EM-Viertelfinale

"Merkel sei bereit. Du bist als Nächste dran"

Griechische Medien fordern im EM-Viertelfinale gegen Deutschland Rache für die Gängelung in der unendlichen Euro-Krise

- Die Finanzexperten weltweit würden bei dieser These wohl vehement widersprechen, spöttisch lachen oder aus einem Fenster des EZB-Gebäudes in Frankfurt springen: Griechenland ein Geheimtipp für Investitionen? Lachhaft. Daran ändert auch der für Europa womöglich positive Wahlausgang vom Sonntag nichts.

Aber: Wer bei Bwin vor Beginn der Europameisterschaft auf Griechenland als Titelträger setzten wollte, dem versprach der Wettanbieter einen satten Return-on-Investment von 8100 Prozent - die höchste Quote aller Starter. Fraglich bleibt dennoch, ob das irgendeinem Spekulanten einen Einsatz wert war.

Es hätte sich lohnen können. Seit ihrem sensationellen Einzug ins Viertelfinale sind die Griechen nur noch drei Erfolge von einer Wiederholung des Finalsieges 2004 entfernt. In bester Otto-Rehhagel-Manier ermauerte das Team um Kapitän Georgios Karagounis sein Lieblingsergebnis 1:0 gegen bis dahin famos aufgetretene Russen. Prompt ging die Wettquote bei Bwin um knapp 60 Prozent zurück, das verlangen die Regeln des Marktes. Für die Mannschaft hingegen hat sich der Sieg finanziell bereits gelohnt: Ein russischer Investor mit griechischen Vorfahren honorierte den Erfolg mit einer Million Euro.

Am Sonnabend ging es den griechischen Fußballspielern allerdings nicht ums Geld, zumindest nicht direkt. "Diese Nacht ist sehr wichtig - nicht nur für die Mannschaft, sondern für alle Griechen", sagte Karagounis nach dem Spiel. Sein Siegtor war Balsam für die Seele einer geschundenen Nation, die sich nicht nur für den Vorwurf, ein Massengrab für Euro-Milliarden zu sein, sondern auch für ihren unattraktiven Betonfußball rechtfertigen muss und die in der Europäischen Union und bei der Fußball-Europameisterschaft gleichermaßen wie ein unerwünschter Gast wirkt. "Alle haben auf uns rumgehackt, das haben wir nicht verdient. Wir wollen mehr Respekt! Wir sind ein wunderbares Volk, das es nicht verdient hat, so zu leiden", sagte Torhüter Michalis Sifakis. Dass es nun im Viertelfinale zum Duell mit Deutschland kommt, könnte den Heilungsprozess beschleunigen. Von keinem Land fühlen sich die Griechen in der Wirtschaftskrise so gegängelt wie von der Bundesrepublik.

Minimalisten auf dem Fußballplatz

Ein paar Stunden vor Anpfiff des Russland-Spiels lehnte Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Änderung an den Sparauflagen für Griechenland ab. Dass 50 Prozent der Griechen keine Perspektive mehr für ihr Land sehen und die Jugendarbeitslosigkeit auf Rekordhöhe liegt, ist nach Meinung vieler Hellenen die Schuld der von Merkel gepflegten Hegemonie Deutschlands.

Ein Teil der nationalen Presse schwelgt bereits in Rachephantasien. "Die Bankrotten sind da! Jetzt bringt uns Frau Merkel", titelte "Goalnews", und die Zeitung "Gavros" schrieb: "Frau Merkel sei bereit. Du bist als Nächste dran." Andere Blätter wiederum hoffen auf eine Widerholung der Vergangenheit: "Griechenland stirbt nie. Der Geist von Rehhagel, Maestro Santos auf der Bank und das Tor von Karagounis haben uns ins Viertelfinale gebracht", hieß es bei "Sentragoal", während "Protothema" verkündete: "Noch ein Wunder! Wir sind immer noch dabei. Die Ära 2004 ist zurück." Auch die Reaktionen der Spieler nach dem Sieg über Russland zeigten, dass es dem Team um nicht weniger als die Verteidigung der Ehre seines Landes geht.

Fraglich ist, ob Patriotismus allein genügen wird. Die Art und Weise, wie Griechenland gegen Russland gewann, war für Minimalisten so vorbildlich, wie sie Fußball-Ästheten anwidern musste. Böse Zungen hierzulande behaupten bereits, dass es um Europa nicht halb so schlimm bestellt wäre, wenn Wirtschaft und Politik dieses Landes so effizient arbeiten würden wie die Sparkurs-Fußballspieler der Nationalmannschaft.

Im letzten Vorrundenspiel brachte es das Team von Fernando Santos auf 38 Prozent Ballbesitz und ein Torschussverhältnis von 5:25. Zahlen, die am Ende nichts bedeuten, wenn vorn die Eins und hinten die Null steht.

Für die Null zeichnet vor allem Kyriakos Papadopoulos verantwortlich. Der Schalker gewann in den drei Gruppenspielen 84,1 Prozent seiner Zweikämpfe.

So gut und kompakt die Griechen verteidigen können, so wenig fällt ihnen nach vorn ein. Zum Ausgleich der spielerischen Defizite versucht das Team, Standardsituationen in der gegnerischen Hälfte zu provozieren und zu nutzen.

Dazu kommen eklatante Schwächen auf der linken Abwehrseite, über die alle Gegentreffer Griechenlands eingeleitet wurden. In den ersten beiden Spielen durfte Jose Holebas (ehemals 1860 München) auf dieser Position beginnen. Im Zusammenspiel mit dem davor agierenden Giorgios Samaras misslang das jedoch. Holebas, der in Piräus im offensiven linken Mittelfeld spielt, wurde sowohl von der Dortmunder Achse Jakub Blaszczykowski und Lukasz Piszczek als auch vom Tschechen Theodor Gebre Selassie mehrmals überlaufen.

Gegen Russland durfte erstmals der Noch-Frankfurter Georgios Tzavellas beginnen. Der gelernte Linksverteidiger interpretiert seine Aufgabe sehr defensiv. Die Kombination mit dem offensiven und oft in die Zentrale ziehenden Samaras wird wohl dafür sorgen, dass vor allem Bayerns Thomas Müller auf Deutschlands rechter Seite viele Freiheiten bekommen und Schnelligkeitsvorteile haben dürfte.

Sperre für den Rekordhalter

Am meisten schmerzt die Griechen jedoch der Ausfall von Mittelfeldmann Karagounis. Der mit 120 Länderspielen zum Rekordhalter aufgestiegene Nationalheld zeigte in den bisherigen Spielen Herzblut und Einsatzwillen. Er ist unumstrittener Anführer, muss wegen einer Gelben Karte gegen Russland im Viertelfinale aber zuschauen. "Vielleicht schaut sich die Uefa die Szene noch mal an. Das ist einfach nur schade und wäre nicht fair", hoffte Karagounis nach dem Spiel vergeblich auf die Gnade der Uefa. Die Gelbe Karte wegen einer vermeintlichen Schwalbe hatte der 35-Jährige zu Unrecht gesehen.

Ob mit oder ohne Karagounis: Unterschätzen darf Deutschland diese Griechen nicht. "Die Mannschaft kämpft ähnlich wie vor acht Jahren mit einer großen Leidenschaft und steht gleichzeitig hinten sehr sicher", sagt Ex-Trainer Otto Rehhagel, und der muss es ja wissen. Schließlich wurde er 2004 in Portugal sensationelle Europameister mit den Griechen.

Die deutsch-griechische Fußballhistorie spricht hingegen für die DFB-Elf. In acht Begegnungen mit Griechenland gab es fünf Siege, drei Unentschieden und keine Niederlage. Das letzte Aufeinandertreffen gab es im März 2001 anlässlich der Qualifikation zur Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea. Im Athener Olympiastadion siegte Deutschland mit 4:2. Dass dafür eine Startelf mit Spielern wie Jens Jeremies und Carsten Jancker ausreichte, stimmt optimistisch für Freitag.