Interview

"Deutschland ist wie Real Madrid"

| Lesedauer: 7 Minuten

Mesut Özil hält die aktuelle Nationalelf für das stärkste deutsche Team der Geschichte. Der Spielgestalter über Löw, Podolski und Kritik

- Draußen bricht sich die die Sonne ihre Bahn durch die Wolken und lässt den Brillantohrring von Mesut Özil (23) kurz aufblitzen. Entspannt sitzt der Spielgestalter der deutschen Nationalmannschaft im Teamhotel in Danzig, das schwarze DFB-Shirt hängt lässig über der Hose. Im Gespräch mit Morgenpost-Redakteur Lars Wallrodt präsentiert sich ein Mann, der mit sich und der Welt vor dem abschließenden Gruppenspiel am Sonntag gegen Dänemark (20.45 Uhr, ARD) offenbar im Reinen ist.

Berliner Morgenost:

Herr Özil, wie zu hören ist, sollen Sie nicht zufrieden sein mit Ihren Leistungen in den ersten beiden Spielen.

Mesut Özil:

Was Sie so alles hören. (grinst)

Stimmt es?

Zunächst einmal können wir total stolz darauf sein, die ersten beiden Spiele gewonnen zu haben. Zwei Spiele, bei denen wir nicht wie selbstverständlich davon ausgehen konnten, dass sie gewonnen werden.

Aber wir reden von Ihnen.

Es stimmt, dass ich noch besser spielen kann. Weil ich weiß, was in mir steckt. Und das habe ich noch nicht alles gezeigt. Vor allem die Abschlüsse können besser werden. Wobei ich beim Pfostenschuss gegen die Niederlande auch Pech hatte. Und Portugal stand extrem tief, da war es schwer für mich. Aber: Ja, ich muss und will mich steigern.

Ihre kritischen Worte ehren Sie - wir sitzen ja immerhin nach zwei Siegen in der anerkannt schwersten Vorrundengruppe der EM hier zusammen.

Ich bin ja auch stolz auf die Mannschaft. Andere Teams wie England, Italien, Spanien und die Niederlande haben keine sechs Punkte nach zwei Spielen. Wir haben zwei Topnationen besiegt. Trotzdem benötigen wir noch einen Punkt, um sicher im Viertelfinale zu sein. Darum werde ich mich jetzt nicht hinstellen und jubeln, wie gut wir doch sind. Gegen Dänemark müssen wir wieder alles abrufen und sehr aufpassen. Aber wenn wir unser Potenzial abrufen, mache ich mir überhaupt keine Sorgen. Dann können wir die Dänen bezwingen.

Vor zwei Jahren reiste die Mannschaft ohne Capitano Michael Ballack zur WM, damals waren die Erwartungen gering. Nun sind Sie und Ihre Kollegen Topfavorit. Spüren Sie die höheren Erwartungen?

Es ist schon eine andere Ausgangssituation als in Südafrika. Jetzt ist zu merken, dass die Gegner unsere Stärken genau kennen, sich sehr genau mit uns beschäftigt haben - und dass sie uns zusammen mit zwei, drei anderen Nationen die Favoritenrolle zuschieben. Aber das ist okay: Dieses Level zu erreichen, war unser Anspruch, unser Ziel. Jeder Gegner will uns jetzt besiegen. Das ist wie bei Real Madrid. Da will auch jede kleinere Mannschaft gegen uns gewinnen und holt alles aus sich heraus. Deutschland ist jetzt wie Real Madrid. Das gefällt mir.

Was ist noch anders als 2010?

Wir haben uns als Team weiterentwickelt. Wir haben spielerisch ein ganz anderes Level erreicht. Das ist das Verdienst von Joachim Löw, der unsere Mannschaft geformt hat.

Früher hieß es eine Zeit lang, Deutschland könne nicht mehr gegen große Mannschaften gewinnen. Muss es jetzt heißen: Deutschland kann gegen Große nicht mehr verlieren?

Natürlich freuen wir uns, wenn wir jetzt Mannschaften wie Portugal oder die Niederlande besiegen und sie sich gegen uns kaum Chancen erarbeiten. Aber wir dürfen nicht überheblich werden. Mit dem Mund werden Spiele nicht gewonnen. Wir haben aber eindrucksvoll gezeigt, was wir können.

Nach dem 1:0 gegen Portugal kritisierte ARD-Experte Mehmet Scholl den Siegtorschützen Mario Gomez harsch.

Ich denke, Mario hat mit seinen beiden Toren gegen die Niederlande die passende Antwort gegeben. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Er ist sehr professionell damit umgegangen.

Die Diskussion haben sie aber mitbekommen?

Natürlich. Wir lesen hier ja auch deutsche Zeitungen. Mario hat das super gemacht.

Was denken Sie über ehemalige Spieler, die jetzt Fernsehexperten sind? Nestbeschmutzer?

Nein. Jeder darf seine eigene Meinung haben. Auch Scholl. Wir dürfen uns davon aber nicht beeinflussen lassen.

Sie sind mit Real Meister geworden, aber hierzulande war relativ wenig von Ihnen zu lesen. Fühlen Sie Ihre Leistung nicht genug gewürdigt?

(überlegt lange) Es stimmt, dass wenig geschrieben wird. Nicht nur über mich, sondern auch über Sami Khedira. Wir haben eine Supersaison gespielt. Ich finde es schade, dass in Deutschland davon offenbar nicht so viel Notiz genommen wird. Meist nur, wenn die spanischen Zeitungen negativ über uns geschrieben haben. Das fanden Sami und ich ein bisschen schade, denn wir sind sehr stolz auf uns. Die Meisterschaft mit neun Punkten Vorsprung vor dem FC Barcelona war eine große Sache.

Die spanische Liga ist nur im Internet zu sehen. Liegt es daran?

Das kann sein. Vielleicht muss ich mich auch ein bisschen offensiver verkaufen.

Sehen wir das stärkste deutsche Team der Geschichte?

Ich denke schon, ja. Wir sind viel konstanter geworden, viel selbstbewusster. Wir haben sogar noch Spieler wie Mario Götze, Andre Schürrle und Marco Reus in der Hinterhand. Wir sind eine sehr junge Mannschaft, die aber schon ein hohes Niveau erreicht hat und mit der Großes möglich ist.

Miroslav Klose hat seinen Stammplatz verloren. Wie erleben Sie ihn?

Er verhält sich absolut mustergültig. Er macht kein Fass auf, hängt sich im Training optimal rein. Er ist da wirklich ein großes Vorbild. Wir haben in Mario und Miro zwei Weltklassestürmer, und darüber sind wir froh. Beide sind ganz, ganz wichtig für uns.

Ist diese Harmonie der Schlüssel zum Erfolg?

Auf jeden Fall ist es ein wichtiges Element, vielleicht das wichtigste. Wenn wir uns nicht verstehen würden, könnten wir nicht so erfolgreich spielen. Wir sind nicht nur elf, sondern 23 Freunde. Dazu noch die Trainer und Betreuer.

Wie passt da die Kritik von Toni Kroos ins Bild, der nach dem Niederlande-Spiel sagte: Befriedigend ist das alles nicht. Gerade nach der Saison, die ich gespielt habe, ist es doch logisch, dass ich spielen will.

Ich finde es normal, dass jeder spielen und sich beweisen will. Aber der Trainer entscheidet, wer spielt.

Darf der Trainer kritisiert werden?

Nein. Aber das hat Toni Kroos ja auch nicht getan.

Am Sonntag bestreitet Lukas Podolski sein 100. Länderspiel.

Puuuh, das ist Wahnsinn. Hut ab!

Sie kommen auf 35 Länderspiele. Ist die 100 auch Ihr Ziel?

Nein. Ich denke nicht in Zahlen und Rekorden. 100 Länderspiele ist eine tolle Sache, aber nicht mein Ziel, das ich unbedingt erreichen möchte. Ich möchte erfolgreich Fußball spielen. Wie viele Länderspiele da dann rauskommen, ist mir egal.