Nationalmannschaft

Mission EM-Titel startet im Olivenhof

Die deutsche Nationalmannschaft bezieht heute das Hotel Dwor Oliwski nahe Danzig

- Die letzten Meter führen immer tiefer in den Wald. Durch eine Schrebergartenkolonie, über Kopfsteinpflaster und Schlaglöcher. Es würde wohl niemand ein Fünf-Sterne-Hotel am Ende des Weges erwarten, eher schon einen Campingplatz. Doch im abgelegenen "Freudental" im Hinterland von Danzig wird ab heute die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im noblen "Dwor Oliwski" logieren, um sich optimal auf ihre Titel-Mission bei der EM vorzubereiten.

Im "Olivenhof" mit seinen reetgedeckten Landhäusern, seinem malerischen Garten und einem kleinen Bächlein vor der Tür erwartet Bundestrainer Joachim Löw, Kapitän Philipp Lahm und Co. der gewohnte Turnier-Luxus. "Als wir erstmals nach Danzig gekommen sind, war es quasi Liebe auf den ersten Blick", sagte DFB-Präsident Wolfgang Niersbach über das deutsche Quartier.

Bereits seit Sonnabend ist die exquisite Herberge exklusiv vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) bis zum Finale am 1. Juli gebucht. Teammanager Oliver Bierhoff sieht im Olivenhof "alle unsere Kriterien erfüllt. Wir finden eine entspannte Atmosphäre in schöner Umgebung vor." Diese Abgeschiedenheit und die Ostseeluft, "das ist genau das Richtige, um zwischen den Spielen durchzuatmen", fügte Niersbach an.

Trainingsplatz für 250.000 Euro

Bierhoff stellte zudem heraus, "dass wir sehr gute Trainingsbedingungen haben". Eigens für die DFB-Auswahl wurde rund 200 Meter vom Hotel entfernt ein Trainingsplatz angelegt, den sich der Verband angeblich 250.000 Euro kosten ließ. "Dieses EM-Quartier gefällt uns, weil es auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist", sagte Löw. Dem DFB-Tross stehen 70 klimatisierte Zimmer, ein Restaurant, ein Weinkeller aus dem 17. Jahrhundert, ein Fitness- und Wellness-Bereich mit Pool, Sauna und Sanarium und zwei Konferenzräume zur Verfügung.

Und so langsam kommt auch EM-Stimmung auf. Am späten Sonnabendnachmittag wurde an den letzten Details gebastelt, um den Aufenthalt des Teams perfekt zu gestalten. Ein überdimensionaler Grill wurde geliefert, dazu Dutzende Paletten Bier. "Es läuft alles nach Plan. Wir sind auf den Punkt genau fertig", sagt ein Mitarbeiter des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). "Wir freuen uns sehr, dass die deutsche Mannschaft bei uns wohnt. Das ist eine Ehre für Danzig - und vor allem für uns", sagt Hotelmanagerin Maja Lubomanska-Palarczyk. Seit einem dreiviertel Jahr bereiten sich die Angestellten der Luxusherberge akribisch auf den deutschen Besuch vor. Das Hotel wirkt fast gegensätzlich zur Gastgeberstadt Danzig. Vom EM-Fieber ist dort kaum etwas zu spüren.

Danzigs Bürgermeister Andrzej Bojanowski zeigt sich trotzdem "sehr stolz". Der Besuch der deutschen Nationalelf sei "sehr wichtig für Danzig und die Region". Deshalb wäre es "schön blöd, wenn die gleich nach der Vorrunde wieder auschecken müssten", sagte Hotel-Geschäftsführerin Izabela Wilczynska. Sie hofft natürlich, dass ihr "Olivenhof", in dem schon Lech Walesa, Rod Stewart, Kylie Minogue oder Prinzessin Anne genächtigt haben, einen Platz in der deutschen Fußball-Historie findet - wie etwa das legendäre Hotel Belvedere, im dem 1954 der Geist von Spiez entstand, das "Castello di Casiglio" in Erba/Italien (1990) oder "Mottram Hall" in England (1996).

Seit rund sechs Monaten telefoniert Wilczynska fast täglich mit dem DFB. Man rede darüber, "wo die Playstations aufgebaut werden, zum Beispiel. Und über Details der Speisekarte." Allerdings bringt der DFB wie immer bei solchen Anlässen seinen eigenen Koch mit. "Eigentlich bringen die alles mit. Das wird ein entspannter Sommer für uns." Worüber Wilczynska derzeit lieber auch schweigt, ist ein Testbericht, den unlängst das Fachmagazin "Top hotel" nach einem im März durchgeführten anonymen Besuch veröffentlichte. Dabei erhielt das "Dwor Oliwski" unter der Überschrift "Schöner Schein" nur die Note befriedigend. Im Spa-Bereich wurden sogar "gravierende Mängel" festgestellt, etwa "Duschen mit verkalkten Brauseköpfen und schmuddelige Fugen".

Hohe Sicherheitsmaßnahmen

Wer auf ein Sommermärchen hofft, wird jedoch enttäuscht. Zumindest was derzeit die Temperaturen angeht. Kalt ist es, nicht über zehn Grad, und der Wind bläst am Ufer der Weichsel. Dennoch bemühen sie sich in Danzig. "Dansk welcomes you" steht hier und da auf großen violetten Plakaten. An den Laternen auf den Zufahrtsstraßen und in der historischen Altstadt sind kleine Flaggen angebracht, in der Fußgängerzone werden auf sieben Säulen die "wahren Geschichten des polnischen Fußballs" dargestellt. Als "proud host city" gibt sich die Hafen- und ehemalige Hansestadt an der Ostsee, trotzdem wirkt sie, als hätten die meisten Einheimischen die Flucht ergriffen.

Auch auf dem rund drei Kilometer langen, holprigen Weg Richtung Oliwski ist man einsam - das ist aber so gewollt. Alle hundert Meter wartet ein in schwarz gekleideter Sicherheitsmitarbeiter, der sechs Meter hohe Zaun einer deutschen Firma um das Anwesen tut sein Übriges. Die Anwohner des Waldgebiets mussten sich vor einigen Wochen bei der Polizei registrieren lassen, um nach der Straßensperrung am Sonntagmorgen noch zu ihren Häusern passieren zu dürfen.