Gebre Selassie

Tschechiens Bester und der Vergleich mit Obama

Wie sich der dunkelhäutige Nationalspieler Theodor Gebre Selassie in seiner Heimat Respekt erkämpfte

- Zweieinhalb Stunden nach dem Spiel war rund um Theodor Gebre Selassie keine Spur mehr von Fremdenfeindlichkeit zu entdecken. Im Gegenteil. Als die polnischen Fans nach dem Remis ihrer Mannschaft gegen Russland aus der Innenstadt von Breslau strömten, entdeckten einige von ihnen den tschechischen Nationalspieler, der mit seinem Team im zentralen Monopol-Hotel logiert, an einem Kiosk. Minutenlang kam der 25-Jährige nicht zu seinem nächtlichen Einkauf, weil er im Akkord Autogramme schreiben und für Fotos posieren musste.

Es wirkte wie die verspätete Versöhnung dieses Turniers mit dem ersten dunkelhäutigen Nationalspieler in Tschechiens Geschichte. Der Start in seine erste EM muss Gebre Selassie vorgekommen sein wie die Ouvertüre eines geschmacklosen Horrorfilms. Schlecht gespielt, 1:4 gegen Russland verloren und, ohne Frage am schlimmsten, von den Rängen rassistisch beleidigt worden. Einige Anhänger der "Sbornaja" hatten jeden Ballkontakt mit Affengeräuschen untermalt. Die Uefa untersucht die Vorfälle. "Ich will nicht als Spieler in Erinnerung bleiben, der ausgebuht wurde", sagte Gebre Selassie danach: "Ich will, dass sich die Leute wegen meiner Leistung an mich denken."

Die Grundlage dafür hat er beim 2:1-Sieg Tschechiens über Griechenland gelegt. Der Profi von Slovan Liberec bereitete nicht nur den Treffer von Vaclav Pilar vor, sondern übernahm auch in der schwierigen Phase in der zweiten Halbzeit Verantwortung. Die Etablierten hatten nicht gut gespielt. Stürmer Milan Baros etwa war nach erneut schwacher Leistung unter dem Jubel der Fans ausgewechselt worden, Torhüter Petr Cech hatte mit einem Fehler das 1:2 eingeleitet, und Kapitän Tomas Rosicky war wegen einer Blessur an der Achillessehne gar nicht erst aus der Halbzeitpause zurückgekehrt. An ihrer Stelle ging Theodor Gebre Selassie voran, von den Rängen kam diesmal nur anerkennender Applaus.

"Unsere Abwehr, unser gesamtes Team hat dieses Mal hervorragend funktioniert", lobte anschließend Trainer Michal Bilek. "Wir sind sehr glücklich, das Weiterkommen in der eigenen Hand zu haben." Im letzten Gruppenspiel gegen Polen am Sonnabend reicht Tschechien ein Remis für den Viertelfinal-Einzug.

Interesse aus England?

Prompt machten Gerüchte über ein Interesse des Scheichklubs und englischen Meisters Manchester City die Runde, ein englischer Journalist unterstellte Gebre Selassie gar, ohnehin nicht mehr lange in der sehr mittelmäßigen tschechischen Liga zu spielen. Darüber könne er derzeit nicht nachdenken, entgegnete der bescheiden. Und auch die Beleidigungen habe er aus seinem Kopf verbannt. Aber auch Tschechiens Fußball hat ein schwelendes Problem mit ausländerfeindlichen Fans. Als Gebre Selassie vor sieben Jahren beim Bergarbeiter-Verein Jihlava debütierte, war der Aufschrei in der Provinz groß. Bis heute wollen ihn Teile der Anhänger nicht in der Nationalmannschaft sehen. Sie werfen ihm vor, kein richtiger Tscheche zu sein, dabei ist er in Trebic im Süden des Landes geboren.

Genau wie bei US-Präsident Barack Obama leben Teile von Gebre Selassies Verwandtschaft in der afrikanischen Heimat. Sein Vater Chamola kam vor mehr als 30 Jahren aus Äthiopien als Arzt nach Tschechien. Als der äthiopische Langestrecken-Läufer Haile Gebrselassie bei Olympia 1996 die Goldmedaille über 10.000 Meter gewann, ging der völlig euphorisierte Doktor Chamola kurzerhand ins örtliche Rathaus und änderte seinen Nachnamen.