Italiens Anführer

Verrückt, genial: Pirlo wird zum Zauberer

Italiens Anführer ist die größte Gefahr

- Andrea Pirlo schlurfte zum Elfmeterpunkt, Ball in der Hand, ausdruckslose Miene, allenfalls seine lange Mähne wippte etwas im Wind. Über 120 Minuten hatte er mit seinen Gegnern getanzt, ihnen kurz den Ball gezeigt, um ihn dann doch durch ihre Beine zu legen oder sie mit einer kleinen Drehung zu Boden zu werfen. Er hatte immer richtig gestanden, in der Mitte des Spiels, und er hatte zahllose dieser hinreißenden Diagonalpässe gespielt, die seinen Mitspieler einfach auf den Fuß fielen. Pirlo hatte seine Mannschaft bewegt wie ein guter Puppenspieler, so brillant wie generös. Dennoch: es schien nicht zu reichen. 0:0, Elfmeterschießen, und in dem lag Italien sogar zurück.

Hinter seinem Pokerface verbarg Pirlo die Ahnung, dass er jetzt etwas Besonderes machen müsste. Pirlo war der fünfte Schütze, beide Engländer vor ihm hatten getroffen, sein Teamkollege Riccardo Montolivo aber verschossen. Mit 33 Jahren, einer Weltmeisterschaft und zwei Champions-League-Siegen im Curriculum, mit seiner ganzen Fußballintelligenz wusste Pirlo: Er musste das Momentum dieses Spiels drehen. Daher wählte er die schillerndste Variante. Den "Panenka-Elfmeter", bei dem es nur zwei Ergebnisse gibt: Genie oder Depp. Pirlo lief an und löffelte den Ball mit gefühlten fünf Kilometern pro Stunde halbhoch in Richtung Tormitte. Danach ging alles ganz schnell: Der nächste Engländer, Ashley Young, setzte seinen Elfmeter an die Latte, der übernächste, Ashley Cole, schoss Italiens Torwart Gianluigi Buffon so sanft in die Arme, wie das nur einer macht, dem gerade alle Dämonen der Fußballgeschichte in die Glieder gefahren sind. Derweil verwandelten die weiteren Italiener.

"Joe Hart hat kuriose Bewegungen gemacht", sagte Pirlo später, deshalb habe er sich für den Löffler entschieden. Und ja, er habe die Engländer aus dem Konzept bringen wollen: "Mein Elfmeter hat den Druck auf sie erhöht." Pirlo wurde zum "Mann des Spiels" gewählt, deshalb musste er sprechen. Normalerweise sagt er am liebten gar nichts. Der langjährige Spielgestalter des AC Mailand, inzwischen seit einem Jahr bei Juventus Turin, ist nicht nur Italiens bester, sondern auch sein enigmatischster Fußballer. Vom Glitzer, der den Fußball umgibt, hält er sich fern.

Auch beim Turnier in Deutschland 2006 gab es eine Szene, die seinen speziellen emotionalen Aggregatszustand demonstriert. Pirlo wird umso ruhiger, je mehr um ihn herum der Wahnsinn tobt. 119. Minute im Halbfinale gegen die Gastgeber, ein abgewehrter Eckball kommt an der Strafraumgrenze zu ihm. Jeder andere hätte wohl abgezogen. Aber er legte ab zu Fabio Grosso. Der Rest ist Geschichte.

Wenn es am Donnerstag in Warschau zum Wiedersehen kommt, wird sich Deutschland einem Italien gegenübersehen, das noch stärker um Pirlo kreist als damals. Der Meister geht seiner Arbeit von tief hinten nach, vor der Abwehr, beschützt wie der König beim Schach durch zwei robustere Figuren vor ihm - Claudio Marchisio und Daniele De Rossi.