Volleyball

Für Heynen ist der Weg das Ziel - und der führt nach London

Dank des neuen Bundestrainers erfüllen sich Deutschlands Volleyballer den Olympia-Traum

- Für Bundestrainer Vital Heynen zählen seine Diagonalangreifer Georg Grozer und Jochen Schöps zu den besten der Welt. Beide sind exakt zwei Meter groß und dennoch ganz unterschiedliche Typen. "Hammer-Schorsch" Grozer lässt zu keiner Sekunde Zweifel daran, dass auch sein nächster Schmetterball mit Urgewalt im gegnerischen Feld einschlagen wird. Sein Schlagarm ist mit zahlreichen Tattoos geschmückt. Schöps ist eher ein Mann der Finesse, ihn ziert nur eine einzige Tätowierung: die olympischen Ringe an der Innenseite seines linken Wadenbeins. Ganz schlicht, darunter "Peking 2008". Jetzt werden wohl neue Tattoos hinzukommen, denn beide haben sich am vergangenen Wochenende in Berlin mit der deutschen Volleyball-Nationalmannschaft für die Spiele in London qualifiziert.

"Falls ich dabei bin, wird der 'London'-Schriftzug dazu kommen", sagt Schöps nach seiner Gala beim entscheidenden Sieg gegen Tschechien mit falscher Bescheidenheit. "Das Tattoo habe ich nach den Spielen machen lassen. Ich wollte mich immer daran erinnern. Es gibt nur wenige Momente, in denen erwachsene Männer heulen, aber heute war so ein Tag." Ähnlich am Wasser gebaut hatte der gegen Kuba und Tschechien alle überragende Grozer. "Emotional brach alles zusammen", gestand der Kleiderschrank. "Mein Vater hat es nie geschafft, zu Olympia zu kommen. Wenn ich darüber rede, bin ich wieder nahe am Heulkrampf. Ich glaube, ich betrinke mich heute."

Die Mannschaft hatte in der folgenden Berliner Nacht viele Gründe, anzustoßen. Sie hat geschafft, woran alle Fußball-, Handball- und Basketballteams gescheitert waren, konnte sich neben den Hockey-Damen und Herren als einziges Team für Olympia qualifizieren. "Jetzt wird eine Cessna zum Flug nach London nicht mehr reichen", witzelte Kapitän Björn Andrae. Es sei "schade, dass sich nur so wenig Teams qualifiziert haben, aber umso stolzer bin ich, dass wir es geschafft haben."

Für die Sportart sei das "ein ganz wichtiger Schritt", freute sich Kaweh Niroomand, Manager des deutschen Meisters BR Volleys. Die Nationalmannschaft sei "der Vorbildfunktion gerecht geworden, die man von ihr erwartet." Ausgerechnet die Volleyballer haben "das Größte, was es für einen Sportler gibt" (Andrae), gepackt. Ein Team, das noch im September von der EM 2011 sieglos abreiste.

Das Wunder lässt sich wohl nur mit der Arbeit des neuen Bundestrainers Vital Heynen erklären. Beim Turnier in Berlin war der Belgier, der heute 43 Jahre alt wird, gerade mal sechs Wochen am Ruder. Grozer findet seinen Coach "echt sensationell. Er hat ein System, eine professionelle Art, aber auch eine komische Seite".

Der Trainer selbst sagt von sich scherzhaft, er sei hyperaktiv, müsse immer in Bewegung sein. Ziele seien für andere, "der Weg ist das Schönste". Eine Art Mental-Guru sei er nicht. "Ich trainiere nur und stelle Fragen, damit die Spieler darüber nachdenken. Sie müssen selbstständig handeln. Selbstvertrauen kommt, wenn jeder weiß, was zu tun ist." Was aber eine gewisse Flexibilität voraussetzt. "Ich plane alles, aber ändere alles wieder. Wenn die Spieler über etwas klagen können, dann darüber, dass mein Programm niemals stimmt. Ich frage mich immer, was haben wir heute gemacht, was können wir morgen besser machen."

An seinen Geburtstagsplänen wird Heynen allerdings nichts ändern können. Er fliegt mit seinen Olympioniken heute Abend zum Weltliga-Turnier nach Buenos Aires. Bestimmt ein hochwertiger Wettbewerb und eine Gelegenheit, in Schwung zu bleiben - aber ein "Buenos Aires 2012"-Tattoo wird es bei Grozer und Schöps sicherlich nicht geben. Olympia ist halt einzigartig.