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Zwitschern ist erlaubt - aber nicht so laut

Löw und Co. sehen Nutzung sozialer Netzwerke kritisch

- Das Zwitschern klang eher wie ein Donnergrollen. "Ich weiß nicht, ob der Schiedsrichter auf Drogen war", schickte Ryan Babel vor zwei Monaten über seinen Twitter-Kanal in die Welt hinaus, und es war nicht das erste Mal, dass der Star des Fußball-Bundesligavereins TSG 1899 Hoffenheim sich auf diese Weise über einen Unparteiischen beschwerte. Also brummte der Deutsche Fußball-Bund ihm 3000 Euro Geldstrafe auf.

Es pfeift, säuselt und rauscht auf allen Kanälen. Es gibt so gut wie keinen Fußballprofi mehr, der auf regelmäßige Mitteilungen via Twitter (zu Deutsch: Zwitschern), Facebook oder andere soziale Netzwerke verzichtet. Es ist der direkte Draht zu den Fans in Zeiten, in denen sich Anhänger und Spieler immer mehr voneinander entfernen. Die Trainingszentren sind Hochsicherheitstrakte, in denen der Kontakt zur Basis nur in homöopathischen Dosen stattfindet. Stattdessen lässt der eine oder andere Kicker die Welt auf der anderen Seite des Zaunes über das Web 2.0 an seinem Leben teilhaben.

Für Vereine und Verbände ist das mitunter ein Graus. Der Manager der deutschen Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, hat vor der EM gar Gesprächsrunden einberufen, um über den Umgang mit den sozialen Netzwerken während des Turniers zu diskutieren. Ein generelles Twitter-Verbot, wie es zum Beispiel die Spanier oder Dänen erlassen haben, kam dabei nicht heraus. Dass beim Titelverteidiger Spanien während der EM Funkstille herrschen wird, gab Mittelfeldmann Cesc Fabregas bekannt - natürlich via Twitter: "Ich wünschte, dass mich das nächste Foto, das ich poste, mit dem EM-Pokal zeigt. Bis bald!", verabschiedete er sich von seinen sogenannten Followern.

Özil hat 5,6 Millionen Freunde

In der Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw durfte weiter gezwitschert werden, aber nach klaren Vorgaben. "Es darf in Facebook und bei Twitter nichts geschrieben werden über Verletzungen, Taktik, über Dinge, die nur die Mannschaft angehen", sagte Bierhoff. Es gehe ihm nicht darum, die neuen Medien abzulehnen. "Wenn sich ein Spieler auf der Terrasse fotografiert und das Bild dann auf seine Facebook-Seite stellt, ist das okay. Aber wir müssen aufpassen, dass wir nicht den Mannschaftsgeist verraten. Kein Spieler darf Angst haben, dass plötzlich etwas an die Öffentlichkeit kommt, was er nicht möchte." Joachim Löw ergänzt: "Die Kabine, der Inhalt der Teambesprechungen, Taktik, Verletzungen und so weiter sind tabu. Ebenso die Privatsphäre von Mitspielern und Betreuern."

Der DFB hat schlechte Erfahrungen gemacht. Andre Schürrle meldete sich im vergangenen November vor dem Testspiel gegen die Niederlande per Twitter krank: "Kann heute Abend nicht spielen wegen eines grippalen Infektes. Sehr, sehr schade, hatte mich schon richtig gefreut", schrieb er, garniert mit traurigen Smileys, jenen aus Satzzeichen bestehenden Gesichtsausdrücken, die in Fachkreisen auch "Emoticons" genannt werden. Im Schürrles Fall sah der so aus: :( Beim DFB gingen die Mundwinkel ebenfalls nach unten. Die Erkrankung des Leverkusener Außenstürmers hätte der Verband gern noch ein wenig geheim gehalten, um den Gegner über die mögliche Aufstellung im Ungewissen zu lassen.

Die Reichweite der Nationalspieler mit solchen Mitteilungen ist enorm. Mesut Özil hat mittlerweile 5,6 Millionen Facebook-Freunde - die meisten aller Nationalspieler. Dort verbreitet er nette Belanglosigkeiten. Vor dem Portugal-Spiel stellte er ein Foto von sich und Cristiano Ronaldo auf die Seite: "Bei Real Madrid miteinander, am Samstag gegeneinander. Freue mich auf dieses Spiel. Möge der Bessere gewinnen."

Auch der DFB hat die sozialen Netzwerke längst für sich selbst entdeckt. Im Tross der Nationalmannschaft reist ein fest angestellter Journalist mit, der die Internetplattformen des Verbandes mit Inhalten füllt. Da wird getwittert und gefacebookt, da werden auf dfb.de Interviews veröffentlicht und unter dfb.tv Videos eingestellt. Bei Teilen der deutschen Journalisten sorgt das zunehmend für Unmut. Sie befürchten, dass die Spieler so Alibis erhalten, Exklusivinterviews nicht mehr geben zu müssen, wenn sie mittlerweile regelmäßig vom eigenen Verband interviewt werden. Bei Twitter hat der Kanal @DFB_Team mittlerweile fast 155.000 Follower, Tendenz steigend. Merke: Auch beim DFB piept's gewaltig...