Fußball

Azzurri-Absturz nach Chaos-Woche

Wettskandal, Buffon unter Verdacht, verlorenes Testspiel - Italien geht heftig angeschlagen in die Europameisterschaft

- Den Grund hatte Cesare Prandelli schnell gefunden. "Es ist schwierig, in diesem Klima zu spielen", sagte Italiens Nationaltrainer nach dem herben 0:3 im letzten EM-Vorbereitungsspiel gegen Russland. Prandelli meinte jedoch nicht das Wetter in Zürich, sondern die Turbulenzen der vergangenen Tage im Umfeld der Squadra Azzurra. Wett- und Manipulationsskandal, Festnahmen, ein Erdbeben unter der Woche in Norditalien, dazu ein Ministerpräsident, der den italienischen Profifußball für "zwei, drei Jahre" aussetzen will. Und Prandelli selbst hatte am Freitag noch vor dem Spiel erklärt, er hätte "kein Problem" damit, wenn seine Nationalmannschaft zum Wohle des italienischen Fußballs auf die EM verzichten müsste. Und die nächste Affäre rollt schon auf Italien zu: Nationaltorhüter Gianluigi Buffon (34) scheint tiefer in den Sumpf des Wett- und Manipulationsskandals verwickelt zu sein als gedacht. Ermittler durchsuchten ein Wettbüro in Parma, in dem der Kapitän der Squadra Azzurra zwischen Januar und September 2010 bis zu 14 Schecks im Gesamtwert von 1,5 Millionen Euro eingereicht haben soll. Noch bestreitet Buffon jedwede Verwicklung in krumme Geschäfte. Der 34 Jahre alte Torhüter bestreitet die Vorwürfe. "Ich bin verbittert, gegen mich sind formell keine Vorwürfe erhoben worden. Meine Ausgaben sind meine Angelegenheit", sagte Buffon: "Mit meinem Geld kann ich machen, was ich will, meine Bankkonten sind transparent. Illegale Wetten sind etwas Negatives, aber damit habe ich nichts zu tun."

Offensichtlich ist: Der viermalige Weltmeister geht angeschlagen in die Europameisterschaft kommende Woche in Polen und der Ukraine, wo im ersten Gruppenspiel (10. Juni) ausgerechnet Welt- und Europameister Spanien wartet. Die deutliche Niederlage gegen Russland war da nur der sportliche Tiefpunkt einer schwarzen Woche für Italiens Fußball. "Paradoxerweise ist es gut, dass wir heute hier so verloren haben", sagte Prandelli, "denn für einige Leute waren wir ja schon Europameister, die Favoriten. Mit diesem Spiel sind wir zurück auf dem Boden der Tatsachen." 300 Minuten warten die Italiener nun schon auf ein Tor, drei Länderspielniederlagen in Folge haben die Azzurri selten erlebt. Viel mehr Sorgen bereitet Prandelli jedoch die Abwehr, sonst traditionell das Prunkstück italienischer Auswahlmannschaften. Er sei "überrascht" von der Leistung seiner Verteidigung gewesen, sagte Prandelli: "Man konnte sehen, wie zerbrechlich wir sind, wenn wir in Rückstand geraten." Eine Beschreibung, die aufhorchen lässt für eine Nation, deren größte Stärke seit jeher ein mehr als gesundes Maß an Selbstbewusstsein war. Eines, das durch die Vorkommnisse der vergangenen Tage und Wochen ganz offensichtlich ramponiert wurde.

Sorgen, die Nationalcoach Dick Advocaat aufseiten Russlands nicht hat. 14 Spiele in Folge ist die Sbornaja inzwischen ungeschlagen, in Zürich überzeugte die Mannschaft um ihren Star Andrej Arschawin durch eine konzentrierte Abwehrleistung im ersten und eine eiskalte Chancenverwertung im zweiten Abschnitt. Das Team gehört bei der EM in die Kategorie Wundertüte. Erster Gegner ist am kommenden Freitag Tschechien, das den letzten Test 1:2 gegen Ungarn verlor.