Handball

Abschied vom Sprungwunder

Alexander Petersson will im letzten Heimspiel als Fuchs die Königsklasse klar machen

- Heute so gegen 16.30 Uhr wird Mannschaftsbetreuer Detlef Klavehn in der Füchse-Kabine den Reißverschluss der großen schwarzen Tasche zurückziehen, den ersten Stapel Trikots herausziehen und dann eines nach dem anderen an den gewohnten Haken hängen. Beim Jersey mit der Nummer 30 wird er sicher einen Moment lang inne halten.

Denn der, der es zwei Stunden später gegen den TV Lemgo (18.30 Uhr, Schmeling-Halle) tragen wird, Alexander Petersson, wird zum letzten Mal für Berlins Handballteam im Fuchs-Bau auflaufen. Ein letzter Kaffee im Raum der Kabine gegenüber, wahrscheinlich ein halbes Brötchen dazu, ein wenig Small-Talk mit den Kollegen, er wird sich aufwärmen, der Physio wird noch kurz seine linke Schulter behandeln. Dann wird das Deckenlicht in der Halle herunter gefahren und der Isländer wird im Lichtkegel der Scheinwerfer aufs Parkett laufen.

Petersson, der in Riga/Lettland geborene Isländer, zögert ein wenig bei der Wortwahl, wie es wohl sein wird, wenn er sich zu seiner heimischen Abschiedsvorstellung aufmacht und sagt dann, "es wird wohl ein dramatischer und sehr emotionaler Moment". Für viele mag dieser Satz vielleicht übertrieben klingen. Verständlich wird er aber, wenn man bedenkt, was der Linkshänder in nur zwei Jahren in Berlin alles erlebte.

Als er im Sommer 2010 von der SG Flensburg-Handewitt zu den Füchsen kam, hatten diese gerade die Bundesliga-Saison als Neunter beendet. Europa spielte ohne sie. Mit ihm - und natürlich auch weiteren Verstärkungen wie Denis Spoljaric, Sven-Sören Christophersen oder Ivan Nincevic - an Bord hob die Füchse-Rakete ab. Mit Platz drei in der Bundesliga löste die Mannschaft das Ticket für die Champions League. Es folgte ein Siegeszug quer durch Europa, der erst am vergangenen Wochenende mit einem denkbar knappen 24:25 im Halbfinale gegen den THW Kiel endete. Das Handball-Wunder gegen Ademar Leon, als die Füchse einen Elf-Tore-Rückstand aufholten, inklusive.

Der Isländer gibt immer Vollgas

"Das war schon sensationell, was wir da geschafft haben", staunt Petersson rückblickend auch ein wenig über sich selbst. "Das hätte wirklich keiner gedacht." Niemand könne zwar in die Zukunft schauen, aber so etwas noch einmal zu erleben, sei "wohl fast unmöglich".

Sein Manager und Noch-Boss Bob Hanning weiß, dass sein scheidender Star "maßgeblichen Anteil an diesen Erfolgen hat. Ob gegen einen Kreisligisten oder Kiel - Alexander ist jemand, der immer Vollgas gibt, ein Vorbild durch und durch." Dass der Moment des Abschieds kommen wird, weiß der sprung- und wurfgewaltige Linkshänder schon lange. Bereits im Januar 2011 unterschrieb er einen Drei-Jahres-Vertrag bei den Rhein Neckar Löwen. "Die Löwen können sich freuen", sagt Hanning. "Sie bekommen einen Vollprofi."

Nun wäre es allerdings ein gänzlich verkorkster Abend, wenn Petersson sich heute von den Fans nach einer Niederlage gegen Lemgo verabschieden müsste. "Wir wissen um die Bedeutung dieses Spiels", sagt Hanning, dessen Team mit einem Sieg endgültig Platz drei in der Liga klar machen kann. "Wir müssen das Spiel gewinnen, um wieder in der Champions League zu spielen."

Auf Petersson kann er in jedem Fall zählen. Das Final-Four-Turnier der Champions League steckt ihm und seinem Team zwar noch in den Knochen, aber er wird mit "vollem Herzen" spielen. Natürlich seien "alle enttäuscht" gewesen und noch immer ein "wenig sauer". Deswegen sei es wahrscheinlich gut, gleich wieder zu spielen. Es wird ein Abschied auf Raten, heute in der Schmeling-Halle von den Fans, am Donnerstag dann im "Don Camillo" im "Kreise der Familie", wie Hanning die Runde aus Spielern und Mitarbeitern nennt. Dort wird der Füchse-Macher dann auch eine Art Laudatio auf seinen Rückraumspieler halten und ihm zur Erinnerung an seine Zeit als Fuchs ein Geschenk übergeben. "Wenn wir Lemgo schlagen, darf es dann auch ruhig etwas länger werden", sagt Hanning. "Wenn nicht, bleibt es beim Abendessen." Dann nämlich ginge es am Sonnabend im allerletzten Saisonspiel in Melsungen noch einmal darum, den drängelnden HSV Hamburg vom so begehrten Platz drei fernzuhalten.

Keine Angst vor Gefühlen

Bei aller sportlichen Wertigkeit: Der "dramatische, emotionale Moment", in dem Petersson heute aufs Parkett läuft, wird kommen. Dass er der Sportart angemessen hart im Nehmen ist, hat er Hunderte Male bewiesen. Nicht zuletzt, als es darum ging, ob er an der linken Schulter operiert werden müsse - und sich in Absprache mit den Ärzten und dem Klub doch für eine konservative, aber gleichwohl schmerzhafte Heilung entschied. Was wäre, wenn dem harten Profi heute beim Abschied aus dem Fuchsbau das Wasser in die Augen steigen würde? "Ich weiß nicht, wie es wird, aber ich finde es nicht schlimm, wenn Männer weinen", sagt der Isländer. "Wenn die Emotionen kommen, müssen sie auch raus."