3:2-Sieg

Varela lässt Portugal jubeln

Iberer verspielen Zwei-Tore-Vorsprung gegen die Dänen, doch dann schlägt der eingewechselte Stürmer doch noch zu

- Cristiano Ronaldo sah aus wie ein Schuljunge, der gerade vom Sportunterricht kommt. Portugals Superstar schlurfte am Mittwochabend in Turnschuhen und einem grauen Kapuzenpullover aus dem Stadion in Lemberg, auf dem Rücken ein Rucksack, die Haare frisch zur Irokesen-Frisur gegelt. Was er zum Spiel sage, fragten die Reporter. Ronaldo zwinkert ihnen nur zu. So wie immer, wenn er keine Lust auf Interviews hat.

Seine Mannschaft hatte soeben ihr zweites Spiel in Gruppe B vor 31.840 Zuschauern gegen Dänemark 3:2 (2:1) gewonnen und ein vorzeitiges EM-Aus verhindert, und doch fühlte sich Ronaldo wie ein Verlierer. Der 27-Jährige hätte das Spiel schon früh entscheiden können, sogar müssen, vergab aber zwei riesige Chancen. "Wir haben mehr gelitten als nötig", sagte Portugals Trainer Paulo Bento, der mit seiner Mannschaft vor dem letzten Spiel gegen die Niederlande am Sonntag (20.45 Uhr, Einsfestival) in Charkow alle Chancen auf den Einzug ins Viertelfinale hat.

Er und sein Gegenüber Morten Olsen setzten auf dieselbe Aufstellung wie in der ersten Partie. Portugals Hoffnung war - wer sonst - Ronaldo. Er wollte das 0:1 gegen Deutschland vergessen machen, eine Niederlage hätte das EM-Aus für seine Mannschaft bedeutet.

Die erste Chance hatte vor den Augen von Dänemarks Thronfolger Frederik der Offensivprofi Christian Eriksen: Dänemarks Spielgestalter kam im Strafraum frei an den Ball, zögerte aber so lange, bis Pepe dazwischen grätschte und seinen Schuss ins Toraus abfälschte (4.).

Ronaldo vergibt mehrere Male

In der 17. Minute musste Trainer Morten Olsen wechseln, für den verletzten Niki Zimling brachte er Jakob Poulsen in die Partie. Die Umstellung im defensiven Mittelfeld brachte die Dänen kurz aus dem Konzept, sie standen schlecht, und Ronaldo konnte von der Strafraumlinie schießen. Doch er verzog - und gab dafür dem Rasen die Schuld. Er zeigte auf eine unebene Stelle im Grün und schimpfte (18.). Einen Freistoß schoss er weit am Tor vorbei (21.).

Joao Moutinho war der bessere Standardschütze. Er schlug einen Eckball auf Pepe, der seinem Gegenspieler Daniel Agger am ersten Pfosten entwischt war und das 1:0 köpfte (24.). Die Führung gab den Portugiesen Sicherheit, sie waren jetzt die bessere Mannschaft. Die Abwehr der Dänen war ungeordnet, Nani schlug eine Flanke exakt in den Fuß von Stürmer Helder Postiga, der nur die Innenseite hinhalten musste - 2:0 (36.). Diesmal war es Simon Kjaer, der nicht nah genug bei seinem Gegenspieler war; die Partie schien entschieden. Doch die Freude der Portugiesen währte nicht lang: Sie ließen eine Flanke im Strafraum aufprallen, Michael Krohn-Dehli passte per Kopf auf Nicklas Bendtner, und der dänische Starstürmer nickte den Ball zum 2:1 ins Netz (41.). Alles wieder offen.

In der zweiten Halbzeit hätte Ronaldo alles klar machen müssen: Er lief kurz hinter Mittellinie frei auf den dänischen Torhüter Stephan Andersen zu, und offenbar dachte er auf diesem langen Weg wohl zu lange nach, wie er den Ball rein schießen soll. Als er dann vor Andersen stand, schoss er so unplatziert und schwach, dass der Schlussmann hielt (50.). Das war kläglich. Die Mitarbeiter des europäischen Fußballverbandes Uefa waren sich allzu sicher gewesen, dass er trifft - auf der Internetseite meldeten sie Ronaldo vorschnell als Torschütze zum 3:1. Später korrigierten sie die Statistik.

Bendtners zweiter Streich

Dänemark riskierte danach mehr, erspielte sich zunächst aber keine Chancen. William Kvist probierte es mit einem Weitschuss, der knapp am Tor vorbei zischte (62.). Dann hatte Ronaldo die zweite Großchance: Wieder stand er allein vor Andersen, diesmal schoss er vorbei (78.). Er konnte es selbst nicht fassen.

Seine Fahrlässigkeit bestraften die Dänen: Bendtner köpfte das 2:2 (80.). "Das Tor war sehr ungerecht. Wir haben das Spiel nach dem 2:1 lange kontrolliert, aber ohne zu treffen. Danach hat die Mannschaft ihren Charakter und ihre Identität gezeigt", sagte Bento.

Auf Ronaldo konnten sie an diesem Abend nicht zählen, also spielten die Portugiesen den eingewechselten Silvestre Varela an - und der traf aus der Drehung tatsächlich zum 3:2-Endstand (87.). Er war gerade einmal drei Minuten im Spiel. Alle Portugiesen jubelten wie wild, und selbst Ronaldo konnte wieder lachen. "Das war ein Sieg der Mannschaft. Wir haben bis zum Ende gekämpft und Geduld bewiesen", sagte Varela. Dass er als Joker das entscheidende Tor erzielte, sei ein tolles Gefühl.

Kurz danach dürften ihm und seinen Kollegen aber noch einmal fast das Herz stehen geblieben sein: Die Dänen gaben nicht auf, der eingewechselte Lasse Schöne hätte ausgleichen könnten, schoss aber über das Tor (90.).

Am Sonntag (20.45 Uhr, ARD) spielt Dänemark wieder in Lemberg, dann gegen Deutschland. "Wir müssen die Niederlage gegen Portugal jetzt analysieren. An das Spiel gegen Deutschland kann ich jetzt noch gar nicht denken. Die Niederlage ist noch zu frisch", sagte Verteidiger Simon Poulsen.

Auch sein Trainer war enttäuscht. "Es ist ein furchtbares Gefühl, kurz vor Ende noch Punkte zu verlieren. Nach dem Niederlande-Spiel waren wir die Glücklichen, jetzt sind wir die Unglücklichen", sagte der frühere Coach des 1. FC Köln.