Handball

Vom Jäger zum Gejagten

Mit Konstanz und Leidenschaft haben die Füchse eine überragende Saison gespielt

- Der finale Akt geriet noch einmal zur großen Show von Mark Bult. Fast jeder Wurf des Niederländers in Diensten der Füchse Berlin war ein Treffer, insgesamt zwölf Tore erzielte der Linkshänder im letzten Saisonspiel des Hauptstadtklubs bei MT Melsungen, das mit einem 28:28 (14:17)-Unentschieden endete. Dennoch überwog bei den Füchsen die Freude über eine gelungene und historisch bedeutsame Saison, und so verabschiedeten sich die Handball-Profis mit einem Lachen in die Sommerpause.

"Es hat bei den Füchsen eine neue Zeitrechnung begonnen", sagt Geschäftsführer Bob Hanning, "die Mannschaft hat über die ganze Saison hin eine Leistung zum Niederknien gezeigt. Was uns so stark macht, ist dass wir alle eine Einheit bilden und keiner von außen diesen Zirkel durchbrechen kann. Wir können sehr stolz sein auf das Erreichte und dürfen das jetzt auch mal ein bisschen genießen. Das haben wir uns bei den Füchsen verdient." Damit meint Hanning nicht nur die Spieler und das Betreuerteam um Cheftrainer Dagur Sigurdsson. Auch die Mitarbeiter der Geschäftsstelle und vielen ehrenamtlichen Helfer, ohne die das ganze Berliner Handball-Projekt nicht funktionieren würde. Hanning: "Wir sind eine große Familie, es gibt so unendlich viele Menschen, die für den Verein leben, aber nicht von dem Verein leben wollen."

Siegeszug durch Europa

Zum ersten Mal überhaupt hatten sich die Füchse für den internationalen Wettbewerb qualifiziert - um dann gleich in der Champions League für Furore zu sorgen. Den Europacup hatten sie dabei quasi übersprungen. In der Gruppenphase biss sich die Mannschaft von Dagur Sigurdsson trotz namhafter Konkurrenz als Vierter durch, schaltete dann im Achtelfinale sensationell den HSV Hamburg aus. In der Runde des letzten Acht holten die Berliner im Rückspiel gegen Ademar Leon aus Spanien einen Elf-Tore-Rückstand auf und qualifizierten sich somit für die Endrunde in Köln, wo sie im Halbfinale dem späteren Sieger THW Kiel nur mit einem Tor Differenz unterlegen waren. "Wir haben Appetit auf mehr bekommen", sagt Torhüter Silvio Heinevetter, "das war ein überragendes Erlebnis."

Ihren Erfolgshunger dürfen die Füchse auch kommende Saison wieder in der Königsklasse stillen, dank des dritten Platzes in der Abschlusstabelle haben sie sich erneut die direkte Qualifikation für die Champions League gesichert und fiebern nun schon der Auslosung Anfang Juli entgegen. "Aber bei unserem Losglück können wir uns wieder auf eine Hammergruppe einstellen", sagt Hanning und lacht. Die Zielsetzung steht freilich jetzt schon fest: "Wir wollen die Gruppenphase überstehen und das Achtelfinale erreichen, was danach kommt, ist die Zugabe."

16 zusätzliche Spiele haben die Füchse durch die Teilnahme an der Champions League absolviert und dabei kaum Schwächen offenbart. "Wir haben auf hohem Niveau eine unglaubliche Konstanz gezeigt", erklärt Trainer Sigurdsson die Erfolge, "die Mannschaft hat in jedem Spiel immer vollen Einsatz gezeigt und Charakter bewiesen." Selbst die international noch unerfahrenen Johannes Sellin oder Colja Löffler trumpften in der Königsklasse auf. "Wir haben die Jugend mit Herz und Leidenschaft kompensiert", sagt Hanning, "16 schwere Spiele in der Champions League und dazu noch Dritter in der besten Handball-Liga der Welt, das macht mich sehr zufrieden. Und das gibt mir auch die Kraft, von morgens bis abends vollen Arbeitseinsatz für die Sache zu zeigen." Auch finanziell hat sich die Champions League für die Füchse gelohnt, nach Abzug aller Kosten hat die Königsklasse um die 400.000 Euro in die Kasse gespült, erstmals konnte Hanning den Spielern eine Prämie in Höhe von 100.000 Euro zahlen.

Aber wer Hanning kennt, der weiß auch, dass Zufriedenheit nur ein kurzzeitiges Hochgefühl bei ihm auslöst. Stillstand ist nicht sein Ding, der Manager ist stets in Bewegung, er stößt an oder entwickelt selbst neue Ideen. Motto: Es strebt der Mensch, so lange er lebt. Wirtschaftlich seien die Füchse gesund, sagt der 44-Jährige, für den Seriosität höchste Priorität hat. "Wir haben eine überragende Saison gespielt, aber das zählt bald schon alles nicht mehr. Wir dürfen uns daher nicht auf dem Erreichten ausruhen, sondern müssen in der neuen Saison noch einen draufsetzen", sagt Hanning, der befürchtet: "Wenn wir die gleiche Leistung in der kommenden Saison bringen, werden wir Siebter. Das reicht nicht mehr, weil die anderen Klubs besser werden".

Ganz sicher wird der HSV Hamburg unter Meistertrainer Martin Schwalb alles daran setzen, wieder im Titelkampf einzugreifen und mindestens einen Champions-League-Platz zu erreichen. Auch die Rhein-Neckar Löwen, Flensburg und Magdeburg werden alles versuchen, den Füchsen das Leben schwer zu machen. Vom Jäger sind die Füchse zu den Gejagten geworden, der Druck steigt. "Es ist keine Selbstverständlichkeit, unter den Top drei zu sein, kommende Saison wird uns nichts geschenkt", sagt Hanning.

Stenbäcken vor dem Absprung

Die Qualität, den Angriffen der Konkurrenz zu trotzen, haben die Füchse freilich, das haben sie in den vergangenen Monaten immer wieder eindrucksvoll bewiesen. Zwar verlässt der Linkshänder Alexander Petersson den Verein und wechselt zu den Rhein-Neckar Löwen, dafür kommt mit Konstantin Igropulo der nächste Starspieler vom FC Barcelona. Mit dem Russen erhoffen sich die Füchse im Angriff eine Verstärkung, zudem passe Igropulo noch besser ins Spielsystem von Regisseur Bartlomiej Jaszka. Von den beiden deutschen Außenspielern Johannes Sellin und Colja Löffler erhofft sich Hanning den nächsten Schritt. "Es darf ihnen nicht genügen, nur dabei zu sein. Beide haben noch viel Potenzial, das müssen sie jetzt ausschöpfen", so der Manager. Seine Qualität nicht gezeigt hat Jonathan Stenbäcken, es sieht so aus, dass der Schwede den Verein im Sommer verlässt. "Wenn Stenbäcken uns verlässt, aber auch nur dann, überlegen wir, noch einmal zu handeln", sagt Hanning, "allerdings werden wir keine Talente mehr von außen holen, sondern nur noch aus dem eigenen Stall Leute hochziehen. Immerhin sind wir im Nachwuchs die Besten in Deutschland."