Rasenschach

Überlegen, aber mutlos

Jessica Kastrop über einen deutschen Auftaktsieg, der sie ein bisschen an Rudis Rumpel-Kick erinnert

So, liebe Freunde, nach diesen 90 Minuten ist es amtlich: Wir werden Europameister! Nein, nicht, weil wir Portugal geschlagen und die Dänen den Holländern gleichzeitig den Euro-Auftakt anständig vermiest haben. Nicht, weil Jerome Boateng sich doch auf Cristiano Ronaldo konzentrieren konnte anstatt auf das blonde Nacktmodell Gina-Lisa. Und auch nicht, weil der Bayern-Block sein Chelsea-Trauma verdauen und feststellen durfte, dass man ein 1:0 doch irgendwie auch halten kann, wenn es denn sein muss. Nein, das alles zählt nicht. Der wahre Grund, warum ich nun fest an den Titel glaube: Wir haben endlich wieder in der Tradition einer echten deutschen Turniermannschaft gespielt. So richtig schön schlecht. Da erinnerte das ein oder andere schon fast an Rudis "herrlichen" Rumpel-Kick, von Systemfußball und Spielideen keine Spur. Überlegen, aber mutlos, und irgendwie stand irgendwo dann doch immer wieder dieser Portugiese im Weg. Wie ärgerlich. Jetzt haben wir endlich wieder "Steigerungspotenzial" (so nannte es Joachim Löw) und "Luft nach oben" (Kapitän Philipp Lahm). Jetzt gibt es die Möglichkeit, sich ins Turnier hinein zu spielen. Wir erinnern uns an das mühsame 1:0 zum Auftakt gegen Chile bei der WM 1974, dem ja über einen Sieg-Umweg gegen Australien sogar die historische Pleite gegen die DDR folgte. Und am Ende - wurde Deutschland Weltmeister!

Oder 1996: Das 2:0 gegen die Tschechen war in Ordnung, beim 0:0 gegen Italien hatte Andy Köpke aber alle Hände voll zu tun. Doch am Ende des Turniers stand der EM-Titel für die deutsche Mannschaft. Unsere jungen Zauberfußballer haben sich Routine zugelegt und offensichtlich eines gelernt: Schön spielen und Vize werden - das können wir, aber das hatten wir nun auch schon zwei Mal. Ich bin mir sicher, Uli Hoeneß wäre ein dreckiger Sieg gegen Chelsea deutlich lieber gewesen als eine Niederlage, bei der vor lauter himmelschreiender Ungerechtigkeit der Fußballgott als letzte Instanz lauthals angerufen wird. Überrascht haben mich übrigens die Russen, denen man trotz ihres methusalemischen Altersschnitts eine höchst ansehnliche Ballbehandlung attestieren durfte. Es wäre übertrieben, sie gleich in Anlehnung an den besten Fußballer der Welt "Russis" zu nennen, aber von dieser Mannschaft mit ihren Wirbelwinden wie Dsagojew, Arschawin oder Schirokow können wir noch einiges erwarten. Hoffentlich nicht zu viel - denn die Russen sind ja durchaus ein möglicher Gegner für uns im Viertelfinale. Eine Statistik möchte ich Ihnen, liebe Leser, auf gar keinen Fall vorenthalten: Immer, wenn die deutsche Mannschaft in einem Turnier ihr Auftaktspiel gewonnen hat, stand sie am Ende auch im Finale. In diesem Sinne - högschde Konzentration auf den Titel!

Jessica Kastrop ist Moderatorin beim Bundesligasender Sky