Antonio Cassano

Buh-Rufe für den Entertainer

Cassano sorgt mit unbedachten Äußerungen über Homosexuelle für einen Eklat. Organisationen fordern seinen Ausschluss

- Bald füllt Ingo Appelt wieder die Hallen, Sacha "Borat" Cohen feiert Kinoerfolge. Doch der Star der Komikerszene tourt derzeit durch Polen und die Ukraine. Antonio Cassano heißt er, seine offizielle Berufsbezeichnung lautet Fußballprofi, in seiner Steuererklärung und seinem Facebook-Profil müsste aber stehen: Entertainer. Und zwar einer, der harmlose Witze reißt, jedoch auch mal die Zone des guten Geschmacks verlässt. Wie Appelt und Cohen, nur tapsiger. Der italienische Nationalstürmer soll Italien heute (18 Uhr, ARD) in Posen gegen Kroatien zum ersten Sieg bei der EM führen, aber schon vor dem Anpfiff dreht er auf - und sorgt mit schwulenfeindlichen Äußerungen für einen Eklat. Mal wieder.

Der italienische Verband hat in der Kraukauer Innenstadt einen Treffpunkt für Offizielle, Journalisten und Sponsoren eingerichtet, die "Casa Azzurri". Der Kaffee, die hübschen Hostessen, die Stimmung - hier ist alles italienisch. Kürzlich hat Musiker Umberto Tozzi im Saal des Hauses ein Konzert gegeben, an diesem Tag ist er Cassanos Bühne. Der 29-Jährige vom AC Mailand tänzelte hinein, ungefragt beginnt er die Pressekonferenz mit Scherzen über die Journalisten. "Schläfst du oder was!?", ruft er einem Reporter zu, der müde wirkt. Alle lachen.

Cassano genießt diese Auftritte, das ist ihm anzusehen. An seinen Ohren blitzen Diamantohrringe, er gestikuliert wild und spricht laut, das weiße Poloshirt betont die Armmuskeln, die Haare hat er nach oben gegelt. Eine eigenwillige Rhetorik und Gestik wie Giovanni Trapattoni, ein Faible für Körperkult wie David Beckham, Freude an Bling-Bling-Schmuck wie Cristiano Ronaldo. Was für eine Mischung. Und er grinst die ganze Zeit. Cassano feiert jeden Tag. Freut sich, dass er lebt. Leben darf. Im Vorjahr erlitt er einen Herzschlag. Plötzlich war alles anders. Plötzlich die Frage: Ist es bald vorbei? Auch dieses ernste Thema ist Teil seines Bühnenprogramms. Für wenige Augenblicke ist Cassano ernst. Er habe nicht mehr damit gerechnet, bei der EM spielen zu können. "Ich war zwischen Leben und Tod. Ich hatte sehr viel Angst. Und ich bin Gott sehr dankbar, dass es gut gegangen ist." Eine Operation rettete ihn, und er kämpfe sich zurück.

Die Krankheit hat Cassano verändert. Er ist schon lange einer der besten Fußballer des Landes. Mit 17 das erste Profispiel, Trainerlegende Trapattoni bezeichnete ihn als die "Zukunft des Landes". Auf jeden Fall schaffte er es zum Enfant terrible Italiens, der damalige Trainer Marcello Lippi strich ihn zwischenzeitlich trotz guter Leistungen aus der Nationalmannschaft, weil er den Teamgeist gefährdet sah. Cassano provoziert gern. 700 Frauen habe er beglückt, tönte er mal.

Der neue Nationaltrainer Cesare Prandelli vertraut ihm, für ihn sind die sportlichen Qualitäten ausschlaggebend. Dank des guten Verhältnisses zum Trainer und der Leistung seiner Mannschaft beim 1:1 im ersten EM-Spiel gegen Spanien ist er optimistisch: "Wir müssen wieder so spielen." Viele hatten erwartet, dass Italien das berühmte Catenaccio anwendet, defensiv auftritt. Stattdessen spielte die Mannschaft beim Auftakt recht offensiv. Wie kommt's? "Der Trainer hat das entschieden. Er hat gesagt, dass wir den Ball laufen lassen sollen."

Cassano ist nach seiner Krankheit lockerer und freundlicher. Die "Gazzetta dello Sport" schrieb: "Der neue Cassano scheint stärker und reifer zu sein. Vielleicht hat ihn die Angst vor einem vorzeitigen Ende seiner Karriere geholfen, sich von den Lasten der Vergangenheit zu befreien."

Der Volksmund sagt: Wer als Kreis geboren wird, entwickelt sich nicht zum Quadrat. Cassano hat weiterhin die Neigung, übers Ziel hinaus zu schießen. Auf seiner Pressekonferenz fragen Reporter ihn nach dem homosexuellen italienischen Fernsehmoderator Alessandro Cecchi Paone, der erzählt hat, er habe Beziehungen mit zwei Profifußballern geführt. Und behauptet, in der italienischen Mannschaft gebe es zwei Homosexuelle und einen Bisexuellen. Was er dazu sagt, wollen die Reporter aus der Heimat wissen. Cassano will zuerst nicht antworten, doch er ist so aufgedreht und tut es doch: "Ich hoffe, dass keine Schwulen in der Mannschaft sind." Offenbar denkt er, mit einem Augenzwinkern ist alles lustig und erlaubt. Die Aussage sorgt international für Empörung. Cassano entschuldigte sich später, Schwulenfeindlichkeit sei ihm fremd. Er habe nur sagen wollen, des es ihn nicht betreffe. Manchmal redet er einfach so viel, dass auch viel Unsinn dabei ist.

Italienische Homosexuellen-Organisationen fordern von Trainer Prandelli, Cassano von der EM auszuschließen. "Wer seine Verachtung gegenüber anderen zum Ausdruck bringt, kann die Nationalmannschaft nicht würdig repräsentieren", sagt Andrea Maccarone vom "Circolo di cultura omosessuale Mario Mieli". Cassano wird bleiben. Ob das auch für sein Engagement beim AC Mailand gilt, bleibt abzuwarten. Er werde nach der EM überlegen, ob er bleibe. Bis dahin will er beweisen, dass viele Experten und Fans Italien zu Unrecht als Außenseiter betrachten. "Italien", sagt Cassano, "zählt immer zu den Favoriten."