Interview

"Diese EM ist besser als eine WM"

| Lesedauer: 8 Minuten

Peter Schmeichel gewann mit Dänemark 1992 den Titel. Im Interview schwärmt die Torwartlegende von der DFB-Elf

- Im Sommer 1992 saß Peter Schmeichel (48) mit Lars Olsen zusammen und hörte zu, wie sehr sein Nationalmannschaftskollege vom bevorstehenden Urlaub in einem Ferienhaus auf Mallorca schwärmte. Dann kam alles anders: Dänemarks Fußballer erfuhren zehn Tage vor Beginn der EM in Schweden, dass sie bei dem Turnier an Stelle von Jugoslawien antreten werden. Schmeichel und Co. gewannen sensationell das Turnier, im Finale siegte die Torwartlegende mit seinen Kollegen 2:0 gegen Deutschland. Nach über 600 Profipartien, unter anderem für Manchester United und Manchester City, und 129 Länderspielen beendete Schmeichel 2003 seine Karriere, der 48-Jährige ist nun Werbeträger der Carlsberg-Brauerei. Sein Sohn Kasper (25) tritt in seine Fußballstapfen, Trainer Morten Olsen nominierte ihn als dritten EM-Torwart für das Turnier. Mit der Legende sprachen Julien Wolf und Simon Pausch.

Berliner Morgenpost:

Herr Schmeichel, dass Ihr Sohn 20 Jahre nach Ihrem Triumph zum EM-Kader gehört, kam sehr überraschend.

Peter Schmeichel:

Das stimmt. Für ihn ist es das Größte, was er in seiner bisherigen Karriere erlebt.

Wann und wie haben Sie erfahren, dass er dabei ist?

Nachdem sich mein Freund Thomas Sörensen im Testspiel gegen Brasilien eine Woche vor EM-Beginn verletzt hatte, bekam Kasper einen Anruf vom Verband. Er solle sich bereithalten und nicht in den Urlaub fahren.

Das ist ja fast wie bei Ihnen 1992.

Fast, ja. Ich war gerade auf dem Golfplatz. Mein Gegner fragte mich scherzhaft, ob Olsen mir nach Sörensens Verletzung noch mal eine Chance geben wird (lacht). Nach dem Spiel schaute ich auf mein Handy und sah neun verpasste Anrufe meines Sohnes. Da wusste ich, dass etwas Besonderes passiert ist. Und dachte mir schon, dass Morten Olsen ihn nominiert hat.

Olsen ist in Deutschland aus seiner Zeit beim 1. FC Köln bekannt. Was zeichnet ihn als Nationaltrainer aus?

Er ist sehr clever, weiß genau, was er will. Er war 18 Monate mein Trainer bei Bröndby in Kopenhagen. Olsen ist ein großer Motivator und kann aus durchschnittlichen Spielern sehr gute Spieler machen. Der Nationalmannschaft hätte nichts Besseres passieren können. Bei der WM 2010 hatten wir einige Spieler, die nicht fit waren. Dieses Mal hat Morten Olsen eine sehr harte Linie gefahren und nur Spieler mitgenommen, die absolut gesund sind.

Wie 1992 ist die dänische Mannschaft nicht gerade ein Starensemble.

Längst nicht alle unsere Spieler stehen bei großen Klubs unter Vertrag. Aber wenn sie bei der Nationalmannschaft zusammen kommen, spielen sie deutlich besser als im Verein. Olsen holt das Maximum aus ihnen heraus.

Wenn Sie die Mannschaft mit der von 1992 vergleichen ...

... das tue ich nicht!

Warum nicht?

Weil der Fußball sich so sehr entwickelt hat, dass es sinnlos ist, zwei Teams gegeneinanderzustellen, zwischen denen 20 Jahre liegen. Der Sport ist technischer geworden. Derzeit ist der schöne und offensive Fußball a la Barcelona der erfolgreichste. Aber offenbar ändert es sich gerade, der FC Chelsea hat die Champions League gewonnen. Es könnte eine Ära beginnen, in der der taktische Fußball das Maß der Dinge wird. Vor Chelsea hatte keiner eine Antwort auf Barcelona.

Sie haben sich Chelseas Finale gegen München angesehen. Wurden Erinnerungen wach an das Endspiel 1999 in Barcelona?

Bayern hätte das Finale gewinnen können, genug Torchancen waren da. Aber 1999 war es schon noch anders, da verloren sie ja in den letzten Minuten, es gab keine Verlängerung oder Elfmeterschießen.

Chelseas Triumph hat überrascht. Kann Dänemark bei der EM auch überraschen?

Man soll niemals nie sagen, das haben uns schon viele Europameisterschaften gelehrt. 1992 hatte uns keiner auf dem Zettel, 2004 keiner die Griechen. Eines steht fest: Die EM ist besser besetzt als eine WM. Es ist also sehr schwierig, die Gruppenphase zu überstehen.

Wir probieren es noch mal: Gibt es Parallelen zu 1992?

Unsere aktuelle Mannschaft ist sehr gut. 1992 hatten wir besondere Charaktere in unseren Reihen, das ist jetzt wieder so. Ich denke vor allem an Kapitän Daniel Agger vom FC Liverpool, Christian Eriksen von Ajax Amsterdam und Nicklas Bendtner vom FC Arsenal, unseren wichtigsten Spieler. Es gibt Gerüchte, dass er nach Deutschland wechseln soll. Ich wünsche mir, dass es so kommt, weil er dort ein absoluter Star wäre. Er ist ein ähnlicher Spielertyp wie Mario Gomez, aber ein noch besserer Fußballer.

Welche Erinnerungen haben Sie an das Finale 1992 gegen Deutschland?

Es war der Höhepunkt in der Geschichte des dänischen Fußballs. Ich denke gern daran zurück. Ihr Deutschen wahrscheinlich nicht (lacht).

Stimmt. Aber Sie dürfen trotzdem erzählen.

Ihr wart sechsmal in einem EM-Finale und habt drei gewonnen. Wow! Eine sehr erfolgreiche Bilanz. Dass wir damals gegen euch gewonnen haben, war unglaublich. Uns fehlten viele wichtige Spieler, und vor dem Finale dachte ich: Mist, ohne die Jungs verlieren wir. Zum Glück irrte ich mich. Ich habe das Spiel danach noch oft auf Video gesehen, weil mein Sohn es eine Zeit lang immer anschauen wollte, wenn er aus der Schule kam. Ich kenne den Kommentar inzwischen auswendig.

Wie bewerten Sie die Entwicklung der deutschen Mannschaft?

Sie ist sehr gut. Die WM 2006 hat bei euch etwas verändert. Ihr hattet damals schon eine gute Mannschaft, und seitdem hat es sich enorm entwickelt. Unter Jürgen Klinsmann fing es an, er drehte Steine um und brachte neue Einflüsse, Joachim Löw setzt das hervorragend fort. Die Bundesliga ist fantastisch, die Stadien sind voll, die Klubs arbeiten seriös und setzen auf den Nachwuchs. Es ist, als wurde der Fußball in Deutschland neu geboren.

Wie meinen Sie das?

Es gibt keine Manndeckung mehr, ihr spielt offensiv und modern, die Bundesliga ist noch attraktiver geworden. Auch durch ausländische Spieler wie Arjen Robben, sie scheinen eine Inspiration für die deutschen Profis zu sein. Die Mehrheit der Bundesligaspieler ist deutsch, das ist toll und wichtig für eure Nationalmannschaft. Ich genieße es, die Spiele der Bundesliga und der Nationalmannschaft am Fernseher zu sehen. Deutschland ist für mich Favorit auf dem EM-Gewinn, und eines gefällt mir besonders.

Was?

Wie ihr die Mannschaft auch als eine Art Unternehmen, als ein Geschäft betrachtet. Oliver Bierhoff macht das sehr gut. Außerdem habt ihr wahrscheinlich das beste Mittelfeld der Welt. Ihr könnt in vier verschiedenen Formationen spielen, und jede ist wohl die beste bei der EM. Der Sturm ist auch sehr gut. Und dann erst die Torhüter. Ihr habt fünf, sechs der besten Torhüter der Welt. Was für ein Luxus!

Sie haben kürzlich gesagt, Manuel Neuer sei für Sie der beste der Welt. Warum?

Ich habe immer versucht, mitzuspielen und gar nicht erst gefährlichen Situationen aufkommen zu lassen, ich habe quasi präventiv gespielt. Manuel macht das auch. Er ist groß, stark, schnell und begeistert mich mit seinen weiten Abwürfen. Er setzt den Gegner unter Druck und hat genau den Stil, den ich mag. Er ist brillant.

Sie haben lange in England gespielt. Haben die Engländer auch bei dieser EM das traditionelle Torwartproblem?

Wenn du als englischer Torwart bei einem Turnier einen Fehler machst, hauen alle auf der Insel auf dich drauf. Das ist allen passiert, zuletzt Robert Green und David James. Aber Joe Hart ist etwas Besonderes, er gehört für mich zu den zehn besten der Welt. Er und Neuer können in der EM untermauern, wie gut sie sind.