Griechenland im Viertelfinale

Triumph der Sündenböcke

Griechenlands Viertelfinaleinzug verdrängt kurzzeitig die Sorgen daheim. Vorfreude auf die Partie am Freitag gegen Deutschland

- Giorgios Karagounis schüttelte sich am ganzen Körper und bekreuzigte sich wie von Sinnen, als ob Schiedsrichter Eriksson den leibhaftigen Teufel in seine Glieder gejagt hätte. So übereifrig wie unberechtigt hatte der Schwede zur Gelben Karte gegriffen, Karagounis würde die nächste Partie verpassen. Er mag sich in diesem Moment gefragt haben: Warum ich, warum wir?

Diese Frage stellt sich ja zuhause seit einiger Zeit sein ganzes Land, das gestern zu einer schicksalhaften Parlamentswahl antrat. Die Griechen fühlen sich als Sündeböcke Europas, missverstanden und über Gebühr gedemütigt durch die kontinentalen Oberlehrer aus dem Norden. Im Fußball freilich ist das für sie überhaupt nichts Neues. Niemand mag ihre Defensivtaktik, niemand gönnt ihnen Erfolge. So geht das seit Jahren, daraus haben sie ihre Identität bezogen. Wie Torwart Michalis Sifakis in einem - sportlich und aus aktuellem Anlass auch politisch gemeinten - Statement sagte: "Wir sind am besten, wenn alle auf uns herumhacken."

Die Partie gegen Russland war da gerade zu Ende, das Viertelfinale der Europameisterschaft, in dem Deutschland am Freitag der Gegner sein wird, erreicht. In bester griechischer Manier, gegen jede Wahrscheinlichkeit. Alle hatten vor dem letzten Spieltag der Gruppe A das Duell zwischen Tschechen und Polen um den zweiten Platz thematisiert. Dass die von der Kritik hoch gelobten Russen, ungeschlagen seit 16 Spielen, gegen die von der Kritik belächelten Griechen zumindest einen Punkt einfahren würden, galt als nicht weiter diskussionswürdig. Es war das ideale Szenario für die Griechen.

Karagounis war immer dabei

Ideal für einen Mann wie Giorgios Karagounis. Über kaum einen anderen Spieler erzählt sich die unglaubliche Geschichte des griechischen Fußballs besser als über den 35-jährigen Kapitän. Der Mittelfeld-Allrounder debütierte 1999 in der Nationalmannschaft, zu jenem Zeitpunkt waren die Griechen im Länderfußball ein absolutes Nichts. Fünf Jahre später, sie hatten sich überraschend für die EM qualifiziert, schoss er im Eröffnungsspiel gegen Gastgeber Portugal das erste Tor eines Turniers, das mit der wohl größten Sensation der Fußball-Geschichte endete, dem griechischen Triumph.

Acht Jahre danach ist er als einziger neben Kostas Katsouranis immer noch da. Am Sonnabend bestritt er sein 120. Länderspiel, womit er den griechischen Rekord von Theodoros Zagorakis einstellte, dem Kapitän der Europameisterelf. Karagounis ist ein guter Fußballer, aber vor allem verfügt er über einen begnadeten Opportunismus, das Gespür für den perfekten Moment. In der Nachspielzeit der ersten Halbzeit eroberte er nach einem Einwurf der Russen den Ball, zog zum Tor und überwand Torwart Wjatscheslaw Malafejew. Ein Tor, so simpel wie fatal in seiner Wirkung. Der Gegner hatte das Spiel dominiert, die Griechen trafen. Und Karagounis lachte selbst darüber, dass seine Familie sein Tor verpasst hatte. Tochter und Sohn waren auf der Tribüne eingeschlafen, die Ehefrau auf dem Weg in den Innenbereich des Stadions. Nur der älteste Sohn hatte den großen Moment seines Vaters verfolgt.

Aber, was soll's. In der zweiten Halbzeit blieben die Russen komplett ungefährlich, hypnotisiert von der Effizienz, entmutigt von der unbändigen Leidenschaft der Hellenen.

"Diese Nacht ist wichtig für uns und für alle Griechen", sagte Karagounis hinterher. "Unser Land macht gerade eine schwere Zeit durch, das sind unfassbare Momente, ich danke Gott." Ob der Coup irgendeinen Einfluss auf die Wahlen genommen hat, werden die Politologen im Nachhinein vielleicht ermitteln. Die Statements der beiden wichtigsten Kandidaten folgten jedenfalls noch in der Nacht. "Ihr habt uns wieder stolz gemacht", schrieb der konservative Antonis Samaras in einem Telegramm an die Spieler. Sein Rivale von der Linken, Alexis Tsirpas, twitterte: "Glückwunsch an die Spieler für diesen großen Sieg. Jetzt sind die Menschen dran, mit ihrem Kampf."

Fürs erste feierten sie vielerorts bis tief in die Nacht. Besonders viel Lob in den sozialen Netzwerken erhielt dabei ein Portugiese, Nationaltrainer Fernando Santos. Auf die Frage eines internationalen Journalisten, ob Angela Merkels Appelle an Entbehrung seine Spieler motivieren helfen, antwortete er voller Pathos: "Wir werden inspiriert von der Geschichte Griechenlands. Die Griechen empfinden großen Stolz auf ihre Geschichte, und das verdient Respekt. Zivilisation, Demokratie und die Wissenschaften kommen aus Griechenland. Da ist es schwierig, uns Ratschläge zu geben."

Mannschaft mit Herz

Den Fußball hingegen haben die Griechen nicht gerade erfunden, umso bemerkenswerter ist es, was sie in ihrer goldenen Dekade seit 2004 aus ihren begrenzten Möglichkeiten gemacht haben. "Wir sind eine Mannschaft mit Herz, die nichts zu verlieren hat und schwer zu schlagen ist", sagt Karagounis. Die Effektivität dieses Catenaccios ist atemberaubend. Der Sieg gegen Russland war bei der vierten EM-Teilnahme erst Griechenlands zweiter Sieg in einem Gruppenmatch (drei Remis, sieben Niederlagen). Der erste kam 2004, in besagtem Eröffnungsspiel, und führte letztlich zum Titel. "So ein bisschen denkt man jetzt schon an 2004", sagte Jose Holebas, in Deutschland geboren und einst Zweitligaspieler bei 1860 München.

Damals schaffte Griechenland sein Titelwunder mit gerade einmal 21 Torschüssen in allen sechs Turnierspielen zusammen (weniger als manches früh ausgeschiedene Team nach drei Vorrundenpartien). Jedes Spiel der K.o.-Runde, gegen Frankreich, Tschechien und erneut Portugal, wurde mit 1:0 gewonnen. Auch jetzt in Polen stehen die Hellenen wieder ganz am Ende der Angriffsstatistiken. Mit drei Versuchen pro Spiel schossen sie bisher im Schnitt seltener aufs Tor als jede andere Mannschaft.

Auch stilistisch hat sich seit Otto Rehhagels Zeiten, der das 2004 sensationell zum kontinentalen Meister machte, nicht viel geändert. Griechenland operiert offensiv mit weiten Bällen auf Theofanis Gekas oder Giorgos Samaras, versucht das Spiel, auf die Flügel zu schieben, um schnelle Konter durch die Mitte zu vermeiden und stellt sich notfalls ungeniert mit acht, neun Mann hinter den Ball. Aus dieser Grundanordnung lauert es auf die Fehler des Gegners - wie Karagounis gegen Russland.

Der Kapitän hofft nun auf Begnadigung durch die Uefa, nachdem er seine zweite Gelbe Karte für eine vermeintliche Schwalbe im Strafraum gesehen hatte, es sich tatsächlich aber um ein Foul handelte. Nicht der erste umstrittene Pfiff in diesem Turnier, erinnerte Karagounis: "Alle Schiedsrichterentscheidungen waren gegen uns." Wie immer hat solches Unbill die Griechen aber nur entschlossener gemacht.