Nationalmannschaft

Löws Mission steckt voller Überraschungen

Gomez kontert die Kritik von TV-Experte Scholl souverän. Den Stammplatz garantiert ihm der Bundestrainer aber noch lange nicht

- Pressekonferenzen bei der deutschen Fußball-Nationalmannschaft können ziemlich langweilige Veranstaltungen sein. Vorn sitzt ein Spieler oder ein Trainer, davor ein Haufen Journalisten, die dann "Was planen Sie für das nächste Spiel?", "Sind Sie zufrieden mit dem Zustand ihrer Mannschaft?" oder "Wie groß ist Ihre Erleichterung über den letzten Sieg?" fragen. Es wird sich über verletzte Spieler und taktische Änderungen ausgetauscht, ein bisschen über den nächsten Gegner geplaudert, und am Ende wird verkündet, wer tags darauf an derselben Stelle die gleichen Fragen beantworten wird. Der Ball bleibt danach rund und ein Spiel dauert 90 Minuten.

Am Montag allerdings herrschte gespannte Stimmung im Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Das lag zum einen daran, dass gerade die Europameisterschaft stattfindet und deshalb das Erregungslevel der Berichterstatter ohnehin höher ist als für gewöhnlich. Zum anderen war nach dem 1:0-Sieg über Portugal ein Thema aufgekommen, das ebenso unvorhergesehen wie brisant war.

Antwort mit seltener Offenheit

Denn statt den Siegtorschützen Mario Gomez artig abzufeiern, hatte ARD-Experte Mehmet Scholl zur Generalkritik ausgeholt. Er habe zwischendurch Angst gehabt, dass der Stürmer "sich wundliegt und mal gewendet werden muss", hatte Scholl nach dem Spiel geätzt und Gomez vorgeworfen, zu wenig für die Mannschaft zu tun, speziell bei der Defensivarbeit. "Seine Mitspieler wollten nach vorn in die Spitze spielen. Aber da war keiner. Und dann stellt sich immer die Frage, wie lange eine Mannschaft so was aushält", sagte Scholl.

Das sind grundsätzlich schon einmal bemerkenswerte Aussagen, die umso pikanter sind, weil der Kritiker und der Kritisierte den gleichen Arbeitgeber haben. Während Gomez beim FC Bayern München spielt, trainiert Scholl die Regionalligamannschaft des deutschen Fußball-Rekordmeisters.

Gomez wusste also, welche Fragen ihn erwarten, als er am Montag auf der Bühne vor der versammelten Medienmeute Platz nahm. Und richtig: Gleich die erste Frage kam zum Thema Scholl. "Welch Überraschung", sprach Gomez und zeigte ein Ich-wusste-es-vorher-Lächeln. Ursprünglich, war vorher zu hören, habe er zu dem Thema überhaupt nicht Stellung beziehen wollen. Er tat es dann doch, und das mit seltener Offenheit.

Er habe Scholl einmal auf dem Oktoberfest getroffen, berichtete Gomez, dort habe sein heutiger Kritiker ihn angesprochen. "Ich weiß, was du über mich denkst", soll Scholl das Gespräch begonnen haben. Weil er jetzt Fernsehexperte sei und deshalb ehemalige Kollegen kritisieren müsse, würde Gomez ihn für einen "Punkt, Punkt, Punkt" halten, glaube Scholl. Sagte Gomez. Er malte dabei drei Punkte in die Luft, die wohl stellvertretend für einen Kraftausdruck stehen, der sich auf den verlängerten Rücken bezieht. Dabei wolle er mit seinen Sticheleien nur das Letzte aus ihm herauskitzeln, soll Scholl gesagt haben. Gomez machte dabei ein Gesicht, als ob ihm ein peinlicher Witz erzählt worden sei.

Missachtung für den Kritiker

Er wird Scholls Polemik als Majestätsbeleidigung aufgefasst haben. Ausgerechnet nach dem "gefühlsmäßig wichtigsten Tor meiner Karriere" kommt dieser Schwätzer und macht ihm den schönen Triumph kaputt. Das sagte Gomez natürlich nicht, er dachte es aber vermutlich. Offiziell muss er die Contenance wahren. Es dürfe ja jeder sagen, was er wolle, sagte der Nationalstürmer, "es gibt aber keinen Grund, mich zu ändern. Schließlich bin ich der erfolgreichste deutsche Stürmer der vergangenen Jahre." Die Frage, ob er Zweifel daran habe, Mittwoch gegen die Niederlande erneut von Beginn an aufzulaufen, beantwortete er mit einem Wort: "Nein."

Damit dürfte er sogar recht haben, denn sein Tor hat ihn in eine glänzende Position gebracht. "Er hat das gemacht, was ein Stürmer tun muss", hatte ja auch Joachim Löw zu Protokoll gegeben, bevor er die Bühne für Gomez räumte. Trotz Nachfragen schaffte es der Bundestrainer, den Namen "Scholl" nicht ein einziges Mal in den Mund zu nehmen. Und, nein, er habe nicht mit Mario gesprochen, um ihn nach der Kritik aufzubauen. Das sei nicht nötig: "Er ist gestählt in seiner Persönlichkeit, weil er schon durch so manches Tal gehen musste in seiner Karriere. Wichtig ist die Einschätzung, die er von mir als Trainer kriegt." Und die scheint ja immerhin durchaus positiv zu sein, sonst hätte er Gomez gegen Portugal kaum in die Startelf beordert.

Während er den ehemaligen Nationalspieler Scholl mit Missachtung strafte, nippte der Bundestrainer an einem Espresso und machte den Eindruck eines Mannes, der völlig in sich ruht. Tatsächlich hat ihm der Auftaktsieg über Portugal in die Karten gespielt. Er hatte Gomez statt Miroslav Klose gebracht - Volltreffer. Er hatte auf Mats Hummels statt Per Mertesacker gesetzt - Volltreffer. Er hatte Jerome Boateng statt Philipp Lahm gegen Cristiano Ronaldo spielen lassen - Volltreffer. Löw hatte also allen Grund, tiefenentspannt zu sein.

Ein paar Prozent fehlen noch

Jetzt allerdings muss der Bundestrainer unverhofft und unverschuldet ein kniffliges Problem lösen, das seinen Seelenfrieden wieder durcheinander bringen könnte: Was macht er am Mittwoch gegen die Niederlande? Bringt er erneut Gomez, der ja in der Tat bis zu seinem Treffer schwach spielte und schon ausgewechselt worden wäre, wenn der vierte Schiedsrichter nicht getrödelt hätte? Oder brüskiert er seinen Siegtorschützen und lässt Miroslav Klose spielen?

Er habe sich vor dem Spiel lange mit Klose unterhalten und ihm erklärt, warum er Gomez den Vorzug geben wird gegen Portugal. Der Spieler von Lazio Rom war sechs Wochen lang verletzt, dieses Argument war das wohl stichhaltigste in Löws Erklärung an Klose. Doch der Bundestrainer beobachtet auch, dass sein erfahrenster Mann enorme Fortschritte macht. "Er wird immer besser im Training", berichtete Löw. "Noch fehlen ihm ein paar Prozent. Aber es wird bald so sein, dass er wieder von Beginn an spielen kann." Mit diesem Lob hält er sich zugleich beide Optionen offen.

Im offiziellen Sprachgebrauch wird das natürlich als "Luxusproblem" verkauft. "Es hat noch nie ein Trainer ein Turnier mit elf Spielern durchgespielt. Ich bin froh, dass ich in Miroslav und Mario zwei Klassestürmer im Aufgebot habe", sagte Löw, und, nein, natürlich habe er sich noch nicht entschieden, wen er gegen die Niederlande stürmen lassen wird. Löw lächelte dabei.

Er drehte die Wasserflasche vor sich in den Händen, dann schaute er zu den anwesenden Journalisten auf: "Ihr kennt mich doch mittlerweile lange genug. Ich sitze ja schon ein paar Jahre hier oben", sagte er und zwinkerte: "Ich bin immer für eine Überraschung gut. Und ich bin nicht immer berechenbar." Offenbar heckt der Bundestrainer schon den nächsten Überraschungscoup aus. Mal sehen, wen er jetzt aus dem Hut zaubert.