Tennis

"Der wertvollste Erfolg meiner Karriere"

Wie aus dem Sorgenkind Angelique Kerber die Vorzeigefrau des deutschen Tennis wurde

- Es war ein regengrauer Frühlingstag in Paris, an dem die Windböen wie im Herbst über den Court Suzanne Lenglen fegten. Doch auch die Wetterkapriolen in Frankreichs Kapitale konnten Angelique Kerber nicht erschüttern an diesem 3. Juni 2012, an dem ihre Aufstiegsstory im Tenniszirkus die vorläufige Krönung erlebte - mit einem Vorstoß in den exklusiven Klub der French-Open-Viertelfinalistinnen. "Das ist schon unglaublich, das ist der wertvollste Erfolg in meiner Karriere", sagte die Kielerin nach dem 6:3, 7:5-Sieg über die Kroatin Petra Martic, der knapp ein Jahr nach dem Pariser Erstrunden-Aus gegen die Rumänin Edina Gallovits und einem bitteren Karriere-Tiefpunkt kam.

"Bei ihr stimmt zurzeit einfach alles", befand Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner über die Spielerin, die in zwölf Monaten vom Sorgen- und Krisenfall im deutschen Damentennis zur Vorzeigefrau und Musterschülerin geworden ist. In einem Wettbewerb, der außer Maria Scharapowa bisher keine überragenden Erscheinungen hat und in dem gestern die Weltranglistenerste Viktoria Asarenka (Weißrussland) 2:6, 6:7 (4:7) an der Slowakin Dominika Cibulkova scheiterte, kann Kerbers Reise noch munter weitergehen - am Dienstag spielt sie gegen die Italienerin Sara Errani, selbst eine Newcomerin.

Aber Angelique Kerber, nach den Niederlagen von Tommy Haas und Julia Görges die letzte deutsche Mohikanerin in Paris, scheint bei diesen French Open jeder nur möglichen Gegnerin und allen denkbaren Widrigkeiten trotzen zu können - die Beharrlichkeit der ehedem so labilen, unsteten Profispielerin ist ebenso verblüffend wie die Nervenkraft in kritischen Momenten. "Beeindruckend ist, welche Ruhe sie ausstrahlt", sagt Rittner, "selbst wenn um sie herum Hektik und Chaos ausbrechen." Das war nicht nur in den ersten fünf Monaten ihrer bisher besten Saison, sondern auch bei diesen French Open zu bestaunen, in die sie mit dem Erwartungsdruck einer Top-Ten-Spielerin ging. "Die Erfolge der letzten Wochen und Monate haben mir nicht nur Selbstbewusstsein, sondern auch eine große innere Ruhe gegeben", sagte Kerber, "ich habe mir selbst gezeigt, dass ich nicht zufällig da vorn stehe." Zur Erinnerung: Noch vor Jahresfrist vegetierte sie, von Selbstzweifeln geplagt, um Platz 100 der Weltrangliste herum, scheinbar ohne Perspektive.

Paris 2012 zeigte die neue Kerber modellhaft. Was immer ihr an Aufgaben bei diesem herausfordernden Grand-Slam-Turnier bevorstand - Kerber erledigte die Prüfungen mit Präzision, positiver Attitüde und einem Schuss Gleichmut, der anderen deutschen Spielerinnen fehlte, etwa Sabine Lisicki oder auch Julia Görges. Die am Sonnabend im Dämmerlicht ausgeschiedene Görges leistete sich bei ihrem 6:7, 6:2, 2:6 gegen die Niederländerin Arantxa Rus einen leicht zickigen Abgang, bei dem sie den Referee zur Unterbrechung aufforderte, Verwünschungen gegen die Zuschauer ausstieß und sich auch noch eine seltsame Verletzungspause in der hereinbrechenden Dunkelheit nahm.

Da tritt eine Angelique Kerber ganz anders auf. Kerbers souveräne Pariser Kampagne kommt keineswegs aus dem Nichts. Sie zählt schlicht zu den großen Aufsteigerinnen, hat Hallenturniere in Paris und Kopenhagen gewonnen und verfügt 2012 mit 37 Siegen und zehn Niederlagen über eines der besten Arbeitszeugnisse des Circuits. Fast spielerisch leicht steckte die Himmelsstürmerin so auch ihre vergangenen Frustrationen in Paris weg, wo sie bei vier Turnierstarts bisher nur einen Sieg hatte feiern können. "Sand ist zwar nicht mein Lieblingsbelag, aber ich habe mich sofort in das Turnier reingefightet, jetzt genieße ich diese Erfolge umso mehr."