EM 2012

Polen zwischen Traum und Trauma

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Das ganze Land erwartet von seiner Mannschaft den Einzug ins Viertelfinale. Der Premierminister spricht sogar vom Titel

- Für Sebastian Boenisch ist es ein "echtes Finale", für Robert Lewandowski das "vielleicht wichtigste Spiel in der Fußball-Geschichte des Landes". Die Bundesligaprofis vom VfB Stuttgart und von Borussia Dortmund erwartet ein Traum - oder ein Trauma. Am Tag der Entscheidung fiebert ganz Polen mit seinen "Bialo-Czerwoni". Nur ein Sieg im Alles-oder-nichts-Spiel gegen Tschechien erhält den Weiß-Roten eine Chance auf das Viertelfinale - und auf ein Duell mit dem großen Nachbarn Deutschland. "Wir haben es selbst in der Hand", sagt Stürmerstar Lewandowski.

Tusk mit Wahrsager einig

Ein ganzes Land hofft, zittert, schaut am Sonnabend (20.45 Uhr/ZDF) bangen Blickes nach Breslau. Die Boulevardzeitung "Super Express" befragte sogar schon einen bekannten Wahrsager und stellte erleichtert fest, dass der auf einer Wellenlänge mit Premierminister Donald Tusk liegt. "Wir gewinnen 2:0. Und wenn wir so spielen wie in der zweiten Halbzeit gegen die Russen, dann sage ich voller Überzeugung: Wir können Europameister werden", sagte der Regierungschef.

So weit blickt innerhalb des Teams niemand voraus. Der Fokus liegt einzig und allein auf dem Spiel gegen die Tschechen, denen bereits ein Unentschieden reichen könnte - allerdings nur, wenn Außenseiter Griechenland im Parallelspiel gegen die Russen nicht gewinnt. Ein Aus der Polen würde wohl eine Staatstrauer auslösen. Eine Umfrage in Polen, wonach mehr als 80 Prozent der Landsleute von einem Sieg ausgehen, macht die Sache nicht einfacher. Doch mit der großen Erwartungshaltung können die Profis nach Einschätzung des künftigen Kölners Adam Matuschyk mittlerweile besser umgehen als noch im Eröffnungsspiel: "Wir haben gegen die Russen bewiesen, dass wir diesem Stress standhalten können."

Mittelfeldspieler Rafal Murawski von Lech Posen sagt: "Unser Spiel gegen Tschechien ist entscheidend, vielleicht das wichtigste in unserer jüngeren Geschichte. Wir müssen gewinnen, und wir glauben daran, dass wir es auch schaffen können. Die Tschechen sind schlagbar." Lewandowski ist ebenfalls optimistisch, weil sich das Team während des Turniers kontinuierlich gesteigert habe: "Wir hoffen, dass wir beim dritten Spiel ganz oben angekommen sind."

Das Wohl und Wehe der Nation - Österreich blieb 2008 als bislang einziger Gastgeber einer EM-Endrunde sieglos - ist das eine bestimmende Thema in der polnischen Presse. Das andere ist die Torwartfrage. Wojciech Szczesny vom FC Arsenal ist nach seiner Roten Karte im Eröffnungsspiel gegen Griechenland (1:1) am Sonnabend wieder spielberechtigt, doch angeblich will Nationaltrainer Franciszek Smuda weiter Szczesnys Ersatzmann Przemyslaw Tyton (PSV Eindhoven) das Vertrauen schenken.

Smuda sagte dem öffentlich-rechtlichen Sender TVP, dass er die Art von Fehlern fürchte, die Szczesny im Eröffnungsspiel gemacht habe, und ergänzte, dass Tyton "immer Ruhe ins Spiel gebracht hat". Auch viele der großen Zeitungen wie das Boulevardblatt "Fakt" oder die "Rzeczpospolita" spekulieren, dass Smuda an Tyton als Nummer eins festhalten wird. Szczesny erweckt allerdings nicht den Eindruck, dass er im Falle einer Entscheidung für Tyton Alarm schlagen würde. "Ich stehe bereit, ich fühle mich gut, also hoffe ich auf einen Platz in der Startelf", sagte der Arsenal-Schlussmann, "aber die Entscheidung liegt beim Trainer." Beide Teams haben Verletzungssorgen. Bei den Polen sind Damien Perquis (Bauchmuskelzerrung), der Mainzer Eugen Polanski (Knieprellung) und Dariusz Dudka (Probleme am Schienbein) angeschlagen.

Die Kopfschmerzen bei Tschechiens Trainer Michal Bilek dürften größer sein. Kapitän und Spielmacher Tomas Rosicky plagt sich mit Achillessehnenbeschwerden herum, sein Einsatz bleibt fraglich. "Es geht mir immer besser", sagte der 31-Jährige vom FC Arsenal zwar bei der Abschlusspressekonferenz. Doch auch am Freitag setzte er mit dem Training aus. Erst nach der Abschlusseinheit am Spieltag werde entschieden, ob er dabei sein kann. Trotzdem strahlt der Ex-Dortmunder Zuversicht aus. "Wir sind gegen Polen in der Situation, in der wir sein wollten: Wir haben alles selbst in der Hand", sagte Rosicky. Ähnlich sieht es Abwehrspieler Michal Kadlec, der ebenfalls optimistisch in die Partie geht. "Wir sind in einer sehr guten Situation, der Druck liegt bei den Polen. Mehr hätten wir uns nach dem 1:4 gegen Russland nicht wünschen können", sagte der Leverkusener.

Cech-Einsatz ungewiss

Auch Torwart Petr Cech ist angeschlagen, der Einsatz des Weltklassekeepers vom Champions-League-Sieger FC Chelsea gilt trotzdem als sicher - zumal Cech nach seinem Patzer im Spiel gegen Griechenland (2:1) heiß ist: "So einen blöden Fehler werde ich nicht noch mal machen." Eine definitive Entscheidung über seinen Einsatz sollte kurz vor dem Spiel fallen, bestätigte Bilek.

( BM )