Frankreich - England 1:1

Schwaches Spiel, kein Sieger

Beim 1:1 zwischen Frankreich und England zeigen beide Mannschaften eine enttäuschende Leistung

- Die Maßgabe aus der Heimat für diese Europameisterschaft konnte umfassender gar nicht sein. Die Equipe tricolore, so hatten sie in Frankreich befunden, solle für eine "sportliche und emotionale Erlösung" sorgen. Das waren überaus hochtrabende Worte. Und dementsprechend ernüchtert schaute Frankreichs Trainer Laurent Blanc dann auch drein, als am Montagabend in der Donezker EM-Arena der Schlusspfiff ertönte.

1:1 (1:1) trennten sich Frankreich und England im ersten Spiel der Vorrundengruppe D. Es war eine Partie, die nur selten jener klangvollen Ansetzung gerecht wurde und in der vor allem die hoch gehandelten Franzosen vieles schuldig blieben. Zwar hatte Trainer Blanc bereits im Vorfeld gemahnt, Titelansprüche wie Deutschland oder die Spanier könnten die Seinen nicht anmelden. Doch mit einer Serie von 21 ungeschlagenen Partien nach der missratenen WM 2010 hatte sich Frankreich im Vorfeld zumindest den Status des Geheimfavoriten erarbeitet. Gestern aber war davon nur höchst selten etwas zu sehen.

"Man muss zufrieden sein. Wir haben zu ängstlich gespielt", befand Blanc nach dem Spiel. Aber letztlich könne er mit der Punkteteilung leben. "Das 1:1 geht schon in Ordnung", sagte er noch. "Wir hätten es nicht verdient gehabt zu verlieren, aber auch nicht zu gewinnen." Es war fast der allgemeine Tenor an diesem Abend in Donezk, auch auf Seiten der Engländer. Trainer Roy Hodgson teilte noch mal artig Komplimente aus. Frankreich, sagte er, sei eine gute Mannschaft, aber "es gab nicht viele Situationen, in denen ich in Panik geraten wäre". Richtig sauer schien nur der Franzose Patrice Evra zu sein: "Es war frustrierend. Es hat sich angefühlt, als wären sie mit 15 Mann auf dem Platz. Aber es hat nicht genützt."

Anfangs nur Einzelaktionen

Beide Teams ließen es schon in der Anfangsphase äußerst ruhig angehen. Die Franzosen versuchten, die Kontrolle über das Spiel zu gewinnen, die Engländer setzten zwei massive Viererreihen dagegen. Und so waren es nur Einzelaktionen, die zu notieren waren, ein Schuss von Frankreichs Samir Nasri (11.) etwa oder ein Solo von Franck Ribery (13.). Die Engländer beschränkten sich auf Konter, und die waren durchaus gefährlich, so wie in der 15. Minute, als Danny Welbeck, für den gesperrten Wayne Rooney im Team, James Millner mit einem feinen Pass bediente. Der Mann vom englischen Meister Manchester City ließ die gesamte französische Abwehr inklusive Torhüter Hugo Lloris aussteigen, sein Schuss aber landete am Außennetz. Blanc jedenfalls war so bedient von der Aktion, dass er wütend seine Innenverteidiger zu sich zitierte und ihnen gehörig die Meinung sagte. In den ersten 20 Minuten, befand er nachher ganz ehrlich, habe man durchaus Glück gehabt.

Nicht mehr als die Außenseiterrolle war den Engländern im Duell mit Frankreich zugestanden worden, auch wenn sie wie Ashley Young nichts davon hören wollten. "Wir gehen in dieses Spiel, um zu gewinnen", hatte er gesagt. Doch etliche Stammspieler waren verletzungsbedingt gar nicht erst mit in die Ukraine gereist. Frank Lampard etwa oder Gareth Barry und Gary Cahill. Routinier Lampard ließ immerhin einen Mutmacher ausrichten, England solle es machen wie Chelsea in der Champions League. Ihnen hätte ja auch keiner den großen Triumph zugetraut.

An den ersten Titel seit 46 Jahren glauben angesichts der Personalmisere in England trotzdem nur die Daueroptimisten. "Und davon gibt es bei uns nicht so viele", sagte Hodgson. Doch genau jene bekamen in der 30. Minute zumindest zwischenzeitlich Nahrung für ihre These: Eine Freistoßflanke von Steven Gerrard segelte in den Fünfmeterraum, wo Alou Diarra Joleon Lescott unbeaufsichtigt zur Führung einköpfen ließ. Für den Verteidiger von Manchester City war es der erste Treffer in seinem 17. Einsatz.

Das Tor aber beflügelte vor allem die Franzosen. "Paradoxerweise haben wir ein Gegentor gebraucht, um initiativ zu werden", meinte Blanc. Nicht mal vier Minuten nach der englischen Führung hatte Diarra gleich eine doppelte Kopfballchance: Nach Nasris exzellenter Flanke rettete erst Englands Schlussmann Joe Hart, im zweiten Versuch ging der Ball knapp daneben. Doch noch vor der Pause war es um Englands Führung geschehen: Nach einer feinen Kurzpasskombination vor dem Strafraum zog Nasri aus 18 Metern ab. Hart war die Sicht versperrt, so stand es 1:1 (39.).

Auch nach der Pause bot sich das gleiche Bild: Die Engländer bemühten sich um eine geordnete Defensive samt immer selten werdender Konter. Und die Franzosen? Sie waren optisch überlegen, das schon. Aber ihr Spiel war viel zu statisch und auf Einzelaktionen ausgelegt. Das Mannschaftsspiel Am Ende standen 60 Prozent Ballbesitz und 19:3 Schüsse zubuche, aber eben nur ein 1:1. Herausgespielte Chancen blieben auch in der zweiten Hälfte Mangelware. Die größten hatten Ribery (75.), als er aus spitzem Winkel abzog und Yohan Cabaye, der es aus 18 Metern probierte (80.).

Kurz vor Ende allerdings verhinderte Frankreichs Innenverteidiger Philippe Mexes eine mögliche Niederlage, als er vor dem einschussbereiten Welbeck klärte. Und so blieb es bei einem Remis, das die Engländer weit zufriedener zur Kenntnis nahmen. "Das war kein schlechter Auftritt von uns", sagte Kapitän Gerrard. "Nun müssen wir sehen, dass wir nach dem nächsten Spiel vier Punkte haben." Am Freitag treffen die Engländer in Kiew auf Schweden. Auf Frankreich wartet die Ukraine.

Evra: Mann des Spiels

"Für uns zählt dann nur ein Sieg, über etwas anderes müssen wir gar nicht reden", sagte Evra, der zum Mann des Spiels gewählt wurde. Ein Erfolg gegen den Gastgeber hätte gar historische Dimensionen. Seit dem WM-Halbfinale 2006 in Deutschland sind die Franzosen ohne Sieg bei einem Turnier, erst die Europameisterschaft 2008, dann die Weltmeisterschaft 2010. Fast 2200 Tage sind es mittlerweile. Das interessiere ihn nicht, sagte Evra. "Das ist Vergangenheit. Uns geht es ums Hier und Jetzt." Und dabei soll am Ende weit mehr als nur ein Vorrundensieg herauskommen, um die Nation wieder zu versöhnen.