Niederlande

Torjäger auf dem Abstellgleis

Schalkes niederländischer Stürmer Huntelaar ist bei Bondscoach van Marwijk nur zweite Wahl

- Der Test fiel negativ für Klaas-Jan Huntelaar aus. Befund: nicht tauglich. Zumindest nach Diagnose des niederländischen Trainers Bert van Marwijk. Dessen Mannschaft gewann die EM-Generalprobe 6:0 gegen Nordirland. Den Torreigen beim deutschen Gruppengegner aber hatte maßgeblich Robin van Persie inszeniert: zwei Tore, zwei Vorlagen.

Huntelaar? Der blieb in den 33 Minuten nach seiner Einwechslung ohne nennenswerte Aktion. "In einigen Dingen bin ich bestätigt worden", sagte van Marwijk. Heißt, dass der Schalker Himmelsstürmer Huntelaar zum gefallenen Engel wird. Der Bondscoach setzt im Auftaktspiel am 9. Mai gegen Dänemark im Sturm auf van Persie. Darauf legte sich van Marwijk gestern fest. Der englische Torschützenkönig (30 Ligatreffer) hatte damit den deutschen (29) ausgestochen - und die niederländische Mannschaft ihren ersten Zoff.

Denn Huntelaar ließ die Ausbootung nicht auf sich sitzen. Direkt nach dem Spiel gegen die Iren schwieg er zwar verbittert. Er sei "im Moment nicht in der Stimmung zu reden" teilte der Pressesprecher seiner Nationalmannschaft mit. Doch da war auch schon genug durchgedrungen, um ein genaues Stimmungsbild über den 28-Jährigen erstellen zu können. Vor der Partie hatte Huntelaar geklagt, dass van Marwijk seine Verbannung auf die Bank lange vorbereitet haben soll. "Sehr frustrierend" sei das, "ich finde, dass ich keine echte Chance erhalten habe. Ich gebe mich mit dieser Rolle nicht zufrieden." Und damit steht er nicht allein.

Personalie wird zum Politikum

So sprang ihm etwa Mitspieler Wesley Sneijder zur Seite: "Klaas-Jan kam beim Stand von 5:0 aufs Feld. Niemand wollte sich mehr verletzten, also haben wir nicht mehr so offensiv gespielt." Auch in den Niederlanden hat sich eine Fraktion um Huntelaar und Opposition gegen van Marwijk gebildet. Die Personalie ist zum Politikum geworden "Das Volk will Klaas-Jan" propagierte die einflussreiche Tageszeitung "De Telegraf", während van Marwijk sarkastisch zurückgiftete: "Sind zu diesem Thema schon im Parlament Fragen gestellt worden?" Doch da war Volkes Zorn über die unpopuläre Maßnahme schon entfesselt. Flankiert wurde das von einer Umfrage im Internet des Sportportals "voetbalprimeur.nl", nach der sich 71,3 Prozent für einen Stammplatz von Huntelaar aussprachen. Außerdem hatte das "Algemeen Dagblad" errechnet, dass Huntelaar bei Länderspielen im Schnitt nur 97 Minuten für ein Tor braucht, van Persie dagegen 174 Minuten. Weil die Sache mittlerweile ziemlich zerfahren ist und einem Lagerwahlkampf gleicht, machte nicht einmal mehr der Mannschaftskapitän Anstalten, sich neutral zu verhalten. Mark van Bommel, van Marwijks Schwiegersohn, schlug sich auf die Seite seines Trainers. "So ist das eben in unserem kleinen Land. Wir haben 16 Millionen Bondscoaches, und jeder will auch mitreden", zeterte er.

Natürlich kommt der Hauskrach kurz vor EM-Beginn zur Unzeit - wieder einmal. Das Team schickt sich an, endlich den zweiten Titel seiner Fußballgeschichte zu gewinnen - und erneut drohen interne Streitigkeiten und Verwerfungen das Ziel ernsthaft zu gefährden. In der Historie des Königlich Niederländischen Fußballverbandes KNVB hat das eine jahrzehntelange Tradition. Stets schickte der KNVB eine aussichtsreiche Auswahl zu den Turnieren, doch nur 1988 kehrte die von der EM in Deutschland von Erfolg gekrönt zurück. Ansonsten: Schlammschlachten und Verfehlungen allerorten. Es fing im Grunde mit der wohl besten aller niederländischen Mannschaften an. So wurde während der WM 1974 ruchbar, dass sich Johan Cruyff und andere Spieler mit ein paar Schönheiten nachts und nackt im Pool des Hotels Krautkrämer in Hiltrup vergnügt haben sollen. Das Ergebnis ist bekannt: Das Finale gewannen die Deutschen.