Rätsel um die Aufstellung

Rooneys Rückkehr bereitet England ein Luxusproblem

Trainer Hodgson muss zwischen vier guten Stürmern auswählen

- Die Transplantation eröffnet Wayne Rooney endlich die erhofften Möglichkeiten. Dem englischen Nationalstürmer fielen die Kopfhaare aus, er ließ sich für rund 35.000 Euro neue einsetzen, zunächst war ihm das aber kaum anzusehen. Bei der EM sind sie nun lang genug, der 26-Jährige kann einen Scheitel tragen. In den ersten beiden Gruppenspielen gegen Frankreich (1:1) und Schweden (3:2) blendete das Fernsehen immer wieder ein, wie der gesperrte Rooney auf der Tribüne sitzt, sich mit der Hand über den Schopf fährt und grinst. Viele Zuschauer hat der neue Look des Stars von Manchester United amüsiert.

Am Sonntagmittag trägt er die Haare leicht nach vorn gekämmt, an den Seiten kurz geschoren, zu seiner Pressekonferenz in einem Hotel am Krakauer Hauptbahnhof erscheint er sechs Minuten zu früh. Rooney ist anzumerken: In der letzten Partie der Gruppe D gegen den Gastgeber Ukraine am Dienstag (20.45 Uhr) in Donezk will er unbedingt spielen. Ein Unentschieden reicht den Briten zum Erreichen des Viertelfinals. "Wir wollen trotzdem einen Sieg", so Rooney. Aber darf er überhaupt mithelfen, diesen zu erkämpfen?

Im Qualifikationsspiel gegen Montenegro (2:2) im Oktober 2011 hatte er einen Gegenspieler getreten und die Rote Karte erhalten. Die Uefa sperrte ihn zunächst für drei Spiele, reduzierte die Strafe später auf zwei Partien. Rooney ist Stammspieler - doch ihm fehlt wegen seines Ausrasters die Spielpraxis. "Ich habe einen Fehler gemacht, mich dafür entschuldigt und meinen Preis bezahlt. Ich bin bereit, fühle mich gut und hoffe, die Chance zum Spielen zu bekommen", sagt der Angreifer.

Rätsel um die Aufstellung

Nationaltrainer Roy Hodgson hatte am Sonntagmorgen die Tore des Trainingsstadions schließen lassen, bei rund 30 Grad und strahlendem Sonnenschein bereitete sich das Team vor. Niemand soll Rückschlüsse ziehen können, wie er gegen die Ukraine spielen lassen wird. Nur mit Rooney? Mit Rooney und dem Jungstar Daniel Welbeck? Oder gar nur mit Welbeck?

Letzteres wäre eine Überraschung. Und dürfte für Ärger sorgen, unabhängig vom Ergebnis. Ein enttäuschter Rooney kann eine große Belastung sein. "Wenn ich ihn draußen lassen würde, wäre in der Kabine die Hölle los", scherzt Hodgson. Die englische Zeitung "The Sun" fragt: "Wen rasiert Roy nun bloß, um den Weg für Rooney freizumachen?" Rooneys ehemaliger ManU-Mitspieler Roy Keane erinnert daran, dass die Mannschaft auch ohne den Star in der Qualifikation und den ersten beiden Gruppenspielen erfolgreich war. Er hält es für möglich, dass der Trainer Rooney nur einwechselt.

Rooney sagt, es sei gut, dass er sein Bestes für einen Platz im Team geben muss. "Es ist toll, Wettbewerb zu haben." Und überhaupt, unter Hodgson klappe vieles besser als unter dem Italiener Fabio Capello. "Wir waren einfach lost in translation. Wir wussten manchmal einfach nicht, was der Trainer von uns will", so Rooney. Hodgson dürfte das gern hören, entscheidend sind für ihn aber sportliche Gründe. Seine Aussagen deuten auf Rooneys Einsatz von Beginn an hin: "Wayne sitzt in den Startlöchern. Seine Qualität und Sehnsucht ist für alle zu sehen."

Die Aufstellung ist für ihn eine Herausforderung. In der Offensive haben gegen Schweden alle gut gespielt. Welbeck erzielte das 3:2 per Hacke, steht ebenfalls bei Manchester United unter Vertrag und ist mit Rooney entsprechend eingespielt. Theo Walcott vom FC Arsenal traf zum 2:2 und bereitete den Siegtreffer vor, Andy Carroll vom FC Liverpool köpfte das 1:0. Die jungen Wilden hätten jeder einen Einsatz von Beginn an gegen die Ukraine verdient, meinen sie auf der Insel. Und gleichzeitig freuen sie sich auf Rooney, der in seinen 78 Länderspielen 28 Tore erzielte. Weil Frank Lampard, Gary Cahill und Gareth Barry sich vor dem EM verletzten, sind die Erwartungen an die Mannschaft bei vielen Fans geringer als sonst. Rooney ist das egal. Er sagt, dass England als große Fußballnation mit einer speziellen Geschichte um Titel spielen müsse.

Hodgson hat vor dem Anpfiff ein Luxusproblem. Wer hätte das vorher gedacht. Er sei mit den Leistungen Walcotts und Welbecks sehr zufrieden. "Aber Wayne", sagt der 64-jährige Trainer, "ist ein besonderer Spieler."