Nationalteam

Sorgen um Schweinsteiger

Der Mittelfeldspieler droht für den letzten EM-Test auszufallen. Bundestrainer Löw macht den vier Aussortierten Mut

- Nein, so ganz hat Bastian Schweinsteiger das verlorene Champions-League-Finale gegen FC Chelsea noch nicht verdaut. "Du versuchst zwar, den Kopf frei zu kriegen, aber du denkst trotzdem immer an dieses Spiel", sagte der Mittelfeldstratege des FC Bayern München: "Es ist nicht leicht, aber wenn man sich neue Aufgaben sucht, geht es einfacher. Die EM ist ein Neuanfang." Den letzten Test vor dem ersten Gruppenspiel am 9. Juni gegen Portugal wird Schweinsteiger, der seiner Topform nach langer Verletzungspause immer noch hinterher läuft, aber wohl verpassen. Den 27-Jährigen plagt vor dem Länderspiel gegen Israel morgen (20.30 Uhr, ARD) eine Wadenprellung. "Er hat seinen Bluterguss schon zu Beginn des Spiels gegen Chelsea erlitten und dann noch 115 Minuten gespielt. Deshalb ist es problematischer als erwartet", sagte Bundestrainer Joachim Löw: "Wenn es von ärztlicher Seite Einwände gibt, werde ich den Teufel tun und ihn spielen lassen."

Dennoch war Schweinsteiger auch gestern eher zum Lachen zumute, genau wie den 22 anderen nominierten Nationalspielern, die sich auf dem Trainingsplatz von Tourettes zum Mannschaftsfoto eingefunden hatten. Ein Bild, auf dem Marc-Andre ter Stegen, Cacau, Sven Bender und Julian Draxler fehlten. Das Quartett war bereits am Pfingstmontag, einen Tag vor dem Meldeschluss für die Kader der EM-Teilnehmer, von Löw aussortiert worden. Jeden einzelnen hatte der Bundestrainer zuvor zu sich gebeten und sie in "emotionalen Gesprächen" darüber informiert, dass sie nicht in Polen und der Ukraine dabei sein werden: "Das war für uns alle kein einfacher Moment", sagte der Bundestrainer.

Löw berichtete, dass die vier Aussortierten natürlich enttäuscht gewesen seien. Er habe allerdings zu jedem der vier Ausgemusterten gesagt: "Ihr habt nicht nur an die Tür der Nationalmannschaft geklopft, sondern ihr habt sie auch aufgestoßen", sagte Löw und machte den vier Streichkandidaten bereits Hoffnungen auf eine schnelle Rückkehr: "Möglicherweise ist der eine oder andere beim ersten Länderspiel nach der Europameisterschaft im August wieder dabei."

Das wäre allerdings ein Novum. Denn in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft ist es nur wenigen Spielern, die vor einem Turnier ausgebootet wurden, gelungen, sich noch einmal für das Nationalteam zu empfehlen. Der frühere Verteidiger Guido Buchwald ist einer der Glücklichen.

Vor der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko hatte der damalige Teamchef Franz Beckenbauer 26 Spieler in der Sportschule Kaiserau um sich versammelt, was er später bitter bereute: "Ich würde keine 26, sondern nur noch 24 Spieler einladen. 26 - das war zuviel. Zum Schluss ist zuviel Unruhe aufgekommen." Bis nachts um zwei Uhr diskutierte Beckenbauer damals mit seinen Assistenten Berti Vogts und Horst Köppel nach dem letzten Testspiel, ehe er die vier Streichkandidaten wusste. Jeder erfuhr es von ihm persönlich. Guido Buchwald war darüber am meisten enttäuscht und will dem Kaiser "klar meine Meinung gesagt" haben.

Spätestens 1990 waren sie wieder versöhnt, da wurden sie gemeinsam Weltmeister. Das gilt auch für Frank Mill, der 1986 im ersten Frust noch sagte: "Das Kapitel Nationalmannschaft ist für mich beendet - ein für alle Mal." Dann spielte er doch noch acht Mal unter Beckenbauer, nahm an der EM 1988 (aktiv) und an der WM 1990 (passiv) teil. Von Wolfgang Funkel und Heinz Gründel hat man dagegen nichts mehr gehört.

Rebellische Aussortierte waren Christian Wörns (vor der EM 1996), der sich "bitter enttäuscht" zeigte, Stefan Beinlich vor der EM 2000 ("Das muss mir der Herr Ribbeck mal erklären") und zuletzt Timo Hildebrand, den Joachim Löw vor der EM 2008 von der Nummer zwei zur Nummer vier herabstufte. Torwart-Trainer Andreas Köpke teilte ihm telefonisch mit, dass er nicht einmal im 26er-Kader sei, den Löw zunächst zusammengezogen hatte. Hildebrand, damals beim FC Valencia unter Vertrag: "Ich bin überrascht, geschockt, irritiert. Für mich war klar: Ich bin die Nummer zwei. Verstehen oder gar nachvollziehen kann ich die Entscheidung nicht."

Danach traf es mit Marko Marin, Patrick Helmes und Jermaine Jones noch drei Spieler, die erst kurz bei der Nationalmannschaft waren. Eine Rolle spielte danach nur noch Marin, der es immerhin noch zur Weltmeisterschaft 2010 nach Südafrika geschafft hat. Vor der musste Löw wegen des großen Verletzungspechs (Michael Ballack, Christian Träsch, Heiko Westermann) nur noch einen Spieler aussortieren. Hoffenheims Andreas Beck ging klaglos - und kam nur einmal wieder.

Besuch in Auschwitz

Wie sich bei ter Stegen, Cacau, Draxler und Sven Bender, die alle für die EM auf Abruf stehen, verhält, wird sich zeigen. Bundestrainer Löw wird das Quartett im Auge behalten. Doch ab jetzt liegt der Fokus auf der EM. "Wir schauen jetzt nach vorn", betonte Löw gestern. Man habe jetzt Klarheit und könne sich nun voll auf die letzten Tage der EM-Vorbereitung konzentrieren. Diesbezüglich sagte Löw, dass ein gutes Ergebnis morgen gegen Israel natürlich wünschenswert sei: "Aber entscheidend ist, dass wir am 9. Juni im ersten Vorrundenspiel gegen Portugal fit sind. Nur das zählt."

Vor dem Spiel gegen Portugal werden ein Teil der Mannschaft sowie Verantwortliche des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) allerdings noch die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz besuchen. Kurz nach der Ankunft in Polen wird eine Delegation aus Funktionären und Spielern zum ehemaligen Konzentrationslager fahren. Um einen Medienrummel zu vermeiden, will der DFB den genauen Termin nicht bekannt geben. Der Besuch solle "in würdiger und angemessener Atmosphäre stattfinden", sagte DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock.