte, wollte er in den ersten Statements nicht weiter ausführen. Ob es sich um jemanden vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) handelt, einen Bundestrainer, oder seinen ehemaligen Frankfurter Trainer Jürgen Sammert?

Eine Stunde nach seinem Triumph klärte er die Sache doch auf. "Gold hatte ich im Kopf, aber ich wollte es nicht sagen. Wenn ich Vierter geworden wäre, dann hätten viele gesagt: der hat nur eine große Klappe", meinte der Europameister, der sich dann einen Seitenhieb auf einen früheren deutschen Zehnkampf-Star nicht verkneifen konnte. "Ich war ziemlich verletzt von der Aussage von Frank Busemann, dass ich kein Siegertyp bin", meinte Behrenbruch. "Da wollte ich ihm jetzt mal zeigen, wie man Gold holt und siegt." Busemann hatte 1996 bei den Olympischen Spielen in Atlanta Silber erkämpft.

Oft beim Verband angeeckt

Behrenbruch ist einer, der es sich und seinem Umfeld nicht leicht macht. Nicht wenige halten ihn für zu großspurig, mal wird mangelnde Disziplin angeführt, ja, der große Blonde ist ein Sturkopf. Aber niemand hat jemals bestritten, dass er ein ganz großes Potenzial besitzt. Doch Anspruch und Wirklichkeit, vollmundige Aussagen und erbrachte Leistungen stimmten bisher nicht überein.

Zum endgültigen Bruch mit dem Verband war es im Herbst 2011 gekommen, als Behrenbruch aus dem Top Team 2012 für die Olympischen Spiele in London genommen wurde. Zur Begründung führte der DLV "nicht ausreichende Zusammenarbeit mit den Bundestrainern" an. Auch sein Heimtrainer Sammert wollte nicht mehr. DLV und Athlet waren sowieso über Kreuz, seit der Verband den eigentlich für die EM 2010 nominierten Zehnkämpfer in Barcelona dann doch nicht starten ließ, weil er einen verlangten Leistungsnachweis nicht erbracht hatte. Er zog sogar vor das Sportschiedsgericht in Köln, sein Antrag wurde aber abgeschmettert.

"Die Frage war, wie man einen Athleten, der selbst höhere Erwartungen hat, in Richtung 8700 Punkte entwickeln kann", sagt Claus Marek, der Leitende Bundestrainer Mehrkampf, rückblickend. In Deutschland waren alle mit ihrer Weisheit am Ende. Behrenbruch ging den "steinigen Weg", wie er es nennt: Er zog mit Sack und Pack nach Tallinn. In Estland wollte er neu anfangen, er stellte sich bei Erki Nool, dem Olympiasieger von 2000, und dessen ehemaligem Trainer Andrej Masarow vor. Unter dem knallharten Masarow nahm er knapp fünf Kilogramm ab, wurde wieder spritziger.

Und der Fan schneller Autos und eines sehr gepflegten Outfits konzentrierte sich fortan auf das Wesentliche. "Es war oft schon ganz schön einsam", erzählt er. Aber er wollte es ja selbst so. In Götzis beschnupperten sich dann die DLV-Verantwortlichen, Nool und Masarow zum ersten Mal. "Vorher hatten wir keinen Kontakt, wir wollten uns nicht einmischen", erklärt Marek. Jetzt kooperiert man.

Der DLV war übrigens strikt gegen einen EM-Start gewesen, volle Konzentration auf London hatte das Motto eigentlich geheißen. Behrenbruch hat das nicht gekümmert. Der Bad Boy ist zum Goldjungen geworden. Erfolge sind eben die besten Argumente.