EM 2012

Hallo, Herr Löw, wir sind Ihre Nachbarn!

Wie die Polen den Besuch der deutschen Mannschaft erleben. Eine Reportage aus dem Idyll rund um das Teamquartier "Dwor Oliwski"

- Cytrus müsste längst tot sein. Die polnischen Ärzte hatten ihn schon aufgegeben, erzählt Monika Kaczurek und streichelt liebevoll ihren Trakehner, der seine Nüstern zärtlich in ihre Handfläche stupst. Cytrus ist ein prächtiges Pferd, mannshoch, kastanienbraun, mit glänzendem Fell. Deutsche Tierärzte haben ihm vor zwei Jahren das Leben gerettet, als er schwer krank war. Seither ist ihr Deutschland noch sympathischer geworden, sagt die 37-Jährige und blickt hinüber zu einer Reihe weißer Fachwerkhäuser, die ihre Giebel über einen abgehängten Zaun strecken. "Germany" steht dort auf einem lila Bus, der vor dem Hotel parkt.

Hinter dem Sichtschutz, weiß Monika Kaczurek, wohnen jetzt die deutschen Nationalspieler. Jeder hier im Viertel weiß das, schließlich wird hier seit Monaten gehämmert und gewerkelt. Sogar eine Fernsehbühne ist am Dorfteich aufgebaut worden, und hinter den Bäumen stehen zwei riesige Zelte: das Medienzentrum des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). "Das war ein vergessener Stadtteil", sagt Pferdeliebhaberin Kaczurek. Jetzt ist plötzlich alles blitzblank, und es geht zu wie in einem Ameisenhaufen.

Am Montag ist die DFB-Auswahl endlich eingezogen in die Luxusherberge "Dwor Oliwski". Mit Polizeieskorte, Blaulicht, Martinshorn und reichlich Brimborium rauschte der Mannschaftsbus durch, vorbei am Wegweiser Richtung Zoo und am neu angelegten Trainingsplatz, hinter dem Ententeich dann rechts ab zum Hotel. Und kaum hatten sich die prominenten Gäste häuslich eingerichtet, dröhnten erneut die Polizeisirenen durch den Danziger Stadtteil Oliwa, der dem Quartier der deutschen Elf seinen Namen gegeben hat und der eher wirkt wie ein Dorf, wie ein ländliches Idyll weit entfernt vom Trubel einer 450.000-Einwohner-Metropole. Denn zwei Tage nach dem Einzug kam Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Besuch. Wieder war der Trubel groß. Nun herrscht Ruhe, und das ist auch gut so, findet Kaczurek. Ihre Tiere werden sonst nervös. Sie betreibt den Reiterhof "Zeliwiak" und führt ihre Pferde oft an der Straße spazieren. Von den Deutschen sei sie trotz aller Tumulte begeistert, sagt, "das sind sehr nette Gäste". Über mehr als ein Winken beim Vorbeifahren ist der Kontakt zu den neuen Nachbarn zwar noch nicht hinausgekommen, aber die Deutschen seien ja generell sehr tierfreundlich, das gefalle ihr: "Davon können sich die meisten Polen eine Scheibe abschneiden."

"Polnische Frauen sind eitel"

Über Tierschutz macht sich Gertruda Dybalowska keine Gedanken, mehr schon um ihre Frisur. Wenn Reporter von einer deutschen Zeitung kommen, will sie doch gut aussehen, sagt die 85-Jährige und streicht sich über die weißen Haare. Wenigstens ihren Arbeitskittel will sie ausziehen für den Fotografen, wenn sie schon nicht vorher zum Friseur kann. "Polnische Frauen sind alle ein wenig eitel", sagt sie und lacht. Natürlich hat sie es mitbekommen, als der deutsche Bus an ihrem Haus vorbeigefahren ist, das war ja nicht zu überhören. Fußball? Interessiert sie nicht so sehr. Aber Deutschland findet sie gut. Ihre Schwester hat in Deutschland gewohnt, sie selbst war lange nicht mehr im Nachbarland. Das Geld, sagt sie und lächelt ein bisschen verlegen.

Nicht weit entfernt hämmert Ryszard Duniec (55) Bretter an seinen Zaun. Ein Foto? "Können wir machen", sagt er. Aber bitte nur mit geschlossenem Mund, kein Lächeln. Es ist ihm ein bisschen peinlich, dass ihm fast alle Zähne fehlen, sagt er, aber was soll er machen? Diesseits des Zaunes zum Luxushotel muss jeder Zloty zweimal umgedreht werden. Diese im Garten aufgehängten Netze, damit niemand auf das Gelände blicken kann, ärgere ihn schon: "Dabei sind die Fußballspieler doch auch nur ganz normale Menschen." Immerhin hat die Stadt Danzig die Straßen neu gemacht. Da geht es schon in Ordnung, dass es ein paar Wochen lang keine freie Sicht gibt und die Polizei, die neuerdings seine Straße absperrt, ihn nur mit Durchfahrtsschein passieren lässt.

Noch viel mehr freuen sich Michal Baluta (18) und sein Kumpel Piotr Wrzaszcz (20) über den neuen Straßenbelag. Die beiden zischen mit ihren Skateboards an den violetten EM-Bannern vorbei, mit denen das Mannschaftshotel vor unerwünschten Blicken geschützt wird. "Endlich passiert hier mal was", sagt Michal. Und endlich können die Skater vor ihrer Haustür auf die Tube drücken. Vorher schlängelte sich hier eine Buckelpiste, deren Schlaglöcher so tief wie Brunnenschächte waren. Nun liegt hier feinster Teer. Dank der deutschen Nationalmannschaft. Es ist aber auch wirklich ein wenig beschaulich hier draußen für einen Schüler und einen Studenten. Die Laubenpieperkolonie "Dickmana" liegt wie ausgestorben da. Viele der Gartenfreunde kommen nur am Wochenende zu ihren Spitzdachhäuschen und akkuraten Blumenrabatten. Unter der Woche gehört das Schrebergartengelände rund um das "Dwor Oliwski" Bienen, Igeln - und Rentnern. Ein alter Mann kommt an den Zaun. Er hat gerade seinen Rasen gesprengt und Lust zu plaudern. Die deutsche Mannschaft habe er schon gesehen. Er hat einen guten Blick auf das Hotel, und manchmal schlendern die Spieler umher. So wirklich interessiere ihn das nicht. Von Lukas Podolski hat er schon gehört. Aber er macht sich nicht so viel aus Fußball, sein Garten ist wichtiger. Als wir nach seinem Namen fragen, winkt er ab. Aber ein Foto, das sei kein Problem.

"Endlich wurde mal aufgeräumt"

Da ist Jozef Przydalsk ein paar Parzellen weiter schon offener. "Für uns ist es wichtig, dass die Wege jetzt gut sind, dass hier endlich mal aufgeräumt wurde", sagt der 74-Jährige und zieht seine nicht mehr ganz blütenreine Trainingshose hoch. Doch ob das so bleiben wird? Wohl eher nicht, sagt er: "Wenn die Deutschen weg sind, interessiert sich doch niemand mehr für uns."

Denkbar ist das - leider. Der Trainingsplatz, der für 250.000 Euro aus dem Boden gestampft wurde, soll wieder verschwinden, wenn die Nationalspieler abgereist sind. Genau wie die Extraausstattung, die der DFB in das "Dwor Oliwski" karren ließ. 47 Tonnen Gepäck hat der Verband mit sechs Sattelzügen nach Danzig liefern lassen. Jeder Spieler hat neben einem personalisierten Mountainbike mit Namenszug auf der Querstange auch eine klimatisierte Bettdecke bekommen, damit er im Schlaf besser regenerieren kann.

Auch der Kickertisch, die Dart-Scheiben und Spielekonsolen, die derzeit in den "Chill-out-Lounges" für die Vergnügung der Profis bereitstehen, werden wieder verpackt und nach Deutschland zurücktransportiert. Die vergrößerte Sauna wird wieder auf Normalmaß zurückgestutzt, die lila Beklebung vom Bus gekratzt und Hunderte Meter mobile Zäune abgebaut.

Dann sind auch wieder Zimmer im "Dwor Oliwski" zu bekommen, das Doppelzimmer mit Frühstück für 110 Euro. Derzeit sind alle 70 Betten vom Deutschen Fußball-Bund gebucht. Ist die Nationalmannschaft weg, gehört der Stadtteil "Oliwia" wieder den Pferden, den Laubenpiepern und den Menschen, die hier leben. Aber sie werden sich wohl noch lange erzählen, wie es war, einmal Nachbar der deutschen Nationalmannschaft zu sein...